Die karge und spröde Landschaft am Cabo de Gata diente als Filmkulisse für Streifen wie „Lawrence von Arabien“ und „Indiana Jones“. Foto: Wiebrecht

Selten ist die Realität schöner als die Fiktion. Doch beim Cabo de Gata in Andalusien sind Besucher aufs Angenehmste überrascht, dass die Literatur der Landschaft nicht gerecht wird.

Zugegeben: Eugen Ruges Buch „Cabo de Gata“ schreckt erst mal ab. Wer den Roman liest, der von einem Mann handelt, der an den nordöstlichen Zipfel Andalusiens reist, dort 123 Tage lang vergeblich versucht, einen Roman zu schreiben und dabei lauter mürrischen Menschen in öder Landschaft begegnet, wird überall hinwollen, nur nicht an jenen Küstenstreifen der Provinz Almería, der dem Werk seinen Titel gegeben hat. Ob man sich mit eigenen Augen dieses seltsame Stück Spanien ansehen sollte, in dem der Protagonist in Depressionen verfiel? Wer sich auf den Weg macht, kann nur selten nachvollziehen, was Ruge schildert. Im Gegenteil: Man wird aufs Angenehmste überrascht - zum Beispiel von einer spektakulären, wüstenähnlichen Landschaft, die nicht umsonst Filmkulisse für Streifen wie „Lawrence von Arabien“, „Indiana Jones“ und etliche Spaghetti-Western war sowie von beschaulichen Dörfern mit einer unverfälschten Tapas-Kultur. Vor allem aber von unzähligen, unverbauten Buchten mit wunderschönen Stränden. Einer davon ist die Cala de Enmedio. Wörtlich übersetzt heißt das „Strand in der Mitte“. Hinter dem nichtssagenden Namen verbirgt sich die perfekte Kulisse für ein Fotoshooting für Eiscreme oder Bikinimode: weißer Sand, eingerahmt von bizarren Kalksteinfelsen und strahlend blauem Meer. Trotzdem wird es an dem Traumstrand selbst bei schönstem Wetter nicht wirklich voll. Denn wer kein Boot hat, muss eine knappe Stunde auf steinigen Pfaden zu Fuß in die Bucht laufen. Touristen, die einfach nur baden wollen, bleiben daher lieber an einem der Dorfstrände.

Wandern durch den Cabo de Gata

Wer gern wandert, der wird den Weg zum Strand der Cala de Enmedio lieben. Denn der Pfad führt durch das Küstengebirge des Cabo de Gata und gibt immer wieder bezaubernde Ausblicke frei. Meterhohes Esparto-Gras säumt die ausgefransten Felsen der Steilküste, die aussieht, als wäre sie nach einem Vulkanausbruch schockgefroren. Im Hinterland blitzt hier und da ein weißer Cortijo auf, eines der typischen andalusischen Gehöfte, die sich mit üppig blühenden Gärten gegen die Halbwüste behaupten. Wäre Eugen Ruges Romanheld einmal von Agua Amarga nach Las Negras gewandert, hätte unterwegs an der Playa de Enmedio ein Picknick eingelegt, um bei Sonnenuntergang in der Bar Bodeguiya von Las Negras ein paar köstliche Gambas mit eiskaltem Bier hinunterzuspülen - wahrscheinlich hätte er schnell aus seiner depressiven Phase herausgefunden. Denn es hat tatsächlich etwas Beglückendes, auf den einsamen Küstenwegen von Ort zu Ort zu laufen. Etwa 60 Kilometer lang ist der Küstenstreifen des Cabo de Gata und er lässt sich daher relativ bequem in einer Woche zu Fuß erkunden.

„Am besten beginnt man in Agua Amarga im Norden des Naturparks“, empfiehlt Ester, die vor Kurzem ein Unternehmen mit gegründet hat, das Fahrradtouren und geführte Wanderungen in der Region anbietet. Agua Amarga sei eins der schönsten Dörfer und ideal zum Eingewöhnen, sagt sie. Von hier geht es dann in vier bis fünf Tagesetappen über Las Negras, Rodalquilar, Isleta del Moro, Los Escullos, San José und das Kap selbst nach San Miguel de Cabo de Gata im Süden. Auch wenn die Strecken zum Teil nur wenige Kilometer lang sind, darf man sie nicht unterschätzen. Nicht nur die Auf- und Abstiege, auch die oft intensive Sonneneinstrahlung erschweren das Laufen. Außerdem ist der Weg nicht überall gleich gut markiert, das Kartenmaterial bisweilen unzuverlässig. Im Übrigen sollte man sich Zeit lassen für das Küstengebirge mit seinen Kratern und Vulkandomen, die das Ergebnis von heftigen Eruptionen vor Millionen von Jahren sind.

Vom Massentourismus verschont

Dazwischen laden mehr oder weniger winzige Orte wie Isleta del Moro zum Verweilen ein. Im „Maureninselchen“ gibt es nur eine einzige Pension, dafür aber eins der besten Restaurants der Küste, das gleich neben den Wellen - deshalb der Name „La Ola“ - vorzügliche Paella und Salat aus den süßen, grün-roten Raf-Tomaten serviert, die nur hier gedeihen. Richtig viel Trubel gibt es in der Saison nur in San José, das als touristisches Zentrum des Cabo de Gata eine größere Auswahl an Hotels, Ferienapartments, dazu auch eine nette Jugendherberge und einen kleinen Campingplatz anzubieten hat. Aber gemessen an anderen Ferienorten Andalusiens ist das eher harmlos. Und an einigen Naturstränden der Gegend bleibt die Zahl der Badegäste selbst im Hochsommer überschaubar. Wie ist es möglich, dass die Mittelmeerküste hier vom Massentourismus weitgehend verschont geblieben ist, obwohl hier an 320 Tagen im Jahr die Sonne scheint, man ganzjährig wandern, Rad fahren und einen großen Teil des Jahres auch baden kann?

„Ja, es grenzt tatsächlich an ein Wunder“, räumt Ester ein. „Die Investoren saßen bereits in den Startlöchern, um die Küste zuzubetonieren wie anderswo auch. Doch wurde sie gerade noch rechtzeitig unter Naturschutz gestellt.“ Lange Zeit war das Cabo de Gata als eine der ärmsten Regionen Andalusiens nur Aussteigern, Künstlern oder Filmemachern ein Begriff, die sich hier wie am Ende der Welt fühlten. Erst langsam erkannte man das touristische Potenzial der Küste. Doch da sie verkehrstechnisch schlecht zugänglich war, zog sich deren Erschließung hin. Letztlich erklärten die Behörden das Gebiet 1987 zum Naturpark. Inzwischen steht es als Biosphärenreservat auch unter dem Schutz der Unesco und ist der größte zusammenhängende Meeres- und Naturpark im westlichen Mittelmeerraum. Ideal für Individualtouristen, die baden, wandern, Wassersport betreiben, vielleicht auch in liebevoll restaurierten andalusischen Landsitzen wohnen und ihre Ruhe haben wollen. Als solches hat das Cabo de Gata vielleicht auch Eugen Ruge empfunden und in seinem Roman nur deshalb als so wenig einladend dargestellt, damit es zumindest außerhalb von Spanien noch lange ein Geheimtipp bleibt.

Infos zu Andalusien

Andalusien

Anreise

Direktflüge nach Almería gibt es ab Stuttgart nicht. Entweder man steigt in Barcelona oder Madrid einmal um (z. B. mit Iberia, www.iberia.com/de). Oder man fliegt mit Eurowings nach Málaga (www.eurowings.com/de) und von dort weiter mit Bus oder Mietwagen.

Unterkunft

Die beste Infrastruktur und die schönsten Naturstrände (z. B. die Playa Mónsul) gibt es im touristischen Hauptort San José. Dort gibt es auch gute Hotels, z. B. das komfortable Traditionshaus Doña Pakyta, DZ mit Frühstück ab 62 Euro, www.cortijoelsotillo.com/de. Auch eine schöne Jugendherberge und einen guten Campingplatz findet man dort.
Atmosphärisch reizvoller ist der kleinere Ort Agua Amarga. Wer dort übernachten möchte, wird sich im Hotel Family wohlfühlen, sehr gutes Essen und Pool, DZ mit Frühstück ab 58 Euro, buchbar etwa über Booking, www.booking.com.
Außerhalb der Orte wohnt es sich besonders schön in Cortijos restaurierten Bauernhäusern, die oft über liebevoll angelegte Gärten verfügen. Die schönsten sind auf der Website www.toprural.com zu finden.

Essen und Trinken

Am Cabo de Gata findet man noch eine relativ authentische Tapas-Kultur. Zu einem alkoholischen Getränk - oder alkoholfreiem Bier - werden automatisch kleine Häppchen wie gegrillte Garnelen, ein Stück Fisch oder ein Stück Tortilla serviert, die meist kaum mehr als zwei Euro kosten. Besonders gute Paella und Fischgerichte serviert das Restaurant La Ola in Isleta del Moro, www.restaurantelaola.es/

Wandern

Die Küste bietet sich dafür an, von Ort zu Ort zu laufen. Allerdings ist der Küstenwanderweg nicht immer gut gekennzeichnet und hat zum Teil ausgesetzte Abschnitte, die gutes Schuhwerk, Kondition und Schwindelfreiheit erfordern. Außerdem sollte man auf ausreichend Flüssigkeit und Sonnenschutz achten.

Reisezeit

Das Cabo de Gata ist ganzjährig ein attraktives Reiseziel, da hier an 320 Tagen die Sonne scheint. Ideal zum Wandern sind Frühjahr und Herbst, denn im Juli und August kann es sehr heiß werden.

Lektüre

Eugen Ruge, „Cabo de Gata“, erschienen bei Rowohlt, 19,95 Euro.

Allgemeine Informationen

www.degata.com, www.spain.info

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