Späte Entscheidung: der VfB-Torhüter Gregor Kobel kann den Handelfmeter von Phillip Tietz nicht parieren und die Stuttgarter verlieren in Wiesbaden mit 1:2. Foto: Baumann

Der VfB Stuttgart hat den Neustart nach der Corona-Pause verpatzt. Ein umstrittener Handelfmeter führt zur bitteren 1:2-Niederlage in Wiesbaden – und Starstürmer Mario Gomez übt Kritik.

Wiesbaden - Es dauerte. Minutenlang warteten die Verantwortlichen und Spieler des VfB Stuttgart in der Nachspielzeit auf den entscheidenden Moment. Schiedsrichter Sascha Stegemann schaute lange auf den Videobildschirm. Er war sich nicht sicher, suchte vergeblich nach Beweisen auf den Bildern. „Schiri, lass doch den Müll. Lass uns einfach weiterspielen“, meinte der VfB-Kapitän Marc Oliver Kempf. Und auf der Haupttribüne trug der Sportdirektor Sven Mislintat ein schwarzes Käppi, als ihm der Hut hochging: „Das ist komplette Verarsche.“ Er fühlte sich betrogen, nachdem Hamadi al Ghaddioui der Ball im Luftkampf mit Paterson Chato an die Hand getropft war.

Denn nach Rücksprache mit Robert Kampka, dem Videoassistenten in Köln, stand für Stegemann schließlich fest: Handelfmeter für den SV Wehen Wiesbaden. Phillip Tietz verwandelte in der 97. Minute eiskalt zum 2:1-Siegtreffer – und der VfB läuft nun Gefahr, den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga nach der Corona-Pause zu verspielen.

VfB ist nur zu Beginn gut

„Darüber brauchen wir nicht zu diskutieren“, sagte später Mario Gomez, „wenn einem Spieler aus zehn Zentimetern der Ball auf die Hand fällt, dann ist das kein Elfmeter.“ Die Enttäuschung stand dem Mittelstürmer dabei ins Gesicht geschrieben. Um ihn herum herrschte am Ende des Geisterspiels in der Brita-Arena beim VfB gar Verzweiflung. Chefcoach Pellegrino Matarazzo lehnte sich fassungslos gegen das Dach der Trainerbank.

Wieder hatten die Stuttgarter auswärts nicht gewonnen. Wieder hatten sie ihre Überlegenheit nicht genutzt. Schlimmer noch: Gegen den Abstiegskandidaten aus Hessen unterlag der große VfB sowohl im Hin- wie im Rückspiel. Sehr zur Freude von SVWW-Coach Rüdiger Rehm, der aus Heilbronn stammt und eigentlich VfB-Fan ist. Doch seine Elf hatte Rehm so gut eingestellt, dass die Stuttgarter beim Neustart nach der Zwangspause außer einer guten Anfangsphase nicht mehr viel zu bieten hatten.

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„Wir haben im Verlauf der ersten Hälfte die Schärfe verloren.“, sagte Matarazzo. Vor allem nach dem 0:1 durch Manuel Schäffler (50.) mangelte es dem Favoriten an Tempo in seinen Angriffsaktionen. Es fehlte auch eine klare Idee, um die tief verteidigenden Wiesbadener auszuhebeln. Marcin Kaminski hatte den folgenschweren Konter durch einen Fehlpass eingeleitet, den der VfB-Schreck vollendete. Für Schäffler war es der 16. Saisontreffer – und der dritte gegen die Stuttgarter in dieser Saison. Schon beim 2:1 im vergangenen Oktober war er der gefeierte Mann.

„Wir sind zu Beginn wie ein Spitzenteam aufgetreten, haben aber unsere Chancen einmal mehr nicht genutzt. So stehst du da und schaust blöd“, sagte Gomez. Die Verantwortung für die Niederlage schob er jedoch nicht den Unparteiischen zu. Sondern: „Wir sind selbst schuld. Wir hätten als Gewinner des Spieltages dastehen können. Jetzt sind wir die Verlierer. Das tut weh.“ Denn die Aufstiegsrivalen Arminia Bielefeld und Hamburger SV kamen jeweils nicht über ein Unentschieden hinaus – aber der VfB steht jetzt als Tabellendritter nur noch auf dem Relegationsrang.

Pellegrino Matarazzo rätselt

Gomez selbst hatte die besten Möglichkeiten vergeben (4./38.). An Torhüter Heinz Lindner brachte der Torjäger den Ball jedoch nicht vorbei. Nur Nicolas Gonzalez traf spät (83.), obwohl die Stuttgarter nach der zweimonatigen Zwangspause zunächst keine Anlaufschwierigkeiten gezeigt hatten.

Um gut in die Endphase der Saison zu kommen, hatte Matarazzo drei Innenverteidiger in seiner Viererabwehrkette aufgereiht. Neben Kaminski, der erstmals nach seinem Kreuzbandriss von Anfang an auflief, noch Kempf und Nat Phillips. Vierter im Bunde war über links Gonzalo Castro. Als Antreiber fungierte der Routinier. Doch der Trainer musste auch feststellen: „Wir sind ein paar Kilometer weniger gelaufen als vor der Corona-Pause. Ich kann aber nicht sagen, ob es konditionelle Gründe hatte oder ob wir nach dem Rückstand mental angeschlagen waren.“

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Offensichtlich war jedoch, dass der VfB Schwierigkeiten hatte, diesen Rückschlag wegzustecken. Dabei hieß es vor der Partie, man müsse allen Widrigkeiten trotzen. Das sei der entscheidende Faktor, um sich in den verbleibenden Begegnungen durchzusetzen. Jetzt sind es offiziell noch acht Ligaspiele, und Matarazzo stellt sich eine wichtige Frage: „Sind wir in der Lage, in den Spiegel zu schauen und an dieser Niederlage zu wachsen?“ Die Antwort soll es nächsten Sonntag in Kiel geben.

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