Soziologin Petra Tzschoppe zur Rolle der Frau im Sport „Männer verplempern oft Zeit durch Machtspielchen“

Von Jürgen Frey 

Petra Tzschoppe (re., neben DOSB-Chef Alfons Hörmann): Der Deutsche Olympische Sportbund, ist ein Vorbild, was die Besetzung von Spitzenpositionen mit Frauen betrifft. Foto: dpa
Petra Tzschoppe (re., neben DOSB-Chef Alfons Hörmann): Der Deutsche Olympische Sportbund, ist ein Vorbild, was die Besetzung von Spitzenpositionen mit Frauen betrifft. Foto: dpa

In Spitzenpositionen der Vereine sind Frauen immer noch sehr selten am Start. Die Soziologin und DOSB-Vizepräsidentin Petra Tzschoppe erläutert, warum es im Sport so wenig weibliche Führungskräfte gibt.

Stuttgart - Die Sportsoziologin Petra Tzschoppe ist sich sicher: Die traditionelle Rollen-Zuschreibung ist schon bei Kindergarten-Kindern in den Köpfen drin. Chefs sind männlich, Frauen werden in ihrer Führungskompetenz in Frage gestellt. Die Problematik verschärft sich in der Männer-Domäne Mannschaftssport.

Frau Tzschoppe, kennen Sie Jennifer Kettemann?

Persönlich nicht. Aber ich weiß, was sie macht. Und so weit ich das beurteilen kann, macht sie das richtig gut.

Warum ist die Geschäftsführerin des Handball-Bundesligisten Rhein-Neckar Löwen eine Ausnahmeerscheinung?

Da gibt es zwei Ansätze. Den gesellschaftlichen und den, der den Bereich Sport betrifft.

Bitte, legen Sie los.

Gesellschaftlich mussten Frauen ja um ihre Gleichberechtigung hart kämpfen. Ich erinnere nur daran, dass noch vor einem halben Jahrhundert in der Bundesrepublik Deutschland Frauen nur dann erwerbstätig sein durften, wenn es ihr Ehemann erlaubte. Das stand so im Bürgerlichen Gesetzbuch und wurde erst 1977 geändert.

Das ist über 40 Jahre her.

Klar hat sich seither einiges getan. Doch Lohnungleichheit gibt es bis heute und auch die überlieferten gesellschaftlichen Rollenklischees halten sich noch immer. Fragen Sie mal Kindergarten-Kinder, wen sie sich als Chef vorstellen können. Sie werden hören, dass die traditionelle Rollen-Zuschreibung selbst bei den Kleinsten in den Köpfen drin ist: Chefs sind männlich, Frauen werden in ihrer Führungskompetenz in Frage gestellt.

Im Sport ganz besonders?

Ja, denn Sport war über lange Zeit eine Männerdomäne. Die Olympischen Spiele etwa wurden von Männern für Männer erfunden. Das macht es bis heute noch schwieriger, die gleichberechtigte Teilhabe insgesamt im Sport umzusetzen, so gibt es noch zu wenig Trainerinnen, Kampfrichterinnen, Schiedsrichterinnen . . .

. . . Bibiana Steinhaus pfeift inzwischen in der Fußball-Bundesliga . . .

. . . und der Weg dahin war lang und auch jetzt wird jeder Pfiff kritischer hinterfragt, als der männlicher Kollegen. Und glauben Sie ernsthaft, Bayern-Profi Franck Ribery hätte es gewagt, einem männlichen Unparteiischen die Schnürsenkel aufzuzupfen? Im Leben nicht!

Trauen sich Frauen oft einfach zu wenig zu?

Männer sind meist selbstbewusster, sagen sich eher: Das probiere ich jetzt einfach mal. Frauen warten auf eine direkte Ansprache, ein klares Signal, dass man es ihnen zutraut. Dazu nur ein kleines typisches Beispiel von mir an der Uni: Ich habe hier wirklich viele kluge Studentinnen etwa im Sportmanagement, bei Gruppenarbeiten leisten sie tolle Beiträge und am Ende bei der Präsentation überlassen sie den Jungs das Sprechen.

Wirklich?

Ja, ich versuche natürlich, ihnen das bewusst zu machen. Allerdings haben Frauen bisher nur wenige weibliche Vorbilder für Führungspositionen. Männer sehen andere Manager und sagen sich: Wenn der das schafft, wuppe ich das doch auch.

Jennifer Kettemann bekommt wegen ihrer vier und sieben Jahre alten Kinder ständig die Frage gestellt: Wie bekommen Sie das hin?

Das glaube ich sofort, aber ein Mann mit zwei vier und sieben Jahre alten Kindern wird das nicht gefragt.

Lesen Sie hier das Porträt über Jennifer Kettemann, die Geschäftsführerin der Rhein-Neckar Löwen

Aber immer mehr Männer gehen in Elternzeit.

Das stimmt. Männer bekennen sich erfreulicherweise immer mehr zu ihrer familiären Verantwortung. Sie wollen ihre Zeit mit den Kids verbringen. Insgesamt bewegt sich durchaus etwas. Was den Sport betrifft: Der Deutsche Olympischen Sportbund (DOSB) gibt ein überzeugendes Vorbild ab.

In wie fern?

Für das ehrenamtliche Präsidium werden sechs Positionen von der DOSB-Mitgliederversammlung gewählt. Seit der Wahl am 1. Dezember sind diese paritätisch besetzt. Auf der hauptberuflichen Vorstandsebene werden wir ab Februar nächsten Jahres 60 Prozent Frauen haben.

Wo liegen die Gründe?

Alte Klischees gelten hier nichts. Es wird nach Kompetenz geschaut. Ich hoffe sehr, das strahlt auf unsere Mitgliedsorganisationen und -vereine aus. In deren eigenem Interesse, denn der Sportentwicklungsbericht belegt eindeutig, dass gemischte Vorstände mit Frauen und Männern erfolgreicher arbeiten, da sie flexibler an die Herausforderungen herangehen. Ganz nach dem Motto: Mehr Frauen, weniger Probleme.

Auf die Politik unserer Bundeskanzlerin trifft das nicht unbedingt zu.

Ich möchte jetzt nicht Politik bewerten, aber die Bundeskanzlerin ist ein gutes Beispiel dafür, wie uneitel Frauen führen. Ihr geht es erkennbar darum, sachlich Probleme zu lösen. Bei Männern sehen wir häufig, dass persönliche Eitelkeiten kultiviert und durch Machtspielchen Zeit und Energie verplempert werden.

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