„Die Kinder werden teilweise völlig abgekoppelt von der Natur“, sagt der Soziologe und Jugendforscher Rainer Brämer. Foto: StZ

Im Wald und auf der Wiese spielen - was früher selbstverständlich war, ist heute für viele Kinder und Jugendliche die Ausnahme. Die Entfremdung von der Natur nimmt immer stärker zu, sagt der Soziologe Rainer Brämer.

Stuttgart - Wird Natur zur Nebensache? Der Jugendreport Natur 2016 liefert erschreckende Befunde über das wegbrechende Naturwissen der jungen Generation und die wachsende Entfremdung von der Natur. Nicht nur das elementare Naturwissen erodiert: Bananen wachsen im Wald, im Norden geht die Sonne auf, Hühner legen ein halbes Dutzend Eier pro Tag. Vor allem Stadtkinder spielen immer weniger im Freien. Die Kindheit verlagert sich immer mehr nach innen, in den Bereich des Hauses und des eigenen Zimmers. - Die rasant voranschreitende Technisierung und Digitalisierung des Alltags spielt für diese Entwicklung genauso eine Rolle wie der vor allem auf den Verstand und das Denken ausgerichtete Schulunterricht. Die Natur verschwindet mehr und mehr aus dem Lebensraum der Kinder und Jugendlichen. Ein Gespräch mit dem Natursoziologen und Jugendforscher Rainer Brämer über das Abenteuer Kindheit und die zunehmende Naturentfremdung. -
Herr Brämer, Kinder spielen heute meistens drinnen im Haus. Hühner kennen sie nur noch aus der Tiefkühltruhe im Supermarkt und lebende Tiere aus dem Zoo. Das Draußen, die Natur wird zur „Terra incognita“ – zu einer unbekannten Welt. Ist das ein grundlegender Trend?
Das ist ein Trend. Die Kinder werden teilweise völlig abgekoppelt von der Natur. Einer der Gründe, warum viele Kinder nicht mehr in die Natur gehen, ist, dass sie dort keine anderen Kinder zum Spielen finden.
Ihr erster Jugendreport Natur erschien 1997. Jetzt haben Sie die siebte Bestandsausnahme des kindlichen Naturempfindens veröffentlicht. Welche Entwicklung sehen Sie?
Die Entfremdung von der Natur nimmt immer stärker zu. Das Interesse an ihr ist deutlich zurückgegangen, ja verloren gegangen. Diesen Trend bestätigen auch andere Studien wie etwa die Kim-Studien (Kinder und Medien) des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest aus Stuttgart. Natur erscheint vielen Kindern heutzutage einfach zu langweilig.
Womit hat das zu tun?
Das hat mit dem gesteigerten Tempo zu tun, das Kinder und Jugendliche heutzutage in ihrem täglichen Leben wahrnehmen. Natur aber hat ihr Tempo nicht geändert. Solange die Kinder noch kleiner sind, können sie in der Natur noch ungeheuer viel entdecken. Für ältere Kinder geht das aber alles viel zu langsam.
Seit wann ist das so?
Wir beobachten diesen Prozess schon seit unserem ersten Jugendreport Natur. Von Generation zu Generation nimmt die Entfremdung von der Natur immer mehr zu. In den letzten Jahren hat er sich mit den neuen Medien ganz besonders beschleunigt.
Ist zu befürchten, dass Kinder Natur irgendwann nur noch aus dem Fernsehen kennen?
Wir sind teilweise selbst erschrocken über die Entwicklung der letzten Jahre. Ganz elementare Erfahrungen gehen verloren. Was relativ konstant geblieben ist, sind lediglich die abstrakten Bekenntnisse zur Natur und zum Naturschutz zu. Drei Viertel der Jungen Generation stimmen unverbindlichen Feststellungen der Art „Was natürlich ist, ist gut“ oder „Tiere haben die gleichen Lebensrechte wie Menschen“ vorbehaltlos zu.
Das liegt schon am Wort Naturschutz.
Schutz an sich kann in der Tat schon eine suggestive Vokabel sein. Wer kann schon etwas gegen Schutz haben? Aber wenn man konkreter nachfragt, so wie wir es im Rahmen des Reports machen, dann wird deutlich, dass die Berührungsängste gegenüber der Natur zunehmen. Nur noch jeder fünfte Jugendliche lässt noch gerne einen Käfer über seine Hand krabbeln, jeder Zweite mag das überhaupt nicht.
Natur hat mit Live-Erleben zu tun und weniger mit dem Bambi-Syndrom, das man auch beim Anschauen einer Disney-DVD haben kann. Hapert es am konkreten Naturerleben?
So ist es. Zwei von fünf Jugendlichen haben im letzten Jahr keine einziges Mal an einem nächtlichen Lagerfeuer gesessen. Was häufig vergessen wird: Natur ist für uns Menschen und ganz besonders junge Menschen größtenteils ein stark emotional besetztes Thema. Spätestens ab der vierten, fünften Klasse aber lernen viele Kinder und Jugendliche Natur in der Schule nur noch über den naturwissenschaftlichen Unterricht kennen, nüchtern distanziert wie Forscher. Mit dem alltäglichen Naturerleben hat das so gut wie gar nichts zu tun.
Soll man also Kinder in der Freizeit und in der Schule mehr raus in die Natur lassen? Unterricht und Spiel im Wald und auf den Wiesen.
Aber ja. Der Erfolg der Naturkindergärten unterstreicht das. Dort gibt es diese Probleme überhaupt nicht, weil die Kinder ihre natürliche Neugier ausleben und sofort fantasievolle Spiele erfinden können. Der Schulunterricht greift das kaum auf, der Unterricht dort ist extrem verstandesmäßig angelegt.
Daran habe ich meine Zweifel, wenn ich mir die Antworten der Sechst- und Neuntklässler auf die Naturfragen im Jugendreport 2016 anschaue. Wo geht die Sonne auf? In welchem Monat geht die Sonne am spätesten unter? Wie viele Eier legt ein Huhn pro Tag? Alles Wissensfragen, die granatenschlecht beantwortet werden.
Mit bloßer Wissensvermittlung ist es eben nicht getan. Man muss die Dinge schon selbst erfahren und erleben können. Was sich darin dokumentiert, ist also nicht die Dummheit der Schüler, sondern dass die Natur einfach nicht mehr in ihrem Blickfeld ist. Sie nehmen angesichts der Fülle von Reizen mehr wahr, was um sie herum wirklich geschieht, weil andere Dinge wichtiger erscheinen.
Und die wären?
Es gibt einen starken Bruch im Verhältnis zur Natur, wenn die Kinder anfangen die sozialen Medien zu nutzen. Im Mittelpunkt steht dann nicht mehr die Umwelt, sondern ihr eigenen Person, für die die virtuelle Welt die ganz andere Möglichkeiten der Selbstdarstellung bietet. Auf Facebook und WhatsApp hat man seine Follower, kommuniziert mit anderen und präsentiert sich. Das ist für junge Menschen so faszinierend, das die Natur für sie uninteressant wird, weil man sich in ihr nicht selber spiegeln kann.
b>Was Kinder nicht wissen, wissen Erwachsene erst recht nicht
War das je anders? Spielen in der Pubertät nicht immer schon andere Dinge eine Rolle als Wandern, Gärtnern und Pflanzen anschauen?
Das stimmt. Aber spätestens mit 20, 25 Jahren erwachte das Naturempfinden wieder. Das ist nach Ausweis der Freizeit-Statistiken jetzt nicht mehr in dem Maße der Fall, weil man als Kind keine hinreichende Beziehung zur Natur aufbauen konnte.
Was Kinder nicht wissen, wissen Erwachsene erst recht nicht. Glauben Sie, dass das Naturwissen der Eltern sehr viel besser ist als das ihrer Kinder? Ich habe da meine Zweifel.
Völlig richtig. Das reine Schulwissen ist schnell wieder weg, weil die dazugehörige Erfahrung fehlt. Entscheidend ist, was man im Alltag wahrnimmt. Nur das kann man dann auch an die eigenen Kinder weitergeben. Immerhin hat uns eine Mehrheit der Kinder noch versichert, sie würden ihre Freizeit am liebsten im Grünen verbringen.
Was sie aber in der Praxis nicht wirklich tun . . .
. . . und häufig auch nicht können, weil Zeit und Gelegenheit fehlt. Die Aufmerksamkeit, die sie dem Grünen widmen, ist mehr oder weniger reduziert auf eine wunderschöne Kulisse. Schon Kinder bringen wie Erwachsene eine Art Genießer-Einstellung und nicht mehr eine Entdecker-Einstellung mit.
Haben Sie Ratschläge parat, wie man das Naturbewusstsein bei Klein und Groß fördern kann?
Das ist ganz schwierig. Von Pädagogen höre ich immer den Vorwurf, ohne pädagogische Verbesserungsvorschläge sollten wir eine solche Studie erst gar nicht veröffentlichen.
Da ist was dran.
Anstatt immer gleich nach Lösungen zu suchen,müssen wir doch erst einmal zur Kenntnis nehmen, was Sache ist. In Großbritannien und den USA, wo der Mangel an kindlichen Naturerfahrungen der Öffentlichkeit sehr viel mehr Sorge Naturerlebens eine sehr viel größere Rolle als bei uns spielt, ist man bestrebt, die Kinder zuallererst wieder in die Natur zu bringen, ohne ihnen gleich Grenzen zu setzen. Bei uns lernen die Kinder dagegen schon in frühem Alter, dass man in der Natur nur Gast ist und auf sie Rücksicht zu nehmen hat.
Also mehr rumtollen, einsauen, den Entdecker ins sich entdecken?
Dafür plädieren wir. Der Biologe und Publizist Andreas Weber hat das in einem Beitrag für das Magazin „Geo“ einmal sehr schön beschrieben. Er plädiert für das „wilde Kind“ und das „Kinderecht auf Freiheit“.
Das hören überbesorgte Eltern aber gar nicht gern.
Viele Eltern haben Angst, ihre Kinder einfach frei laufen zu lassen. Die Angst vor dem bösen Mann im Wald, der ihnen auflauert, ist in den USA und Großbritannien noch sehr viel stärker ausgeprägt als bei uns. Offenbar setzen sich Eltern auch wechselseitig unter Druck: Wie kannst du nur dein Kind auf einen Baum klettern lassen oder ohne Aufsicht in den Wald gehen lassen? Das ist unverantwortlich!
Und was raten sie solchen Helikopter-Eltern?
Lasst Kindern mehr Freiraum! Mutet ihnen mehr zu! Draußen kann sehr viel weniger passieren, als man denkt, Seit Jahrzehnten nimmt die Zahl gravierender Vorfälle kontinuierlich ab.
Woher kommen diese Ängste?
Viele Erwachsene haben mittlerweile selbst eine große Distanz zur Natur. Sie sehen Natur nur als Gegenüber, als Kulisse. Sie fühlen sich aber nicht mehr selber als Bestandteil dieser Natur. Sofern man sich nicht mehr zu Hause fühlt, ist man automatisch vorsichtiger und ängstlicher.

Zur Person

1943 geboren in Brandenburg

1963-1969 Studium der Physik an der Universität Marburg

1969-1973 Wissenschaftlicher Assistent für Experimentelle Physik an der Universität Ulm

Seither Studien zur Soziologe des naturwissenschaftlichen Unterrichts, des Wanderns und des Verhältnisses von Jugendlichen zur Natur

1997 1. Jugendreport Natur „Naturverklärung“, dem sechs weitere Reports folgen sowie die Website www.natursoziologie.de

2004 Mitbegründer und erster Vorsitzender des Deutschen Wanderinstituts

Stuttgart -

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