Eine Aufgabe, die kaum genug zu würdigen ist: Die Böblingerin baute über mehr als 20 Jahre die Ganztagsbetreuung an der Justinus-Kerner-Schule auf – im März wird sie dafür gewürdigt.
Fast 50 Jahre sind vergangen, seitdem sie begann, Kinder bei ihren Hausaufgaben zu unterstützen. Renate Ambros war Lehrerin aus Leidenschaft. Sie baute die sogenannte verlässliche Ganztagsbetreuung an der Böblinger Justinus-Kerner-Grundschule auf und leitete sie fast 24 Jahren lang – für diese engagierte pädagogische Leistung wird sie am 24. März mit dem Sozialpreis der Stadt Böblingen ausgezeichnet.
„Ich war vielleicht ein bisschen blauäugig, als ich ja sagte.“
Renate Ambros, Lehrerin und Betreuerin
Die Justinus-Kerner-Grundschule in der Breslauer Straße findet sich in einem Stadtquartier, in dem fast ausschließlich Familien leben, die über einen Migrationshintergrund verfügen. Etwa 270 Kinder besuchen derzeit die Schule, rund 95 Prozent von ihnen, schätzt Jasmin Kellermann, Rektorin der Justinus-Kerner-Schule, gehören dieser Bevölkerungsschicht an. „Viele deutsche Eltern“, sagt Kellermann, „sagen leider: Wir wollen unsere Kinder nicht an einer Schule haben, an der so viele Sprachen gesprochen werden und so viele Nationen beheimatet sind.“ Verständnis für eine solche Haltung bringt die Schulleiterin nicht unbedingt auf: „Wenn man lernt, mit Vielfalt umzugehen, wird man zu einem toleranteren Menschen.“ Und Renate Ambros bestätigt dies: „Die Kinder benehmen sich hier besser als an vielen anderen Schulen.“
Renate Ambros begann schon im Jahr 1977, Kinder zu betreuen, die aus damals so genannten „Gastarbeiterfamilien“ stammten. Geboren wurde sie am 14. Juli 1946 in Regensburg, aufgewachsen ist sie in Stuttgart, an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg ließ sie sich zur Grund- und Hauptschullehrerin ausbilden. Ihre erste Stelle fand sich an einer Knabenrealschule in Heilbronn. Dort war ein Lehrer krankheitshalber ausgeschieden und Renate Ambros übernahm erfolgreich Aufgaben, die ihre eigentliche Qualifikation überstiegen.
1971 heiratete sie Hans Ambros, der über viele Jahre hin für das Tiefbauamt der Stadt Böblingen tätig war. 1973 wurde das erste Kind des Paares geboren – Jo Ambros, heute ein bekannter Musiker. Die Familie zog zuerst nach Ehingen, dann nach Böblingen. Zwei weitere Kinder folgten. Neun Jahre lang war Renate Ambros als Mutter beurlaubt – dann legte sie ihren Beamtenstatus nieder, weil sie sich zuvorderst um ihre eigene Familie kümmern wollte: „Ich wollte meine eigenen Kinder nicht betreuen lassen, um selbst die Kinder anderer Leute zu betreuen.“
Anfangs war es eine Handvoll Kinder – jetzt 80
Schließlich war ihr dies nicht mehr genug. „Ich war gerne Lehrerin und gerne mit Kindern zusammen“, sagt sie. 1977 übernahm Renate Ambros eine Hausaufgabenbetreuung für Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch war. Diese Aufgabe forderte schon großen Einsatz von ihr: Helfer und Räume mussten gefunden werden. Mehrmals zog die Hausaufgabenbetreuung um, weitete sich schließlich auch aus, auf drei Böblinger Grundschulen: Die Ludwig-Uhland-Schule und die Eduard-Mörike-Schule kamen zur Justinus-Kerner-Schule hinzu.
Und im Jahr 2000 schließlich, 23 Jahre nach Gründung der Hausaufgabenhilfe, wurde Renate Ambros gefragt, ob sie es sich denn vorstellen könne, eine Verlässliche Ganztagsbetreuung an der Justinus-Kerner-Schule aufzubauen. „Vielleicht“, sagt sie heute, „war ich ein bisschen blauäugig, als ich ja sagte, aber ich fand das in diesem Moment sehr spannend.“
Auch die Ganztagsbetreuung wuchs, unter ihrer Leitung: „Anfangs“ erzählt Renate Ambros, „waren es eine Handvoll Kinder. Heute sind es fast 80.“ Die Ganztagsbetreuung fand ihren Platz in der ehemaligen Hausmeisterwohnung der Justinus-Kerner-Schule, in Räumen, die ursprünglich kaum für ein solches Angebot geeignet schienen. Renate Ambros war erst an fünf, später dann an vier Tagen der Woche über vier Stunden Betreuerin. Im Sommer besuchte sie mit den Kindern das Freibad, im Winter den See oder die Spielplätze der Stadt. Zuhause, am eigenen PC, kümmerte sie sich um die Organisation des Betreuungsangebots. Zuletzt wurde sie von bis zu 15 Helferinnen unterstützt, die jedoch jeweils nur wenige Stunden tätig sein konnten.
„Ein Teil des Lebens“
Vor anderthalb Jahren schließlich hat Renate Ambros sich aus der Ganztagsbetreuung zurückgezogen – die Arbeit dort nahm weiterhin zu. Dieses Mal wurden Stellen von der Stadt Böblingen ausgeschrieben, zwei Frauen, beschäftigt zu jeweils 75 Prozent, füllen sie aus. Renate Ambros blieb für wenige Monate. „Dann entsprach das meinen Vorstellungen nicht mehr“, sagt sie. Jasmin Kellermann jedoch wollte diese gute Kraft auf keinen Fall verlieren und bot ihr an, als pädagogische Assistentin weiterhin an der Schule zu arbeiten. Renate Ambros besucht nun, dreimal in der Woche, zwischen 10 und 13 Uhr, entweder ganze Klassen oder kümmert sich um kleinere Gruppen aus Schülerinnen, Schülern.
„Die Jahre in der Ganztagsbetreuung“, sagt Renate Ambros, „waren und sind ein Teil meines Lebens. Es gab keinen Tag, an dem ich bereut habe, was ich da begonnen hatte. Ich habe sehr viel dazugelernt und ich habe viele tolle Leute getroffen, mit denen ich zum Teil noch bis heute in Kontakt bin.“ Und Jasmin Kellermann erzählt: „Wenn Frau Ambros um die Ecke kommt, dann freuen sich die Kinder immer noch, laufen zu ihr und nehmen sie in den Arm, weil sie wissen, sie hat Zeit für sie.“