Der Treffpunkt Süd gibt Menschen mit psychischen Erkrankungen Halt. Nun könnte das Ende der Einrichtung drohen – die Stadt Stuttgart plant die Streichung der Fördermittel.
Sie treffen sich jeden Mittwochnachmittag für drei Stunden. Sie backen zusammen, kochen oder feiern den Advent. Meistens sind es 20 bis 25 Leute. Seit über drei Jahrzehnten sind im Treffpunkt Süd enge Freundschaften und Bekanntschaften entstanden. Dort treffen sich Menschen wie Sybille Michalski (61), die über ihren Mann „hier gestrandet“ ist – nach sieben Jahren Heimaufenthalt hat sie hier ein bisschen den Weg zurück ins Leben gefunden. „Wir unternehmen auch Dinge, die viele nicht gerne alleine machen“, sagt sie. Einmal im Jahr fahren sie zum Beispiel zusammen in den Urlaub, sie waren schon in Bamberg, in der Pfalz oder im Bayerischen Wald. Ein kleiner Höhepunkt in ihrem Alltag. Gegen die Einsamkeit und die Isolation.
Vielen hilft der Treff aus der Depression heraus
Michalski ist die erste Sprecherin des Landesverbandes Psychiatrieerfahrener, wie viele andere beim Treffpunkt Süd hat sie eine lange Krankengeschichte hinter sich. „Ich habe auch durch den Treff hier aus der tiefen Depression und Schizophrenie herausgefunden“, erzählt sie an diesem Mittwochnachmittag in den Räumen des Treffpunkts Süd im Kneippweg 8 in Bad Cannstatt direkt hinter der Stadtteilbibliothek. Für viele ist der Treffpunkt auch ein Ort, wo sie nach der Entlassung aus einer Klinik tagsüber hingehen können, wenn ihnen zu Hause die Decke auf den Kopf fällt.
„Jetzt haben wir im Sommer die Nachrichten bekommen, dass uns von der Stadt die Mittel gekürzt werden könnten“, sagt Michaela Glüh (55), die seit April Vorsitzende des Bürgerkreises Seelische Gesundheit ist. Dieser organisiert auch den Freizeittreff für Menschen mit und ohne psychische Erkrankungen. Nun steht der Treff auf der Streichliste im geplanten Doppelhaushalt 2026/2027.
Pro Doppelhaushalt haben sie bisher 5000 Euro bekommen, 2500 Euro im Jahr. „Für uns sind die 5000 Euro ein großer Betrag, von dem wir unter anderem die Miete und die Reinigung für den Raum hier bezahlen“, sagt Glüh. Für ihre Aktivitäten bekommen sie gelegentlich noch kleinere Spenden, auch von der Landesregierung erhalten sie einen Zuschuss. „Aber wenn die 5000 Euro von der Stadt fehlen, schlägt das bei uns ordentlich zu Buche“, ergänzt Glüh.
Sie selbst habe das derart hart getroffen, dass sie „erst einmal in einer Depression war“, sagt Glüh offen. Doch ihre Vereinsmitglieder seien in der Zeit ganz rührig gewesen. Harald Metzger von der Initiative Psychiatrie Erfahrene Stuttgart (IPE) hat einen offenen Brief an die Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann (Grüne) und an die Mitglieder des Sozial- und Gesundheitsausschusses im Gemeinderat geschrieben. „Das hat mich dann wieder etwas aufgebaut. Ich habe wieder etwas Hoffnung“, sagt Glüh.
Durch die Kürzungen der Treffpunkt vor dem Aus stehen
In dem offenen Brief heißt es, der Bürgerkreis für seelische Gesundheit mit seinem Treffpunkt Süd leiste seit vielen Jahren einen „unverzichtbaren Beitrag zur gemeindenahen psychosozialen Unterstützung“. Er sei kein therapeutisches Angebot, sondern ein Raum echter Inklusion und gelebter Nachbarschaft, offen für Menschen mit und ohne psychische Erkrankungserfahrung. „Der Treffpunkt unterstützt Menschen und hilft wirklich erfolgreich, Einsamkeit zu überwinden“, sagt Harald Metzger.
Die gemeinsamen Aktivitäten und die Unterstützung im Alltag vor und nach einer psychischen Erkrankung seien für viele Mitglieder immens wichtig. Ein Ende der Förderung, so schreibt Metzger, könnte das Aus für den Treffpunkt bedeuten. „Die Stadt beginnt hier mit einer Amputation der Stuttgarter Selbsthilfe für Menschen mit psychischen Belangen.“
Seit 40 Jahren existiert der Treffpunkt Süd
Noch bevor es in der Stadt die Sozialpsychiatrischen Dienste gab, gründeten einige Ehrenamtlichen zum Jahreswechsel 1980/81 den Treffpunkt. Inge Schöck (81) ist eine der Mitbegründerinnen, sie war lange auch Vorsitzende des dahinterstehenden Vereins. Sie empfindet die geplante Budgetkürzung als „negatives Signal“. Besonders wenn auch bei professionellen Einrichtungen in den kommenden Jahren Mittel gestrichen würden, seien der Treffpunkt und „unser Einsatz“ umso wichtiger, sagt sie.
Bei schweren psychischen Erkrankungen sei die Stigmatisierung immer noch sehr groß. Aber, da sind sich die die drei aktiven Frauen einig: „In der persönlichen Begegnung werden Stigmata aber am ehesten abgebaut.“