Gärtner Sebastian Soiné (links) und Pädagoge Cornelius Dylla stellen bei der Gläsernen Produktion das Hofkonzept vor. Foto: Simon Granville

Der Biolandhof in Leonberg trägt sich so nicht mehr. Die Lichtblick gGmbH aus Bretten übernimmt den Betrieb – das Augenmerk liegt auf der pädagogischen Arbeit.

Es war schon lang absehbar, dass sich der Biolandhof in der Leonberger Strohgäustraße 52, den der Philadelphiaverein aus Ditzingen seit 65 Jahren betreibt, wirtschaftlich so nicht mehr würde halten können. Seit ein paar Tagen steht nun fest: Die gemeinnützige Jugendhilfeeinrichtung Lichtblick GmbH aus Bretten übernimmt den landwirtschaftlichen Betrieb und die Gärtnerei.

 

Mehr noch: An diesem Ort soll künftig Kindern und Jugendlichen, die in sozial schwierigen Situationen leben und in keiner (schulischen) Einrichtung ihren Platz finden, geholfen werden, wieder Struktur in ihre Leben zu bringen. Individuell betreut werden sie künftig von Sozialpädagogen, Erziehern, Arbeitserziehern oder Heilpädagogen. Einige von ihnen haben auch eine Beziehung zur Landwirtschaft. „Eine fast dreijährige Planungsphase liegt bereits hinter uns, um die rechtlichen Dinge der Übergabe bestens zu lösen“, sagt Jochen Röckle, der die Lichtblick gGmbH im November 2012 zusammen mit Hermann Hasenfuß gegründet hatte.

Der Enkel des Gründers

Röckle ist der Enkel des Eltingers Christian Röckle, der den Philadelphia-Verein im Jahr 1945 mit dem Ziel gegründet hatte, geistlichen und diakonischen Aufgaben nachzugehen. Zum Verein gehören verschiedene Einrichtungen, unter anderem die Kinderheimat am Stadtrand von Murrhardt, das Ditzinger Pflegeheim Haus Friederike oder bisher der Biolandhof in Leonberg, der ursprünglich gegründet wurde, um alle Einrichtungen mit frischen landwirtschaftlichen Produkten versorgen zu können. „Wir wollten jetzt sicherstellen, dass die Landwirtschaft und die Gärtnerei zwar in veränderter Form, aber im Sinne des Vereins weitergeführt wird“, sagt Jochen Röckle, Lichtblickegeschäftsführer und Vorstandsmitglied des Philadelphiavereins, der weiterhin bestehen bleibt. Die beiden bisher angestellten Landwirte haben sich umorientiert und den Hof verlassen. Schulklassen haben nach wie vor die Möglichkeit, den biologisch-organischen Landbau kennen zu lernen.

Die aufwendige Milchviehhaltung wurde allerdings aufgegeben, die Kühe bereits im vergangenen Jahr abgeholt. Jetzt soll die Mutterkuhherde aus maximal acht Tieren bestehen. Um diese sowie um die Schafherde, um die Ziegen und etwa 160 Hühner kümmern sich bereits die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Lichtblick – gemeinsam mit den drei Jugendlichen, die in einer Wohngruppe in Sulzfeld bei Bretten wohnen und schon seit drei Jahren mehrmals die Woche nach Leonberg kommen. Einer davon ist ein Jugendlicher, der einige Jahre nicht zur Schule gehen wollte und bislang seinen Platz in der Gesellschaft nicht fand.

Viel therapeutisches Potenzial

In der ersten Zeit, als er nach Leonberg kam, hatte er sich komplett verweigert und stieg nicht mal aus dem Auto aus, weil für ihn die Anwesenheit auf dem Hof absolut sinnlos schien. „Er hat in der Zwischenzeit richtig tolle Entwicklungsschritte gemacht“, sagt Cornelius Dylla, der gemeinsam mit Erdmuthe Klischat nun den Hof leitet. Gärtnermeister bleibt in bewährter Weise Sebastian Soiné.

„Durch die Arbeit mit den Tieren bekommen die Jugendlichen eine Struktur, das Gärtnern erdet sie und man kann viel damit erreichen, da steckt viel therapeutisches Potenzial drin“, meint Dylla. Besagter Jugendlicher, der auch tatkräftig im technischen Dienst mitgeholfen hat und dabei unter anderem Verlässlichkeit lernte, habe sich so gut berappelt, dass er im September eine Ausbildung bei einem Garten- und Landschaftsbauunternehmen beginnt. Dass die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die eine besonders intensive Betreuung benötigen, stetig steigt „ist leider ein gesellschaftspolitisches Problem, Corona hat das noch verstärkt“, sagt Jochen Röckle, der künftig mit dem staatlichen Schulamt Böblingen und dem Jugendamt, deren Träger das Landratsamt ist, zusammenarbeiten wird. „Ich bekomme bis zu 25 Anrufe pro Woche vom Jugendamt, die Plätze für Kinder und Jugendliche suchen, weil sie woanders durchs Raster fallen.“ Im Landkreis Karlsruhe gäbe es momentan 17 Jugendliche, die nicht versorgt seien und Platz in einer Wohngruppe suchen. Wie viele Kinder der Philadelphia-Hof, der irgendwann einen anderen Namen bekommen wird, letztendlich aufnehmen und betreuen kann? Hierauf eine Antwort zu geben, ist Jochen Röckle noch nicht in der Lage. Er könne sich aber gut vorstellen, auf dem Philadelphia-Hof auch Wohngruppen einzurichten. „Seit dem vergangenen Freitag gehört der Hof der Jugendhilfeeinrichtung Lichtblick, wir stehen am Anfang des Projektes, wir haben viele Ideen, unsere Konzeptionsarbeit fängt jetzt so richtig an“, sagt der Geschäftsführer.

Gläserne Produktion im Philadelphia-Biolandhof

Offene Tür
 Der Philadelphia-Biolandhof in Leonberg nimmt traditionell an der Veranstaltungsreihe Gläserne Produktion des Landkreises Böblingen teil. So öffnet er an diesem Sonntag, 7. Juli, von 11 Uhr bis 16 Uhr seine Türen.

Abschied
Nach 65 Jahren nimmt der Philadelphia-Verein diese Veranstaltung zum Anlass und verabschiedet sich von seinem Hof, um ihn an die Jugendhilfeeinrichtung Lichtblick gGmbH aus Bretten zu übergeben. Entsprechend ist der Tag gleichzeitig die Gelegenheit für die neuen Betreiber sich vorzustellen.

Programm
Beginn ist um 11 Uhr mit einem Erntebittgottesdienst, der von der Gemeinde am Glemseck, der Stadtkirchengemeinde Leo Nord, dem Philadelphia-Verein und der Jugendhilfeeinrichtung Lichtblick gGmbH veranstaltet wird. Anschließend gibt es Mittagessen, Kaffee und Kuchen, Waffeln und Getränke. Für Kinder ist eine Hüpfburg aufgebaut, zudem gibt es Hof- und Gärtnereiführungen sowie eine Feldrundfahrt.