Sozialkaufhäuser in Stuttgart Ein Ort, der „gut für alle“ und alles sein soll

Von Nina Ayerle 

Großer Andrang: Vor Kurzem hat das Kaufhaus in Bad Cannstatt nach einer längeren Umbauphase wieder eröffnet. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Großer Andrang: Vor Kurzem hat das Kaufhaus in Bad Cannstatt nach einer längeren Umbauphase wieder eröffnet. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Das Kaufhaus in Bad Cannstatt, betrieben von der Neuen Arbeit, hat vergangene Woche nach Umbauarbeiten wieder eröffnet und ist jetzt ein Inklusionsbetrieb. Neben Secondhandware gibt es dort auch neue Produkte.

Stuttgart - Schon vor der Eröffnung um elf Uhr bildet sich eine Schlange an der Ecke Kreuznacher Straße. Als das „Kaufhaus“ in Cannstatt um elf Uhr seine Türen öffnet, sind die Gänge binnen weniger Minuten voll. Die Wiedereröffnung konnten viele Kunden offensichtlich kaum erwarten. „Gut für alle“ – unter diesem Motto hat das gemeinnützige Unternehmen Nintegra, eine Tochter des Sozialunternehmens Neue Arbeit, vor zwei Woche nach Umbauarbeiten eröffnet. Neu ist nun, dass dort Menschen mit und ohne Behinderung zusammen arbeiten.

Eigentlich habe man ja schon vor einem Monat eröffnen wollen, sagt Ralf Ehring, Bereichsleiter für Integrationsprojekte bei Nintegra, bei der Eröffnungsfeier. „Am zweiten Weihnachtsfeiertag hat aber leider ein Auto unsachgemäß in unserem Schaufenster geparkt.“

In das neue Kaufhaus habe man viel Energie gesteckt. „Gut für alle – das gilt im sozialen und ökologischen Sinn“, sagt Ehring bei der Eröffnungsfeier. „Wir bieten für Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten günstige und regionale Secondhandware.“ Zusätzlich gibt es neue Ware aus Ausschüssen, Restposten oder Aktionsware. Das Prinzip von Sozialkaufhäusern ist, dass sie gebrauchte Ware an Bedürftige verkaufen. Auch arbeiten dort meistens Menschen auf dem zweiten Arbeitsmarkt – die Arbeitsplätze kommen nur durch eine Förderung zustande. Das ist in Bad Cannstatt seit der Wiedereröffnung anders: „Als Inklusionsprojekt stehen wir unabhängig mit allen Vor- und Nachteilen nun im Wettbewerb auf dem ersten Arbeitsmarkt“, sagt Ehring.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Man sei mit dem neuen Modell freier. Zum Beispiel müssen Sozialkaufhäuser, die an die Jobcenter gekoppelt sind, nachweisen, dass etwa 75 Prozent ihrer Kunden tatsächlich auch bedürftig sind. „Im Rahmen eines Maßnahmeprojektes sind wir in unserer Geschäftstätigkeit auch abhängig von dem, was uns der Gesetzgeber vorgibt“, sagt Ehring. Deshalb habe man sich für das Modell Inklusionsbetrieb entschieden, wie bei den Cap-Märkten auch.

Nintegra betreibt 14 Cap-Märkte in Stuttgart, die ebenfalls inklusive Betriebe sind. Behinderten einen Job bieten, das sieht man bei der Neuen Arbeit auch als eigentlichen Satzungsauftrag. Dafür erhalten sie für das Kaufhaus in Bad Cannstatt Anschubfinanzierungen über die Aktion Mensch und den Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg. Nach etwa drei bis vier Jahren muss sich das Kaufhaus also finanziell selbst tragen. Die Gewinne aus den Verkaufserlösen werden in die Schaffung neuer Arbeitsplätze investiert. Zu der Höhe der Umsätzen und Zuschüssen will Ehring aber keine Angaben machen.

Die Neue Arbeit betreibt in Stuttgart mehrere Sozialkaufhäuser. Dazu gehört das Kaufhaus in Wangen, das auf 600 Quadratmetern ein umfangreiches Angebot bietet ebenso wie die Kleiderhilfe im Leonhardsviertel. Etwa 91 500 Einkäufe wurden in allen Betrieben im Jahr 2017 getätigt, das macht in etwa 300 am Tag. Zehn Mitarbeiter sind im Kaufhaus in Cannstatt angestellt, sechs davon sind Menschen mit einer Behinderung.

Einkaufen dürfen dort übrigens nicht nur Bedürftige, auch wenn natürlich die Preise an sozialschwacheren Kunden ausgerichtet sind. „Ich kaufe sehr gerne hier ein – zur Freude meines Mannes auch aus“, sagt Pfarrerin Teresa Nieser bei der Einweihungsfeier. Sie habe in der Vergangenheit öfters ungenutzte Kleidung und andere Dinge hergebracht.

Von diesen Spenden leben Sozialkaufhäuser, von denen es in Stuttgart einige gibt. Neben der Neuen Arbeit betreibt die Caritas in Feuerbach das „Fairkauf“; dort kann jeder einkaufen, Kunden ohne Bonuscard bezahlen 25 Prozent mehr. Die Caritas ist auch Träger von PragA, einer Secondhandboutique mit Nähwerkstatt an der Friedhofstraße im Norden. Im Stuttgarter Osten betreibt das Frauenunternehmen Zora gleich vier soziale Läden: drei Secondhandkaufhäuser, einen davon für Kinder, und ein Buchladen.

Bei der Caritas, bei Zora und im Sozialkaufhaus in Wangen der Neuen Arbeit arbeiten Ehrenamtliche oder sogenannte Ein-Euro-Jobber, also über Arbeitsmaßnahmen. In Bad Cannstatt hat man sich dafür entschieden, ein Kaufhaus für Jedermann zu sein, also mit einheitlichen Preisen. „Bei uns können alle einkaufen, diskriminierungsfrei“, sagt Ehring. Man wolle keine Situation wie in den Tafelläden schaffen, wo die Armen unter sich blieben.

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