Mehr als 500 Freiwillige arbeiten jedes Jahr in der Vesperkirche mit. Foto: Simon Granville

Beim Ausblick auf die Vesperkirche 2026 in Ludwigsburg findet Diakonie-Chef Martin Strecker klare Worte: Eine Politik, die nach unten tritt, habe keine Zukunft, warnt er.

Die Vesperkirche in Ludwigsburg ist weit mehr als ein Ort für eine warme Mahlzeit und Begegnungen. Sie setzt auch ein deutliches politisches Zeichen. Das betonte Diakonie-Geschäftsführer Martin Strecker bei der Vorstellung der kommenden Vesperkirche in der Friedenskirche. Der große Einsatz von Unternehmen und Privatpersonen zeige, dass die Gesellschaft nach Zusammenhalt und Solidarität suche – und nicht nach Schuldzuweisungen, die am Ende vor allem die Ärmsten träfen. Die Kirche werde sich künftig noch klarer positionieren.

 

Die Vesperkirche 2026 beginnt am 8. Februar und läuft bis zum 1. März. „Es ist ein Restaurant, das 22 Tage am Stück geöffnet hat“, sagt Strecker. Auch in diesem Jahr rechnen die Veranstalter wieder mit rund 110.000 Euro an Spenden. Zwischen 500 und 600 Freiwillige sollen im Einsatz sein. Rund 11.000 Essen werden ausgegeben, im Schnitt sind das 500 am Tag. Dazu kommen zahlreiche weitere Angebote wie Seelsorge, Sozialberatung, Massagen und Näharbeiten. Lediglich die Fußpflege steht noch auf der Kippe, berichtet Projektleiterin Carola Benker. Neu ist in diesem Jahr ein vegetarischer Samstag, an dem es keine Alternative mit Fleisch geben wird.

Vesperkirche macht Minus

Der Druck auf das spendenbasierte Angebot wachse, erklären Strecker und Benker. Die Kosten für Lebensmittel, Reinigung und das wenige hauptamtliche Personal seien gestiegen. Im vergangenen Jahr entstand ein Defizit von rund 20.000 Euro, und auch 2026 könnte ein ähnliches Minus herauskommen.

„Wir haben Glück, dass wir Spendenrücklagen gebildet haben, auf die wir jetzt zurückgreifen müssen“, so Strecker. Gleichzeitig reagiert die Diakonie bereits auf die wachsende Lücke zwischen Spendeneinnahmen und Ausgaben und hat eine Imagekampagne gestartet. Bislabg gibt es eine Broschüre, weitere Maßnahmen sollen folgen.

Ab dem 8. Februar wird in der Friedenskirche wieder gevespert. Foto: Simon Granville

Trotz der schlechter werdenden Ausgangslage, gebe es Grund zur Zuversicht: Die Vesperkirche habe einen treuen Stamm an Spendern und ein breites Netzwerk in Stadt und Region. Immer wieder entstünden neue Kooperationen. Die Bereitschaft zu helfen sei weiterhin groß – auch weil das Engagement zeitlich begrenzt ist, was viele Menschen anspreche, so die ehrliche Einschätzung der Verantwortlichen.

Strecker ist überzeugt, dass das Engagement eher stärker wird: „In einer Zeit, in der die Politik nach unten tritt, erkennen die Menschen, dass uns das als Gesellschaft nicht weiterbringt.“ Entscheidend seien Miteinander und Solidarität – Werte, die die Vesperkirche vermittle und die aktuell wieder stärker in den Fokus rückten.

Klare Worte in Richtung Bundesregierung und Lokalpolitik

Mit Blick auf die Bundespolitik wird Strecker gemeinsam mit Benker deutlich: In Krisenzeiten im sozialen Bereich zu sparen, könne nicht der richtige Weg sein. Die Politik zeichne oft das Bild von Hilfeempfängern als „Faulenzer“. Dabei seien es die Mitarbeiter der Diakonie, die täglich die Realität erlebten: Alleinerziehende, denen schlicht die Zeit zum Arbeiten fehle. Rentnerinnen und Rentner, deren Einkommen nicht zum Leben reiche. Pflegende Angehörige, die durch ihre Belastung in Armut rutschten. Menschen mit psychischen oder körperlichen Erkrankungen, die trotz Bemühungen keinen Platz im Arbeitsmarkt fänden.

Strecker beobachtet laut eigener Aussage, wie angesichts wirtschaftlicher und kommunaler Abwärtsentwicklungen nach Schuldigen gesucht wird – und diese unter den Ärmsten ausgemacht werden. Deshalb sei er überzeugt, „dass sich die Kirche in nächster Zeit noch klarer und häufiger politisch positionieren muss“.

In der Region wurde das bereits sichtbar: In der Debatte um das Sparprogramm des Landratsamtes haben sich die Kirchen eingebracht und konnten einige der sozialen Angebote von der Streichliste retten. So soll nun wohl auch die Vesperkirche 2026 nicht nur Freude bringen, sondern auch ein deutliches Zeichen für gesellschaftliche Verantwortung und politische Haltung setzen.