Will neuen Schwung nach Marbach bringen: René Landschulz, der immer wieder den Müll in der Stadt aufsammelt. Foto: Michael Raubold

Einer fängt an, andere folgen – René Landschulz hebt in Marbach (Kreis Ludwigsburg) Unrat auf. Inzwischen machen in seiner WhatsApp-Gruppe rund 130 Menschen mit.

Wenn René Landschulz durch die Straßen von Marbach geht, hat er öfter mal eine Greifzange in der Hand und einen Müllsack dabei. Es ist keine große Geste, kein spektakulärer Einsatz. Er bückt sich, hebt eine Plastikflasche auf, steckt sie in den Sack und geht weiter. Für ihn ist das eine einfache Handlung. Für andere ist es inzwischen ein Zeichen geworden.

 

Mehr als 130 Menschen haben sich mittlerweile in einer WhatsApp-Gruppe zusammengeschlossen, die Landschulz ins Leben gerufen hat. Sie treffen sich regelmäßig, um gemeinsam Müll zu sammeln – in der Innenstadt rund um die Marktstraße, auf der Schillerhöhe oder unten am Neckarufer. Was als spontane Idee begann, hat sich zu einer kleinen Bewegung entwickelt.

Immer wieder scharen sich Menschen aus Marbach um René Landschulz (Mitte), die gerne helfen. Foto: Michael Raubold

Der Ursprung dieser Initiative liegt allerdings weit entfernt von Marbach. Im Sommer 2023 war René Landschulz im Urlaub auf der griechischen Insel Sifnos. An einem Strand stand ein Mülleimer, doch rundherum lagen Hunderte von leeren Flaschen. Plastik, Glas, Dosen – achtlos weggeworfen, obwohl die Abfallbehälter nicht weit entfernt waren. „Dieser Anblick ließ mir keine Ruhe“, erinnert sich der 36-Jährige.

Der Beginn des Müllsammelns: „Es fühlte sich richtig an“

Und dann machte es Klick: „Ich habe mir damals gesagt: Ich bin jetzt der eine von hundert, der diesen Unrat wegräumt.“ Also begann Landschulz damit. Immer wieder ging er zu der Stelle am Mülleimer zurück, hob Flaschen auf, brachte sie weg und kam wieder. Es war eine stille, fast unscheinbare Tätigkeit, ohne Plan. „Einfach, weil es sich richtig angefühlt hat.“

Ein Jahr später – Landschulz und seine Freundin sind erneut auf einer griechischen Insel: Ikaria. Wieder sammelt er den Müll am Strand ein. Eine Frau wird auf ihn aufmerksam, spricht ihn an und erzählt, dass sie Kontakt zu einem lokalen Radiosender habe. Der kurze Beitrag im Inselradio löst etwas aus. Innerhalb weniger Stunden kommen zehn Menschen zum Strand. Fremde. Gemeinsam räumen sie den ganzen Tag lang auf. „Das hat mir Kraft gegeben, ich spürte tiefe Dankbarkeit.“

Diese Erfahrung nahm René Landschulz mit nach Hause. Als er durch seinen neuen Wohnort Marbach ging, fiel ihm auf, wie viel Müll auch hier herumlag: Plastikflaschen, Tüten, Verpackungen, Zigarettenschachteln. An vielen Stellen schien der Unrat so selbstverständlich geworden zu sein, dass ihn kaum noch jemand wahrnahm.

Der Neuankömmling wollte das nicht hinnehmen. Also gründete er eine WhatsApp-Gruppe und lud Menschen ein, um gemeinsam aufzuräumen. Bei der ersten Aktion im März 2025 stellte er einen kleinen Lautsprecher auf, um ein paar Worte zu sagen. Zunächst sah es so aus, als würden vielleicht nur zwei oder drei Menschen kommen. Doch als er den Lautsprecher wieder ins Auto brachte und zurückging, warteten plötzlich rund 20 Personen. „Da habe ich gemerkt: Das bewegt etwas.“

„Wer glücklich ist und dankbar ist für das, was ihn umgibt, geht anders mit seiner Umwelt um.“

René Landschulz, Mülleinsammler in Marbach

Seitdem organisiert René Landschulz im Zwei-Wochen-Takt immer wieder Aktionen, manchmal auch spontan. Die Gruppe zieht dann mit Greifzangen, Handschuhen und Müllsäcken durch die Stadt. Besonders rund um die Marktstraße, aber auch an Schulen sammelt sich viel Abfall an – Überreste von Getränken, Verpackungen aus dem Supermarkt, achtlos weggeworfene Chipstüten.

Für Landschulz ist das Müllsammeln mehr als eine praktische Tätigkeit. Er versteht es auch als Ausdruck einer Haltung. Menschen, die ihren Müll einfach wegwerfen, hätten oft den Bezug zur Natur verloren. „Wer glücklich ist und dankbar ist für das, was ihn umgibt, geht anders mit seiner Umwelt um.“

Immer wieder stoßen Menschen zu der Gruppe

Gleichzeitig erlebt der Marbacher immer wieder das Gegenteil: Menschen, die spontan zur Gruppe „Gemeinsam Gutes tun für unsere Heimat“ stoßen, sich bereiterklären, zu helfen, eine Zange in die Hand nehmen und Zeit investieren. Dass sich so viele beteiligen, überrascht ihn bis heute. Froh ist er, dass ihn Alice Karavi unterstützt, um die Gruppe aktiv zu halten: „Sie organisiert ganz viel und vertritt mich auch.“

Vielleicht hängt die Anziehungskraft von Landschulz auch mit seinem Beruf zusammen. Er arbeitet als Lebensberater. In Gesprächen begleitet er Menschen, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden – bei Krankheit, in Krisen oder in Zeiten, in denen Hoffnung verloren gegangen scheint. Ein zentraler Gedanke seiner Arbeit ist, dass Menschen über eigene Kräfte verfügen, die ihnen helfen können, „wieder in den Fluss des Lebens zu kommen“.

Selbstheilungskräfte nennt er das. Manchmal wirkt es, als übertrage René Landschulz diesen Gedanken auch auf die Stadt, in der er lebt. Wenn Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen, beginne sich etwas zu verändern – nicht nur sichtbar auf den Straßen, sondern auch im Miteinander.

Marbach, davon ist er überzeugt, besitzt solche Kräfte: „Liebe ist die Antwort auf alles.“ Man müsse nur anfangen. Und manchmal beginnt es mit etwas so Einfachem wie einer Flasche, die jemand aufhebt.