Der Wiener Gemeindebau ist legendär, er hat eine 100-jährige Geschichte. Die einfache Idee lautet: Alle sollen günstig wohnen. Wie es sich in den riesigen historischen Anlagen lebt – und welche Schwächen bestehen.
Otto Bauer sagt: „Ich bin stolz, hier zu wohnen.“ Der 70-jährige Wiener sitzt im „Ehrenhof“ der großen Wohnanlage mit einigem Grün, vor sich die mächtige Bronzebüste von Jakob Reumann, in den 1920er-Jahren Bürgermeister der österreichischen Hauptstadt. Ein Sozialdemokrat, natürlich, wie das seit mehr als 100 Jahren bis auf die Zeit von Diktatur und NS-Herrschaft immer so war.
Bauer ist ein agiler Mann mit wehendem weißen Haar. Dass er hier im Reumann-Hof im Arbeiterviertel Margareten seit 30 Jahren leben kann, hat er auch jenem Bürgermeister zu verdanken. Dieser hatte sich für den Bau sehr vieler günstiger Wohnungen eingesetzt. Die Anlagen heißen Gemeindebauten, sie gehören der Stadt und werden weiterhin von ihr betrieben. Einst waren sie für die darbende Arbeiterschaft bestimmt, heute bieten sie massenhaft Wohnen zu niedrigen Preisen für nahezu alle, die das möchten.
„Für uns ist der Gemeindebau ganz normal“, sagt Vincent Wohinz. „Er ist Teil der Stadt Wien, uns fällt das gar nicht so auf.“ Besuchern schon. In der Donaumetropole kann man hingehen, wo man möchte, man stößt immer auf diese Häuser, an deren Fassade „Erbaut von der Gemeinde Wien“ steht. Wohinz leitet die so genannten „Grätzl“ der Anlagen. Das sind Treffpunkte für die Bewohner – im Reumann-Hof etwa Erdgeschoss-Räume mit Küche, Tischen und Stühlen für Veranstaltungen, Feste oder Kurse. Hier ist auch Otto Bauer aktiv, mit einem anderen Mieter betreibt er den Verein „Kultur Integrieren in Wien“, der Ausstellungen und Lesungen organisiert.
Der Wiener Gemeindebau ist, man kann das so sagen, eine weltweit einzigartige Sache. Im Reumann-Hof gibt es 450 Wohnungen mit einem bis drei Zimmern und um die 900 Bewohner. In ganz Wien existieren 2000 Gemeindebau-Anlagen mit insgesamt 220 000 Wohnungen, in denen 500 000 Menschen leben. Die stadteigene „Wiener Wohnen“ betreibt den europaweit größten kommunalen Wohnungsbestand. Die Folge davon ist auch, dass die gesamten Preise für das Wohnen viel geringer sind als in anderen europäischen Großstädten.
Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Die Arbeiterschaft wuchs rasant, die Menschen lebten in immer katastrophaleren Verhältnissen. Die Wohnungsnot nahm zu, viele Arbeiter waren „Schlafgänger“ – in Schichten haben sie in einem Bett abwechselnd geschlafen.
Nach dem Ersten Weltkrieg kamen die Sozialdemokraten von der heutigen SPÖ an die Stadtregierung, es begann die Zeit des noch bis heute so genannten „Roten Wiens“. 1924, vor genau 100 Jahren, wurde als erster der Metzleinstaler-Hof fertig gestellt, er liegt direkt neben dem Reumann-Hof. Die Gebäude sind geprägt von einer massiven, teils recht kolossal wirkenden Architektur. Vincent Wohinz sagt: „Wir nennen das hier auch die Ringstraße des Proletariats.“
Im Metzleinstaler-Hof ist unten der Mini-Supermarkt Semmerl und Co. untergebracht, die Stiege führt auf knarzenden Holzdielen bis in den sechsten Stock. In dem beige-grauen Gebäude riecht es nach Bier, Mittagessen, ein wenig nach Cannabis. Luxuriöses Wohnen sieht anders aus, verelendetes aber auch. Je nach Zustand und Größe liegt die Miete für eine Ein-Zimmer-Wohnung bei 300 Euro, für zwei Zimmer sind es 400 bis 450 und für drei 650. Größere Wohnungen gibt es selten.
Die Einkommensgrenze, mit denen man nach oft langem Warten einziehen kann, ist hoch und für Normalverdiener kein Problem. „Wir wollen, dass sich verschiedene Bevölkerungsschichten mischen“, sagt der Grätzl-Organisator Wohinz. Es sollen sich keine Armen-Gettos bilden mit den typischen sozialen Brennpunkten.
Am Ehrenhof – eine Anspielung der Architekten des Proletariats auf feudale Schloss-Empfangshöfe – trifft Otto Bauer auf Manuela Winter, sie begrüßen sich herzlich. Winter ist die Hausbesorgerin, also die Hausmeisterin, die im Reumann-Hof für vier Stiegen zuständig ist – das sind die Treppenhäuser, die zu den Wohnungen führen. Die Hausbesorgerin ist eine Frau mit schwarzem Haar, hochgesteckter Sonnenbrille, viel Schmuck und Tätowierungen. Sie hat gerade Müll aus der Stiege weggebracht. „Seit 26 Jahren mache ich das hier“, sagt Winter, „ich mache es sehr gern.“ Und: „Vor allem bin ich auch für viel Lachen zuständig.“
Es gibt eine Ikone des Gemeindebaus: den Karl-Marx-Hof im Bezirk Döbling. Er zieht sich über einen Kilometer und ist die längste Wohnanlage der Welt. 1700 Menschen leben hier. Viel Gemeinschaft ist allerdings an einem Nachmittag nicht zu erkennen. Kaum jemand ist draußen an den Gartenanlagen, die Spielplätze sind verwaist.
Die monströse Wohnanlage hat 98 Stiegen und ist fünf Geschosse hoch. An den Klingelschildern stehen keine Namen, nur Nummern. Vielfach angebrachte Tafeln maßregeln: „Betreten und Verunreinigungen der Grünanlagen ist verboten.“ Ein Paar geht mit seinem Kind spazieren. „Wir haben zwei Zimmer mit 45 Quadratmetern“, erzählt die Frau. „Das wird zu klein, und uns gefällt es hier eigentlich auch nicht so gut.“ Sie wollen sich etwas Größeres suchen, im Gemeindebau oder auch von privat.
Immer wieder wurde und wird der Gemeindebau auch von Skandalen wie etwa Baukartellen erschüttert. Es gibt viel Bürokratie, manchmal Freunderlsumpf, wie die Wiener sagen. Der Investitionsstau ist bei vielen Gebäuden enorm.
Dennoch: Auf der ganzen Welt interessiert man sich für das Wiener Modell, Politiker aus vielen Ländern reisen an, um es anzuschauen. Selbst Queen Elizabeth II. war da, 1969 besuchte sie einen Hof und trank mit dem dort lebenden Ehepaar Chlumetzky in deren Wohnung Tee.