Marlene Kühner ist da um zuzuhören: „Allein das beruhigt die Menschen.“ Foto: privat

Marlene Kühner arbeitet in den Notunterkünften in Bietigheim. In einem Gastbeitrag schildert sie soziale Realitäten – und den Moment, wenn Menschen plötzlich ihr Zuhause verlieren.

„Wo ist Herr Merk?“, frage ich und sehe mich im Raum um. Frau Seib hat mir den Zutritt erlaubt, einfach ins Zimmer gehen darf ich nicht. In den Notunterkünften für Wohnungslose gibt es Regeln. Herr Merk und Frau Seib teilen sich ein Zimmer in einer Gemeinschaftsunterkunft der Stadt Bietigheim-Bissingen.

 

„Er liegt im Bett“, sagt Frau Seib. Heute trägt sie ein trägerloses Hemdchen und eine rosa Schlabberhose mit Herzchen. „Geht ihm nicht gut.“ Ich schaue genauer hin. Unter der Bettdecke zeichnet sich nur eine schmale Gestalt ab, kaum sichtbar, nur die Füße ragen hervor. „Seit seinem Sturz steht er nicht mehr auf“, sagt Frau Seib und zuckt mit den Schultern.

„Er braucht Physiotherapie“, sage ich. „Er muss sich bewegen.“ „Er will nicht.“ „Aber das ist wirklich wichtig“, sage ich lauter, obwohl Frau Seib gut hört. Auch wenn manche Menschen hier verwahrlost oder zahnlos sind – die meisten hören gut.

„Psst!“ Frau Seib schaut besorgt zu ihrem Freund. Herr Merk soll schlafen. Alle sind froh, wenn er schläft, denn er neigt zu Jähzorn. Er sieht aus wie siebzig, ist aber Mitte fünfzig.

Gründe für Obdachlosigkeit

Herr Merk und Frau Seib sind zwei von 16 Menschen in dieser Unterkunft in Bietigheim-Bissingen. Insgesamt leben 63 Wohnungslose in zehn verschiedenen Notunterkünften der Stadt. Die Dunkelziffer ist allerdings höher – und das in einer der reichsten Städte der Region. Nach meinem Bachelor-Abschluss in Sozialer Arbeit und Religions- und Gemeindepädagogik an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg arbeite ich seit einem halben Jahr bei der Stadtverwaltung. Dort betreue ich Menschen in Not. Ein Job, bei dem ich viel über mich selbst lerne – aber auch über unsere Gesellschaft.

In Deutschland waren 2024 mehr als eine Million Menschen wohnungslos und in Einrichtungen der Kommunen oder der Wohlfahrt untergebracht, so die offizielle Schätzung. Etwa 56.000 lebten auf der Straße und gelten als obdachlos.

Es gibt viele Gründe, sein Zuhause zu verlieren. Der Mangel an bezahlbarem und bedarfsgerechtem Wohnraum sowie Armut zählen zu den zentralen Ursachen. Besonders problematisch ist laut Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe der Rückgang der Sozialwohnungen.

Marlene Kühner kümmert sich um mehr, als nur um die Menschen. Foto: privat

Zu den häufigsten Auslösern von Wohnungslosigkeit zählen Miet- und Energieschulden. Auch Krankheit, Scheidung oder der Tod eines geliebten Menschen können den Boden unter den Füßen wegziehen. Die Menschen, die bei uns gemeldet sind, haben jedes Alter – darunter auch einige Familien mit Kindern.

Einer von ihnen ist Herr Walter, 64, und schon lange bei uns. Ein höflicher, wortkarger Mann, der einen Minijob in einer Gaststätte hat. Er ist dort der Mann für alles: Ausfegen, Stuhlbeine leimen, Schnee schippen. Im Sommer pflanzt er Peperoni und Tomaten in Töpfen. Wir setzen uns auf die Terrasse. Es ist kalt, aber sonnig.

Das Leben des Herrn Walter

Läuft es hier gut für Sie, Herr Walter? „Das ist mein Reich. Ich komme um acht und bleibe, bis alles tipptopp ist.“ Wo sind Sie aufgewachsen? „Hier in Bietigheim-Bissingen. Hatte sechs Geschwister, doch nur ich und mein jüngerer Bruder sind noch übrig.“ Was ist mit den anderen? „Sie sind gestorben.“

Nach seiner Lehre arbeitete er zwanzig Jahre als Mechaniker. Er hatte eine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung, alles passte. Doch dann ging sein Meister in Rente, der Nachfolger mochte ihn nicht und ließ ihn das jeden Tag spüren.

„Ich hab es nicht mehr ertragen und gekündigt, bevor noch was passiert.“ Weil Herr Walter auf keinen Fall arbeitslos sein wollte, suchte und fand er eine Stelle bei einer Zeitarbeitsfirma. Einige Jahre ging es gut. Dann blieben die Aufträge aus, er wurde arbeitslos, seine Freundin verließ ihn, und schließlich musste er auch aus seiner Wohnung raus – Eigenbedarfskündigung. Er fand keine neue.

Die gründe, warum Menschen in den städtischen Unterkünften landen, sind vielfältig. Foto: privat

Bei Zwangsräumungen ist die Stadt verpflichtet, eine Unterkunft zu stellen. Mein Team und ich versuchen natürlich, Räumungen abzuwenden, sprechen mit Vermietern, dem Jobcenter – manchmal gelingt es. Bei Herrn Walter klappte es damals nicht. „Ich stand draußen, bekam vom Ordnungsamt einen Schlüssel für eine Notunterkunft, und das war’s. Ich hab ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Schrank. Auch einen DVD-Spieler und einen Fernseher. Passt so.“

Und wenn Sie Feierabend machen? „Dann radle ich an die Metter und sitz mit ein paar Freunden auf einer Bank am Ufer. Wenn es regnet, unter der Brücke am Fluss. Wir rauchen und trinken ein Feierabendbier.“ Kommen Sie mit Ihrem Geld aus? „Übrig bleibt nichts. Was ich hier verdiene, zieht das Jobcenter vom Bürgergeld ab.“

Wohnung weg, Leben zerrüttet

Die Wohnung zu verlieren, ist heftig und wirft Menschen aus der Bahn. Ich erinnere mich an eine 83-jährige Frau, die mit Mann und Tochter in einem Haus gewohnt hatte. Erst starb der Mann, bald darauf zog die Tochter aus. Zum Schluss verkaufte der Vermieter das Haus, der neue Besitzer meldete Eigenbedarf an. Die alte Frau war wie gelähmt und nicht in der Lage, etwas zu unternehmen.

Wir fanden einen Platz im betreuten Wohnen. Irgendwie regelten wir alles: Kaution, Miete und die neu entstandenen Schulden. Denn eine Zwangsräumung ist teuer – mehrere tausend Euro, die die geräumte Person selbst tragen muss.

Ich war dabei, als die Gerichtsvollzieherin an einem Dienstag vor der Tür stand, und hatte einen Kloß im Hals. Bei der 83-Jährigen sah es aus wie bei meinen Großeltern zu Hause. Es war hart, das mitzuerleben. Ich konnte die Situation nicht abwenden, nur mildern. Als ich abends heimfuhr, dachte ich: Ich bin froh, dass ich nicht in Bietigheim-Bissingen wohne.

„Oft steht pure Überforderung vor meinem Schreibtisch. Sprachprobleme, Analphabetismus, Frauen Mitte fünfzig, die nicht wissen, wie sie ihre Eltern weiter pflegen sollen.“

Marlene Kühner, Sozialarbeiterin

Ich bin in Brackenheim aufgewachsen und lebe noch immer dort. Ich brauche die 30 Minuten Fahrzeit von meiner beruflichen Welt in meine private. Diese Distanz tut mir gut, damit ich die Probleme nicht mit nach Hause nehme. Im Job muss ich eine Rolle ausfüllen und für andere Menschen da sein, klar und bestimmt, denn Grenzen werden getestet. Zu Hause darf ich auch mal überfordert sein.

Die Menschen in den Unterkünften brauchen Privatsphäre, aber auch jemanden, der zuhört. Dafür fehlt mir oft die Zeit. Meine Stelle ist aufgeteilt: zur Hälfte für die Wohnungslosen, zur Hälfte für die Sozialberatung im Rathaus. Der Beratungsbedarf ist schier unendlich. Es geht um Grundsicherung, Bürgergeld, Arbeitslosengeld, Bildung oder Jugendhilfe, Probleme mit Versicherungen. „Können Sie mal meinen Vermieter anrufen? Meine Bank? Oder meinen Chef?“

Oder: „Ich komme nicht mehr klar mit meinem 15-jährigen Sohn, ich habe Angst vor ihm.“ Oft steht pure Überforderung vor meinem Schreibtisch. Sprachprobleme, Analphabetismus, Frauen Mitte fünfzig, die nicht wissen, wie sie ihre Eltern weiter pflegen sollen. Ich bin selbst erst 25, aber ich habe ein Studium der Sozialen Arbeit. Das hilft bei solchen Fragen.

Den Teufelskreis durchbrechen

In meinem Studium an der Evangelischen Hochschule habe ich bereits viel für die Praxis gelernt. Und trotzdem gibt es immer wieder neue Situationen. Zum Beispiel erst vor Kurzem: Eine drogensüchtige Person, Kokain und Amphetamine, saß wegen Raubüberfällen im Gefängnis, hat Menschen verprügelt, lange, fettige Haare. Für seine Schulden hat er einen gesetzlichen Betreuer, und die beiden kommen nicht miteinander klar. Dann bin ich die Anlaufstelle. Solche Menschen nehmen mich trotz meines jungen Alters ernst. Allein, dass ich zuhöre, beruhigt sie.

Ich bin da, um zu unterstützen, um den Teufelskreis zu durchbrechen. Aber sie tragen auch Verantwortung. Soziale Arbeit funktioniert nur mit Bereitschaft und Absprache. Ich bin mitfühlend, aber es bringt niemandem etwas, wenn ich vor Mitleid zerfließe. Eher trete ich dem einen oder anderen mal auf die Füße. Und selbst wenn sich jemand völlig danebenbenimmt, kann ich ihn nicht rausschmeißen. Er ist ja schon rausgeschmissen.

Habe ich eine „schöne“ Arbeitsstelle? Diese Frage stelle ich mir manchmal. Obwohl ich oft an vermüllten, stinkenden Orten bin, sage ich: Ja. Neulich erzählte mir einer der Hausmeister der Unterkünfte, wie er die alkoholkranke Frau Kerbe tot im Bett gefunden hatte. „Die folgenden Wochen ging es mir nicht gut“, sagte er. „Ich hab immer wieder dieses Bild vor Augen, wenn ich irgendwo eine Tür öffne.“

Nach seinem ersten Arbeitstag hier wollte er gleich wieder aufhören. Er hatte noch nie so viel Elend gesehen wie in dieser Unterkunft. Abends erzählte er seinen Eltern und Geschwistern davon – und blieb. Denn er spürte, dass es den Leuten guttut, wenn er mit ihnen redet. Und das tat wiederum ihm gut.

Anmerkung der Redaktion: Die Namen der wohnungslosen Menschen wurden geändert.

Das steckt hinter dem Gastbeitrag

Praktika
Die Studierenden der Evangelischen Hochschule sammeln während oder nach dem Studium Berufserfahrungen. Ihnen begegnen Leid, gesellschaftliche Probleme und soziale Ungerechtigkeit – sie erleben aber auch viele bewegende Momente. Eine von ihnen ist die 25-jährige Marlene Kühner.

Artikel
Dieser Gastbeitrag ist ein Teil einer Artikelserie, die in Kooperation mit der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg entsteht. Sie dreht sich darum, welche Erfahrungen Studierende der Sozialen Arbeit in ihrem fünften Semester, dem Praxissemester, machen.