Die Jugendkriminalität in der Region Ludwigsburg nimmt zu. Schon in der Grundschule werden Konflikte mit Gewalt gelöst, Kinder übers Internet erniedrigt. Die Ursachen sind komplex, sagen drei Sozialarbeiter – häufig liegt es auch einfach an den Erwachsenen.
Die aktuelle Kriminalstatistik im Landkreis Ludwigsburg zeichnet ein alarmierendes Bild: Jugendkriminalität und Gewalt an Schulen nehmen weiter zu. Die Täter sind jünger, die Taten brutaler – und Einsicht fehlt oft. Doch was steckt hinter dieser Entwicklung? Drei Sozialarbeiter aus dem Landkreis erklären die komplexen Ursachen und betonen: Kinder, die Probleme machen, haben selbst welche.
„Beim ersten Mal schockt es noch, beim zehnten Mal nicht mehr.“ – Frank Schneider
Der Anstieg an Gewalt habe ihn nicht überrascht, sagt Frank Schneider, Leiter der Jugendförderung „Das Netz“ in Bietigheim-Bissingen. Schon seit einigen Jahren bemerkt sein Team aus Sozialarbeitern, dass sich etwas verschiebt. Immer mehr Kinder unter 14 Jahren schlagen, klauen, rauben und tragen Waffen – „und das nicht mehr nur in den Brennpunkten der Großstädte, sondern auch im Ländlichen“.
Für Schneider liegt ein Teil der Erklärung im aktuellen, gesellschaftlichen Klima. „Wir sind immer vielschichtiger, multikultureller – und gleichzeitig gespaltener. Es fehlt die Bereitschaft, sich zu öffnen, sich auf Andersdenkende einzulassen, Empathie zu zeigen.“ Auch Politiker oder wichtige Vorbilder der Jugendlichen im Internet würden das vorleben: Konflikte werden angefeuert, anstatt beigelegt zu werden; es wird abgewertet, anstatt sich füreinander zu interessieren.
Schneider beobachtet zudem eine immer frühere Verrohung der Jugend. Schon in der Grundschule schicken Kinder einander brutale Videos – Schlägereien, Enthauptungen, Pornografie. „Beim ersten Mal schockt das die Kinder, beim zehnten Mal schon nicht mehr“, sagt Schneider. Und die Eltern? Sie seien sich dessen kaum bewusst oder fühlten sich machtlos.
Doch nicht nur die extremen Videos besorgen den Sozialarbeiter. Auf Tiktok, Instagram und Youtube haben Influencer und Rapper mit ihren Inhalten vor allem dann Erfolg, wenn sie beleidigen, übereinander herziehen oder sich bedrohen. Diese Mechanismen übertragen sich auf die Jugendlichen, auf ihren persönlichen Umgang und ihre Whatsapp-Gruppen: „Jugendliche haben verinnerlicht, dass öffentliches Bloßstellen legitim ist, dass man ein Recht dazu hat.“
„Die Kinder haben keine Pause mehr voneinander.“ – Eldrid Ehlers
Auch die Leiterin des Jugendhauses Fireblade in Steinheim sieht keine einfache Erklärung für die Entwicklung. Eine ganze Generation an den Pranger zu stellen sei jedenfalls der falsche Weg, sagt Eldrid Ehlers. Für sie sind Kinderarmut, kaputte Elternhäuser und gewalttätige Erziehung immer noch die wichtigsten Faktoren für Jugendkriminalität – und diese Faktoren verschlechtern sich spürbar.
Jedes siebte Kind unter 18 Jahren in Deutschland war 2023 armutsgefährdet – Tendenz steigend. Auch die Meldungen wegen Kindeswohlgefährdung nehmen laut Ehlers im Landkreis zu. Eine faire Gesellschaft mit mehr Hilfsangeboten, Prävention und deutlich mehr Therapieplätzen könnte aus ihrer Sicht schon viel bewirken. Doch laut Ehler fehlt dafür das Bewusstsein in Politik und Gesellschaft: „Wir müssen verstehen, dass unser Problem nicht im Schlauchboot sitzt, sondern im Privatjet.“
Sorgen bereiten ihr auch die überfürsorglichen Eltern – oft als Helikopter- oder Rasenmähereltern bezeichnet. „Sie bügeln alle Hindernisse weg, lassen die Kinder ihre Konflikte nicht selbst lösen und bringen ihnen nicht bei, ein Nein zu akzeptieren.“ Die Folge: Wie auch Erwachsene, halten sich viele Kinder für den Mittelpunkt der Welt und haben kaum ein Gefühl für die Gesellschaft. „Viele verstehen nicht, dass die eigene Freiheit endet, wo die des Gegenübers beginnt.“
Die Fähigkeit, mit Zurückweisung, Niederlagen und Meinungsverschiedenheiten umzugehen, nimmt also ab – gleichzeitig müssen Kinder sich heute pausenlos diesen Herausforderungen stellen. Auf Social-Media-Plattformen und in Whatsapp-Gruppen stünden sie unter ständigem Vergleichsdruck, müssten Erwartungen erfüllen und Emotionen verarbeiten. „Die Kinder haben keine Pause mehr voneinander.“
„In der Pandemie haben viele Kinder verlernt, mit Emotionen im sozialen Umfeld umzugehen.“ – Alexandra Unruh
Alexandra Unruh, Schulsozialarbeiterin am Otto-Hahn-Gymnasium in Ludwigsburg, beobachtet deutliche Veränderungen unter den Jugendlichen – besonders seit der Corona-Pandemie. Psychische Belastungen wie Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten, Depressionen und Suizidgedanken seien sprunghaft angestiegen – teils schon bei Grundschulkindern. Therapieplätze seien kaum zu finden
„In der Pandemie haben viele Kinder verlernt, mit Emotionen im sozialen Umfeld umzugehen“, sagt Unruh. „Sie hatten keine Chance, sich auszutauschen oder Spannungen abzubauen.“ Manche Kinder seien verunsichert gewesen, dass sie Oma oder Papa töten könnten, wenn sie Corona haben – es entwickelten sich Angststörungen, die bis heute wirken.
Doch nicht nur Ängste, auch Überforderung ist für viele Jugendliche ein zentrales Thema. Die Vielzahl an Möglichkeiten – in Schule, Beruf, Freizeit – wirke nicht befreiend, sondern erzeugt Orientierungslosigkeit. „Je größer die Auswahl, desto größer die Unsicherheit“, sagt Unruh. Die Folgen sind Druck, Selbstzweifel und Panik.
Rohe Gewalt begegnet ihr im Beruf kaum, wenn dann von Mädchen, die ihre Aggressionen gegen sich selbst richten – in Form von Essstörungen und Selbstverletzungen. Spezielle Online-Plattformen verstärkten dieses Verhalten: Dort würden sich Nutzer herabwürdigen, etwa wenn jemand am Tag einen Apfel gegessen hat, berichtet Unruh.
Ja, auch früher mussten sich Jugendliche mit den Krisen der Welt auseinandersetzen, hatten viel Druck und wenig Impulskontrolle. Anders als früher könne sich die Jugend der ständigen Präsenz von Konflikten, Gewalt, Tod und Katastrophen aber nicht mehr entziehen, so Unruh – die Handys spüle ständig emotionalisierte Inhalte, geschönte Bilder und überspitze Panik in die Köpfe der Kinder: „Das ist alles zu schnell und zu viel, die Jugendlichen haben keine Chance, diese Eindrücke abzubauen.“
Trotz riesiger Herausforderungen – eine starke Generation
Reflexion
Die drei Sozialarbeiter haben großen Respekt vor der Leistung der Jugend. „Die Schüler haben ein großes Problembewusstsein, können sich gut erklären und suchen sich aktiv Unterstützung“, sagt Alexandra Unruh. „Sie sind willensstark – sie wissen, was sie brauchen“, sagt Eldrid Ehlers. Laut Frank Schneider wächst gerade die erste, richtig digitale Generation heran. „Die müssen mit einer nie dagewesenen Taktung umgehen – und schaffen das irgendwie.“
Engagement
Viele Jugendliche würden die Entwicklungen genau verstehen und kritisch verfolgen, sagt Ehlers. „Einige können sich abgrenzen und wissen, dass sie gut sind, so wie sie sind.“ Es gebe den Trend zum Individualismus, aber auch einen zum Gesellschaftlichen, ergänzt Unruh. Die Jugend habe einen Pioniergeist und sei engagiert, so die Sozialarbeiter.