Die VfB-Fans zeigen Flagge Foto: dpa

Die Mercedes-Benz-Arena ist alle 14 Tage das größte Jugendhaus der Stadt. Diesen Trumpf sollen Sozialarbeiter jetzt nutzen – und sich um Fußballanhänger kümmern.

Stuttgart - Der Stuttgarter Sonderweg hat ein Ende. Wie in 57 anderen Städten in Deutschland wird es vom 1. November an ein Fanprojekt geben, bei dem Sozialarbeiter sich um Fußballanhänger kümmern. Am 1. September gründen der Stadtjugendring und die Sportkreisjugend einen Trägerverein. Derzeit werden vier Mitarbeiter gesucht. Und entsprechende Räume.

Nach drei vergeblichen Anläufen hatten die Stadträte im Dezember knapp 120 000 Euro für zwei Jahre bewilligt. Vom Land kommen nochmals 120 000 Euro dazu, die Deutsche Fußballliga und der deutsche Fußballbund steuern 240 000 Euro bei. Lange schon hatten die Partner mit den Scheinen gewedelt. Doch die Stadt Stuttgart wollte ihr Scherflein nicht beitragen. Ein Fanprojekt fände man gut, sagten Stadträte, hatten jahrelang viel Lob parat, aber kein Geld. Was wohl damit zu tun hat, dass Fußball für manche Parteien weniger Kulturgut denn Fußlümmelei ist. Und das Jugendamt wollte seine Deutungshoheit nicht verlieren, beharrte auf dem Standpunkt, mobile Jugendarbeit und Jugendhäuser reichten aus. Die einstige Sozialbürgermeisterin Gabriele Müller-Trimbusch ließ im Rathaus 2010 eine Notiz kursieren, auf der sie geschrieben hatte, dass der VfB mit seinem Gewinn „jetzt in der Lage ist, sein Fanprojekt selbst zu stemmen“.

Nun macht der VfB schon lange keine Gewinne mehr, doch die Notiz ist vor allem deshalb interessant, weil sie völlige Unkenntnis über die Fanprojekte verriet. Deren Markenzeichen ist nämlich, dass sie von den Vereinen unabhängig sind. Weil die Vereine eben auch Partei sind, zum Beispiel Stadionverbote aussprechen. Und weil die Fanbetreuer der Clubs keine Sozialarbeiter sind, die Probleme mit Eltern, Schulen, Drogen heilen können.

Das Stadion ist das größte Jugendhaus der Stadt

Die Mercedes-Benz-Arena ist alle 14 Tage das größte Jugendhaus der Stadt. Nicht unbedingt, weil dort großer Fußball zu sehen ist. Sondern weil der VfB Identität stiftet. Meine Kurve, mein Verein, meine Stadt. Das wärmt, das macht stolz, gerade wenn man Ärger zu Hause hat, schlechte Noten in der Schule, keinen Job. Diese Jugendlichen kann man über den Fußball erreichen. Das zeigen die Erfahrungen aus anderen Fanprojekten.

Erst redet man über die letzte Partie, über die Auswärtsfahrt – und dann über die Schule und den Stress mit den Eltern. Und verhindert so womöglich, dass ein Jugendlicher aus Frust zuschlägt. Oder gar rechtsradikal wird. Anderswo baggern die Neonazis der Autonomen Nationalisten Fußballfans an. Die Autonomen Nationalisten sehen nicht mehr aus wie altvordere Hooligans. Das sind keine dumpfe Glatzen, sie tragen Kapuzenpullis und Sonnenbrillen. Im Osten und in Nordrhein-Westfalen versuchen sie, sich in die Kurven zu drängen. In Stuttgart gibt es diese Tendenzen bisher nicht. Da genau hinzuschauen wird eine der Aufgaben des Fanprojekts sein.

Die Immobiliensuche in Stuttgart ist nicht leicht

Sozialarbeiter sucht man, es können auch Erzieher sein, sagt Michael Bulach von der Sportkreisjugend. Ob Männlein oder Weiblein ist egal, wichtig ist nicht das Geschlecht sondern die Farbe des Herzens. Getrennt wird nach Rot und Blau. Vereint haben die Anhänger von VfB und Kickers für ein Fanprojekt gestritten, damit ist es aber genug der Gemeinsamkeiten. Je zwei Mitarbeiter kümmern sich um den VfB, zwei um die Kickers. Und die sollten Einblicke und Kontakte in die jeweilige Fanszene haben.

Der Trägerverein sucht auch Räume, ein Büro irgendwo zwischen Gazi-Stadion und Mercedes-Benz-Arena, „mit einem roten und einem blauen Eingang“ wie Bulach sagt. Zudem braucht das Fanprojekt der Kickers einen Raum im oder am Gazi-Stadion, „wo Fans sich treffen und Banner gestalten können“. Die Ultras des VfB haben bereits einen solchen Raum an der Mercedes-Benz-Arena. Doch die Immobiliensuche in Stuttgart ist nicht leicht. „Wir tun uns schwer, etwas zu finden“, sagt Bulach. Deshalb soll das Fanprojekt erst mal beim Sportkreis oder dem Stadtjugendring unterschlüpfen. Den Anhängern wird’s egal sein, Hauptsache der Stuttgarter Sonderweg hat ein Ende.

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