Anna Wahl macht den kleinen Ben bettfertig. Seit September 2020 arbeitet sie als SOS-Kinderdorfmutter. Foto: Gottfried / Stoppel

Anna Wahl hat einen echten Full-Time-Job. Die 53-Jährige ist seit rund zweieinhalb Jahren SOS-Kinderdorfmutter und das sieben Tage die Woche. Sie bereut ihre Entscheidung nicht.

Ben* lacht. Er schwingt glucksend auf der Schaukel durch die Luft. „Genau, die Füße immer vor und zurück“, lobt Anna Wahl den Dreijährigen und gibt ihm neuen Schub. „Mehr“, ruft Ben und strampelt vergnügt. „Nicht zappeln, dann schaffst du es bald allein“, sagt die Kinderdorfmutter. Sie lässt ihn ausschwingen und hebt Ben sanft aus dem Sitz. Er schlingt die Arme um sie.

 

Hand in Hand gehen sie über den Spielplatz des SOS-Kinderdorfs Württemberg in Schorndorf-Oberberken. Der kleine Junge und die Frau, die für ihn sorgt. Alle paar Schritte bleibt Ben stehen, zeigt auf Blüten im Gras. „Ja, schau, so viele Gänseblümchen“, sagt Anna Wahl. Gleich wird sie ihn auf eine Amsel aufmerksam machen: „Siehst du sie, da im Baum?“ Ben wird Seilbahn fahren und auf Ben-Art rutschen: Bevor es hinabgeht, klickt er seinen unsichtbaren Gurt fest.

Normalerweise ist der Dreijährige um diese Zeit in der Kita

Der Kleine genießt es, die volle Aufmerksamkeit seiner Kinderdorfmutter zu haben. Weil er am Morgen Bauchweh hatte, hat sie ihn von der Kita abgemeldet. Die Zeit zu zweit ist selten und entsprechend kostbar. In der Kinderdorffamilie leben noch drei weitere Kinder: Bens ältere Schwester Ayleen, die ebenfalls siebenjährige Stella und die zwölfjährige Amira.

Was ist denn da? Ben hat auf dem Hauptweg des Dorfs einen Gully ohne Deckel entdeckt – ein dicker Schlauch führt hinein. Die Rohrreinigung ist da. „Du darfst gucken, ich halte dich“, sagt Anna Wahl. Vorsichtig linsen sie ins Loch. „Das ist aber tief! Da wollen wir nicht runter, oder?“ Ben schüttelt den Kopf. „Sollen wir nach Hause gehen?“ Da nickt der Junge: „Ja!“

Die Entscheidung, ins Kinderdorf zu ziehen, hat das Paar zusammen getroffen

Und so gehen sie in das Gebäude, das nicht nur für Ben, sondern auch für Anna Wahl und ihren Partner Arne ihr Zuhause ist. Eine weitere Wohnung haben sie nicht. Sie weiß noch gut, wie andere reagierten, als sie vor einigen Jahren erzählte, sie werde Kinderdorfmutter, Arne und sie hätten das so entschieden. „Du gibst dein Leben auf?“ Sie selbst habe das gar nicht so empfunden: als Verlust. Kinder fürs Leben stark zu machen hat sie nur als Gewinn erlebt. „Ich habe unheimlich gerne meine eigenen Kinder groß gezogen“, wird Anna Wahl später in ihrem Büro erzählen.

Die gelernte Keramikerin hatte zuletzt bei dem Schmucklabel ihrer Schwester mitgearbeitet. Aber dann wurden ihre Kinder erwachsen, zogen aus – und sie hatte den Wunsch nach etwas Neuem. Worin bin ich gut? Das fragte sie sich damals. Am liebsten wollte sie sich um Kinder kümmern, sah sich aber nicht in der Kita. Sie wollte „näher dran“ und diese länger in ihrem Leben begleiten, nicht nur halbe Tage für wenige Jahre. So stieß sie aufs SOS-Kinderdorf. Aber ob in ihrem Alter eine Ausbildung noch möglich wäre?

Drei Jahre hat sie die praxisintegrierte Ausbildung gemacht

Der Leiter der Einrichtung, Rolf Huttelmaier, nahm ihr die Sorge, zu alt zu sein. Für diesen Beruf sei es wichtig, eine „gereifte Persönlichkeit“ zu sein und Lebenserfahrung mitzubringen. „Kinderdorfmutter wird man nicht mit 20.“ Die Entscheidung müsse überlegt sein. Auch übrigens die des Ausstiegs: „Wer in fünf Jahren in den Ruhestand geht, kann kein neues Kind aufnehmen“, sagt Huttelmaier.

Anna Wahl startete im Herbst 2017 ihre praxisintegrierte Ausbildung, seit September 2020 ist sie Kinderdorfmutter. Und wenn man sie so erlebt, denkt man, sie wäre schon viel länger dabei. In allem, was sie tut, strahlt sie Ruhe und Sicherheit aus. Mit geübten Handgriffen hilft sie Ben im Hausflur aus Jacke und Schuhen. Den Schlauchschal wirft er selbst in die Kommode, dann läuft er in die Küche. Dort sitzen schon Stella und die Heimerzieherin Timea. Ein Haarreif mit Prinzessinnenkrone steckt dem Mädchen im Haar. Auf dem Tisch steht das Mittagessen: Fisch mit Salat und Reis. Anna Wahl bindet Ben das Lätzchen um. Sein Bauch grummelt noch. Er will keinen Reis.

Eine Lebensgemeinschaft, sieben Tage die Woche

„Wie war es im Kindergarten, Stella?“Gut, meint das Mädchen. Sie schiebt mit dem Finger ein Stück Fisch auf die Gabel. „Nicht mit dem Finger, du hast ein Messer, mit dem kannst du nachhelfen“, sagt Anna Wahl. Stella greift zum Messer. Da reibt sich Ben kräftig die Augen. „Oh, du bist müde.“ Anna Wahl nimmt ihn hoch auf den Arm, verlässt in langsamen Schritten die Küche. Ihre Kollegin bleibt bei Stella, während die Kinderdorfmutter den Jungen ins Bettchen bringt.

Neun SOS-Kinderdorffamilien gibt es auf dem Gelände in Oberberken, elf wären möglich. Es mangelt nicht an Räumen, erst recht nicht an Kindern. „Ich suche Personal“, sagt Rolf Huttelmaier. Er hat ein „neues Modell“ eingeführt, um die Aufgabe attraktiver zu machen. In den Familien können nun auch vier statt sechs Kinder leben. Kümmert sich eine Kinderdorfmutter um sechs (in Oberberken gibt es keinen Kinderdorfvater), hat sie einen Tag die Woche frei. Sind es vier Kinder, verzichtet sie auf den freien Tag von der Lebensgemeinschaft. Immer wieder hätten sie die Rückmeldung erhalten, „sechs Kinder, das ist schon eine Nummer“. Die Frauen hätten selbst den Vorschlag gemacht, weniger zu betreuen und dafür auf Freizeit zu verzichten.

Wenn Mutter oder Vater nicht kommen, fängt sie das auf

Anna Wahl findet die Vierer-Variante für sich „passend“. Sie sei familiärer. Ihr gefällt, dass sie als Kinderdorfmutter ihre Vorstellungen einbringen kann – vom Zusammenleben bis zur Einrichtung des Hauses. Und sie ist froh, dass sie sich mit dem Fachdienst austauschen kann, wenn sie sich in erzieherischen Fragen unsicher ist. Sie selbst legt Wert auf reduzierten Medienkonsum und gemeinsame Mahlzeiten. Aber sie hat auch gelernt, dass es manchmal nicht passt. Weil es ein Kind überfordern kann, lange an einem Tisch zu sitzen.

Jedes Kind bringe sein Päckchen mit. Es gibt Gründe, warum Ben, Ayleen, Stella und Amira hier leben statt in ihrem alten Zuhause bei ihren Eltern. Nachts steht nicht nur vor Bens Zimmer deshalb ein Babyfon, sondern auch im Flur bei den Älteren, die oft Albträume haben. Keines der vier Kinder ist Waise. Sie sind hier, weil ihre Eltern entweder selbst meinen, dass sie nicht für sie sorgen können oder weil es ein Familiengericht so sieht. Wenn ein Kind Besuch bekommt, das andere aber nicht, sei das nicht immer einfach, sagt Anna Wahl. Besonders, wenn ein Kind mal wieder versetzt wird. Da fliege aus Wut, die eigentlich Traurigkeit ist, auch mal ein Teller an die Wand. „Da gilt es, trotzdem da zu sein.“ Jedes Kind habe andere Bedürfnisse. Das eine Kind brauche körperliche Nähe, das andere Ablenkung. Wichtig sei es zu erklären, dass das nicht heiße, dass die Mutter das Kind nicht lieb habe, sagt sie.

„Mutti“ will sie nicht genannt werden

Die Mädchen nennen sie Anna. Nur Ben hat ein anderes Bedürfnis. Als er sie das erste Mal „Mama“ rief, holte sie sich bei ihrem Fachdienst Rat. Einige Kinderdorfmütter lassen sich Mutti rufen. Doch sie wolle keine „Mutti“ sein. „Du darfst Mami zu mir sagen“, meinte sie danach zu Ben. Der hat ihr in die Augen geguckt und gesagt: „Du bist meine Mama Anna!“ Dabei ist er geblieben. Es sei sehr innig mit ihm. Er war 16 Monate alt, als er ins SOS-Kinderdorf kam, hat hier bei ihr seine ersten Schritte gemacht. Bei dem Jungen hat sie ein besonders gutes Gefühl. „Er ist nicht stark traumatisiert.“

Ben schläft immer noch den tiefen Schlaf eines kränkelnden Kindes, als sie das nächste Mal nach ihm sieht. Da kommt seine Schwester nach Hause. Sie zieht eine leere Vesperdose aus dem Ranzen: „Anna, das war zu wenig!“ Ja, sie habe Nüsse und Obst liegen gelassen. „Komm, ich mache dir etwas zu essen.“ Anna Wahl erwärmt den Reis, brät Würstchen dazu. Ayleen stellt sich zu ihr, sie streicht dem Mädchen über den Rücken.      Stella kommt hereingelaufen. Im Dorf machen Kinder Flohmarkt. „Kannst du mir Geld geben zum Rausgeben?“ Nein, die anderen sollen passend zahlen. Aber wenn das nicht geht? Stella hüpft auf und ab. „Wenn es ein Problem gibt, kommst du zu mir.“ Stella überlegt, nickt, rennt wieder raus. Anna Wahl setzt sich mit Ayleen an den Tisch. Gleich wird Amira nach Hause kommen und sich dazugesellen. Ben wird wach werden. Stella wird zurückkommen. Ayleen und Stella werden sich über Bügelperlen streiten. Anna Wahl wird das nicht aus der Ruhe bringen. Sie wird schlichten und da sein, wie immer. Wie hat sie eben in ihrem Büro gesagt? „Es ist eine herausfordernde Arbeit, aber sie ist auch sehr erfüllend.“       * Die Namen der Kinder wurden geändert.

Wie wird man Kinderdorfmutter?

Beruf
Eine Kinderdorfmutter lebt gemeinsam mit vier oder sechs Kindern in einer Lebensgemeinschaft zusammen und das rund um die Uhr. Sie soll den Kindern als primäre Bezugspersonen Sicherhalt und Rückhalt geben. Das Arbeitszeitschutzgesetz gilt für Kinderdorfmütter nicht, aber sie haben Urlaubsanspruch. Eine Kinderdorfmutter dokumentiert die Entwicklung der Kinder, orientiert sich an den Hilfeplänen und regelt die Umgänge mit den Eltern.

Ausbildung
Wer keine Qualifikation als Jugend- und Heimerzieherin oder Sozialpädagogin oder Sozialarbeiterin mitbringt, kann eine berufsbegleitende, dreijährige Ausbildung absolvieren. Das ist im Block möglich oder praxisintegriert: Dann ist man zwei Tage in der Woche in der Schule, drei Tage in der Praxis.

Verdienst
Wie viel genau eine Kinderdorfmutter verdient, will Rolf Huttelmaier nicht sagen. Sie seien eingruppiert in die Entgeltgruppe S 12 des TVÖD für den Sozial- und Erziehungsdienst, erhielten darüber hinaus aber noch Zulagen für den „Dienst in ungünstigen Zeiten“ . Das Grundgehalt in S 12 startet bei 3351,74 Euro brutto und kann sich auf bis zu 4682,97 Euro steigern. Die Zulagen kommen hinzu.

Tag der offenen Tür
Beim Tag der offenen Tür des SOS-Kinderdorfs in Schorndorf-Oberberken, Hermann-Gmeiner-Straße 1 bis 23, am Sonntag, 14. Mai, von 11 bis 17 Uhr kann man auch mit Kinderdorfmüttern ins Gespräch kommen. Mehr Informationen gibt es hier. vv