Das riesige Hochwasserrückhaltebecken in Oppenweiler befindet sich im Bau, könnte später auch Steinheim schützen. Foto: Werner Kuhnle

Die Stadt im Kreis Ludwigsburg liegt an zwei Flüssen. In der einen Richtung schützen drei Becken vor den Fluten, in der anderen ist die Kommune allerdings noch weitgehend blank.

Vorsorglich waren zwei Pflegeheime evakuiert worden. Wenn es ganz dick gekommen wäre, hätten in Steinheim aber sogar rund 1000 Bürger wegen der nicht enden wollenden Regenfälle Anfang Juni in Sicherheit gebracht werden müssen. Ungefähr so viele Menschen leben nämlich in dem Einzugsbereich, der bei einem Hochwasser überschwemmt wird, wie es statistisch gesehen alle 100 Jahre vorkommt. Ein sogenanntes HQ 100. „Am Ende ist zum Glück nichts passiert, und es ging glimpflich aus“, sagt Bürgermeister Thomas Winterhalter. Doch für die Zukunft bleibt es ein Stückweit ein Lotterspiel, ob die Kommune bei solchen Wetterkapriolen wie zuletzt mit dem Schrecken davonkommt – oder in Teilen Land unter herrscht.

 

Das große Sorgenkind

Halbwegs beruhigt können die Bürger in Richtung Bottwar blicken. Drei Staubecken in Oberstenfeld und Großbottwar sorgen im Zusammenspiel dafür, dass das Wasser vom Oberlauf aus halbwegs kontrolliert im Ort eintrifft. Drei weitere Anlagen sind in Oberstenfeld und Beilstein geplant und werden die Sicherheit weiter erhöhen. Mehr oder weniger auf das Prinzip Hoffnung vertrauen muss die Kommune allerdings im Hinblick auf die Murr, den zweiten nach Steinheim rauschenden Fluss, der samt seiner Zuflüsse auch jetzt Anfang Juni das große Sorgenkind war und aus seinem Bett auszubrechen drohte. In Richtung Erdmannhausen hat die Stadt zwar auf einer Wiese eine Retentionsfläche geschaffen. Klassische Rückhaltebecken wie an der Bottwar gibt es laut Regierungspräsidium Stuttgart entlang der Murr bis dato jedoch kein einziges.

„Wir können auf unserer Gemarkung auch keine Anlage bauen, die einen nennenswerten Effekt hätte. Das gibt die Topografie auf dem kurzen Abschnitt vom Ortsrand bis zur Schweißbrücke nicht her“, erklärt Rathauschef Winterhalter. „Insofern hoffen wir, dass die Kommunen im Rems-Murr-Kreis am Oberlauf der Murr etwas unternehmen“, sagt er.

Sieben Becken geplant, aber noch keines gebaut

Den Ball haben die Verantwortlichen in Backnang, Murrhardt, Sulzbach und Oppenweiler längst aufgenommen und sich zum Wasserverband Murrtal zusammengeschlossen. Sieben Becken wollen die vier Kommunen bauen, die sie vor überbordenden Wassermassen schützen sollen und damit indirekt auch Burgstetten, Kirchberg und Steinheim am Unterlauf der Murr. Das Problem ist nur: Von den Anlagen ist bislang keine einzige in Betrieb. Für drei liegen skizzenartige Entwürfe vor, bei zweien sind die Planungen recht weit gediehen, eines ist im Prinzip baureif. Aber nur beim größten Becken in Oppenweiler sind bereits die Bagger angerückt. Seit 2022 wird an dem Projekt gebuddelt, betoniert und geschweißt. Ein Knopf soll Ende 2026 dran sein, sagt der Oppenweiler Bürgermeister Bernhard Bühler.

Das Becken wird gewaltige 855 000 Kubikmeter Wasser aufnehmen können. Es wappnet Oppenweiler und Backnang für ein HQ 100, sagt Bühler. Die Gemeinde habe auch längst in den innerörtlichen Schutz investiert. Beispielsweise dank Spundwänden und fünf Pumpwerken, die bei einer drohenden Überlastung der Kanalisation anspringen, sei man gegen ein 50-jährliches Hochwasser geschützt.

Das mag gut für Oppenweiler sein. „Für uns am Unterlauf bedeuten die Spundwände, die es auch in Backnang gibt, aber eher eine Verschlechterung“, sagt der Kirchberger Bürgermeister Frank Hornek. „Denn dadurch wird die Fließgeschwindigkeit erhöht“, erklärt er. „Insofern hoffen wir, dass die geplanten Becken in die Tat umgesetzt werden“, sagt Hornek. „Wir selbst haben unseren Beitrag zum Hochwasserschutz schon geleistet, indem wir unsere Talaue im Gegensatz zu anderen Kommunen nicht zugebaut haben, sodass die Murr sich dort im Zweifelsfall ausbreiten kann“, hebt er hervor.

Mühsame Abstimmungen

„Das Wasser kommt unten vielleicht etwas früher an“, redet Bernhard Bühler im Hinblick auf die Spundwände nicht lange um den heißen Brei herum. „Vom Grundsatz her hätte man deshalb zuerst die Becken bauen und dann den innerörtlichen Hochwasserschutz herstellen müssen“, sagt er. Aber die Planung der Becken habe sich als derart komplex und zeitintensiv erwiesen, dass man so lange mit dem Bau der Wände nicht habe warten können. Allein für die Anlage in Oppenweiler hätten zig Dinge berücksichtigt werden müssen. Neben etlichen anderen Punkten habe man sich mit der Bahn mühevoll wegen des angrenzenden Damms abstimmen müssen, bis zu dem das Wasser aufgestaut werden soll. Für die Mühle an der Murr habe zudem zur weiteren Wasserkraftnutzung ein eigener Kanal konzipiert werden, ein Radweg verlegt sowie die mögliche neue B-14-Trasse als Ortsumgehung einkalkuliert werden müssen. Und, und, und. „Deswegen dauert das alles seine Zeit“, wirbt Bühler um Verständnis.

Das kann vermutlich sein Amtskollege in Steinheim nachvollziehen, der bis zum Bau der Becken am Oberlauf die Hände aber nicht in den Schoß legen will. „Ich werde mit den Kollegen Kontakt aufnehmen, damit wir vielleicht zwischen Oppenweiler und Steinheim eine weitere Pegelmessstelle installieren können“, sagt Thomas Winterhalter. Momentan wisse man nicht, wie sich der Wasserstand über Zuflüsse oder Regen auf dem Teilstück dazwischen entwickele. „Wir tappen im Dunkeln, welche Menge wirklich bei uns ankommt“, sagt der Bürgermeister.

Vorkehrungen an der Murr

Becken
Die Murr ist rund 50 Kilometer lang, entspringt bei Murrhardt und fließt bei Marbach in den Neckar. Direkt an der Murr gibt es kein Hochwasserrückhaltebecken. In Oppenweiler ist aber entsteht zurzeit eine große Anlage, die allein mehr Wasser einstauen kann als alle drei Becken an der Bottwar in Großbottwar und Oberstenfeld zusammen. Die Bottwar mündet in Steinheim in die Murr.

Einfluss
Wie das Regierungspräsidium Stuttgart mitteilt, wurden an der Weißach, einem in Backnang in die Murr mündenden linken Zufluss, zwar schon sieben Hochwasserrückhaltebecken verwirklicht. Diese Anlagen hätten aber „nur einen geringen Einfluss auf den Abfluss der Murr“.