Anglerchef Hans-Hermann Schock prüft am Montag das Wasser des Max-Eyth-Sees. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der Max-Eyth-See steht zurzeit unter verschärfter Beobachtung – wetterbedingt. Sein Kollaps im Sommer 2015 wegen akuten Sauerstoffmangels mahnt zur Vorsicht.

Stuttgart - Visite! Mindestens einmal pro Woche erkundet ein Mitarbeiter des Tiefbauamts am Max-Eyth-See, wie es um die Güte des Wassers bestellt sein könnte. Normalerweise. Vergangene Woche rückte die Wasserpatrouille aber gleich mehrfach aus. Der erhöhte Aufwand war der Wetterlage geschuldet: gleißende Sonne, wolkenloser Himmel und die Gefahr, dass ein Wetterwechsel mit Wolken heraufzieht, wie es am Montag prompt eintrat. Der Aufwand war auch der Erinnerung an den September 2015 geschuldet. Damals kollabierte der See wegen akuten Sauerstoffmangels. Zeitweise waren nicht einmal mehr zwei Milligramm – also zwei Tausendstel Gramm – Sauerstoff in einem Liter Seewasser. Das Ergebnis: viele tote Fische, die ans Ufer getrieben wurden oder auf dem Seegrund dümpelten. Zunächst befürchtete man rund sechs Tonnen Fischkadaver. Am Ende wurden immerhin 400 Kilo von den Ufern beseitigt. Weitere Opfer waren da noch auf dem Seegrund. Am Ende sprach man von einer bis 1,5 Tonnen toter Fische. Vor allem Tiere, die viel Sauerstoff benötigen, waren gestorben, ein Teil des Fischbestands hatte aber doch überlebt.

So etwas kann aus dem Zusammenspiel von Nährstoffen und Algen im Wasser sowie starke Bewölkung passieren, wenn, wie damals, kein Windchen über die Wasseroberfläche streicht und Sauerstoff reinbringt. Das Umkippen könne so schnell kommen, dass es kaum vorherzusehen ist, sagt Alexander Gass vom Tiefbauamt: „Einen oder zwei Tage vor dem Fischsterben war noch jemand von uns draußen.“

Noch keine Alarmmeldungen zu Stuttgarts Seen

In diesem Sommer sieht es besser aus. Am Montag ergab die Wasserprobe nach den Worten von Gass einen „noch unkritischen Wert“: neun bis zehn Milligramm Sauerstoff pro Liter. Bei weniger als vier Milligramm beginnt es für die Fische, brenzlig zu werden.

In diesem Jahr wurden noch keine Alarmmeldungen zu Stuttgarts Seen wie 2015 bekannt. Was auch damit erklärt wird, dass es in diesem Sommer etwas mehr Regen und Wind und weniger Phasen großer Hitze und Trockenheit gegeben habe als 2015. Außerdem wurden im April die Nährstoffe im Wasser, die das Algenwachstum begünstigen, mittels Eisendreichlorid auf den Seegrund versenkt. Diese Maßnahme gilt als erfolgreich – und als hoffentlich nachhaltig.

Man weiß aber auch, dass Fische wie der Karpfen im See gründeln und dort unten die Nährstoffe wieder freisetzen. Deshalb plant die Verwaltung da und dort, Karpfen abzufischen. Auch im Fall des Max-Eyth-Sees empfiehlt der Gutachter einen angepassten Fischbestand – mit Appetit auf Algen. Den Nährstoffgehalt möchte er mit einem weiteren Eingriff senken. Der Zufluss von nährstoffreichem Wasser aus dem Neckar sei weiterhin zu unterbinden, die Einspeisung von nährstoffarmem Quellwasser fortzusetzen.

Luft in den See pumpen

Im Tiefbauamt erwägt man auch eine ständige Vorrichtung, um an kritischen Tagen Luft in den See zu pumpen. Und man will untersuchen, ob die Ansiedlung von Wasserpflanzen in Teilen des Sees eine Verbesserung verspricht. Das Kalkül ist, dass solche Wasserpflanzen für Schatten sorgen und damit das Wachstum der Algen dämpfen, ihnen auch Nährstoffe abziehen.

Seerosen oder andere Wasserpflanzen für Stuttgarts Seen, die allesamt an geringem Wasserzufluss und hohem Nährstoffgehalt kranken – das kann Hans-Hermann Schock nur unterstützen. Der streitbare Chef des Württembergischen Anglervereins (WAV) findet, die Stadtverwaltung müsste viel öfter solche Wege wählen, statt unter dem Einfluss ihres Biologen so stark den Karpfen ins Visier zu nehmen. Nicht der bedrohe den Erfolg der Phosphatfällung im Max-Eyth-See, schimpft Schock, dessen Verein am Max-Eyth-See die Fischhege übernommen hat, sondern die Stadtverwaltung selbst. Er glaubt, dass die Verbindung zwischen Neckar und See nicht komplett gekappt ist.

Aufschüttung am Steilufer beim Betonsteg

Komplett auf Kollisionskurs bewegt er sich, was eine andere geplante Maßnahme angeht: eine Aufschüttung am Steilufer beim Betonsteg. Damit möchte die Verwaltung dem Schilf den Boden bereiten, das dort bisher nicht gewachsen ist, weil das Gelände bröckelte. Mit dem Projekt soll die Stuttgarter Straßenbahnen AG ausgleichen, dass sie beim Bau der Stadtbahnlinie U 12 in die Landschaft eingreift. Anglerchef Schock aber droht, er werde Anzeige erstatten, wenn im November die ersten Lkw-Ladungen für eine Flachwasserzone mit Schilf aufgeschüttet werden sollten. An der Stelle des Sees lebe die streng geschützte Teichmuschel in einer Lebensgemeinschaft mit Fischen, die Bitterlinge heißen.

Bitterlinge, Karpfen und Konsorten: Für Schocks Geschmack sollte die Stadt generell mehr den Fischereiaspekt betrachten. Er frage sich, warum der WAV immer wieder Seen in Stuttgart abfischen soll, seine Interessen als Pächter diverser Stuttgarter Gewässer und die Aspekte der Hege aber untergingen. „Sie pflegt auch eine schlechte Kommunikation“, moniert Schock, „wir werden zu spät oder gar nicht angehört.“ Anderswo laufe es besser. Wenn für die Stadt Stuttgart klares Wasser etwa beim Feuersee im Westen Vorrang habe, solle sie die Seen nicht verpachten, sondern den Seegrund betonieren. Oder lieber öfter den Wasserzufluss erhöhen, statt Karpfen ins Visier zu nehmen. Die Stadt verweist darauf, dass der Zufluss verschiedentlich verbessert wurde. Trinkwasser einzuleiten scheide aus finanziellen und ökologischen Gründen aus, sagt Jürgen Mutz, Abteilungsleiter im Tiefbauamt.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: