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Ohnmächtig bis zornig - so beschreibt der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Erich Klemm die aktuelle Stimmung der Sindelfinger Daimler-Belegschaft.

Stuttgart - Ohnmächtig bis zornig - so beschreibt der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Erich Klemm die Stimmung der Sindelfinger Daimler-Belegschaft. Auf der Betriebsversammlung geht die Rede des Werkleiters Eberhard Haller teils unter den Buhrufen der Beschäftigten unter.

Das Wetter passt zur Stimmungslage. Während Haller drinnen in Halle 17/3 die Beschäftigten über die wirtschaftliche Lage des Konzerns informiert, schüttet es draußen in Strömen. Die Betriebsversammlung hätte es auch ohne die aktuelle Debatte um die Zukunft der C-Klasse-Produktion gegeben - dennoch dreht sich hier alles nur um eine einzige Frage: Wird Daimler auch die nächste Baureihe der C-Klasse wieder in Sindelfingen oder im entfernten Tuscaloosa in den USA produzieren? Und welche Zukunft haben die rund 4500 Beschäftigten, die zurzeit das meistverkaufte Modell des Konzerns im Sindelfinger Werk zusammenbauen?

Zwar sagt Klemm, "die Hoffnung stirbt zuletzt" und verweist auf massive Protestaktionen, die den Vorstand in seiner Entscheidung zugunsten des Sindelfinger Werks beeinflussen sollen. Zuvor auf der Betriebsversammlung spielen sich allerdings Szenen ab, die die Beschäftigten an einer positiven Nachricht zweifeln lassen. So spricht auch Haller über "Wechselkurse" und "Marktnähe" und damit über das Hauptargument Daimlers, warum sich eine Produktion nah am Absatzmarkt USA für den Autokonzern rechnet. Die Belegschaft quittiert diese Äußerungen mit lautstarken Buhrufen, erst als der Versammlungsleiter und stellvertretende Sindelfinger Betriebsratschef Ergun Lümali zur Ruhe ruft, kann Haller zu Ende sprechen.

Die einen zeigen ihre Wut durch laute Buhrufe und Pfiffe. Andere Mitarbeiter nehmen die Nachricht vom potenziellen Arbeitsplatzverlust "sehr still, ohnmächtig" hin, sagt Klemm. Anders als bei früheren Versammlungen harren viele Beschäftigte dieses Mal bis zum Schluss aus, mancher langjährige Mitarbeiter hört das Verlagerungsszenario bereits zum dritten Mal: Auch 1996 und 2004 bangte das Werk bereits um die 1982 eingeführte Baureihe.

So schlecht wie heute war die Stimmung aber noch nie, räumt der Gesamtbetriebsratschef ein. Früher wurde über die Verlagerungspläne diskutiert, es wurden Alternativen und Zugeständnisse erwogen. Diesmal falle eine reine schwarz/weiß-Entscheidung, die C-Klasse-Produktion verschwindet entweder vom Standort oder bleibt. Gemeinsam mit rund 10 000 Teilnehmern der Betriebsversammlung appellierten Klemm und Lümali eindringlich an den Vorstand, die Produktion in Sindelfingen zu belassen: "Wir fordern den Voorstand auf, jetzt auf Basis eines klaren Konzepts zu zeigen, dass hier keiner Angst um seinen Arbeitsplatz haben muss. Dazu brauchen wir die Fertigung der C-Klasse." Bezahlt haben die Beschäftigten dafür nach Ansicht der Arbeitnehmervertreter in den Vorjahren bereits genug: "Wir sind fest entschlossen, keine weiteren Zugeständnisse zu machen", betonte Klemm. Eher läuft es diesmal andersherum: Sollte sich der Vorstand gegen Sindelfingen entscheiden, "finden auch keine Zusatzschichten für die E-Klasse statt", droht Klemm. Über das weitere Vorgehen werde in einer Woche auf einer außerordentlichen Betreibsversammlung beraten.

Viele Beschäftigte bleiben zwar bis zum Ende der Versammlung. Doch es gibt auch zahlreiche Angestellte, die deutlich früher gehen. Sie haben offenbar genug gehört. Wie sie sich fühlen, was sie fürchten, was sie hoffen, darüber äußern sich nur wenige. Der Großteil der Belegtschaft eilt mit einer abwehrenden Handbewegung von dannen. Keiner weiß, wie es weitergeht. Das macht sie schweigsam, ratlos, wütend.

Vereinzelte direkt und indirekt Betroffene haben schließlich doch das Bedürfnis zu reden. Ihre Namen nennen sie nicht. Umso freier sprechen sie aus, was ihnen auf der Seele brennt. Ihre Ansichten gehen weit auseinander. Manche nehmen die Aussagen von Klemm und Co. nicht ernst. Andere fürchten, dass sie oder ihre Kollegen ihren Arbeitsplatz verlieren.

"Das sind leere Drohungen. So denken die meisten von uns", sagt ein 52 Jahre alter Mann. Er produziert täglich die C-Klasse mit, doch um seinen Job bangt er nicht, wie er sagt. Die Führungsetage hat offenbar ihre Glaubwürdigkeit verloren. "Die haben uns schon zweimal angekündigt, dass sie die Produktion ins Ausland verlagern wollen und nie ist was passiert. Die wollen uns nur Druck machen", sagt der Mann. Sein Ton ist sachlich und nüchtern. Auch von den Versprechungen der Gewerkschaft hält er nichts. "Die haben uns schon viel versprochen. Ich bin früher aus der Versammlung gegangen." Ein junger Mann aus einer anderen Produktionsabteilung, denkt ähnlich. "Ich mache mir keine Gedanken. Das ist immer das gleiche Spiel", sagt er bloß.

Ein 50 Jahre alter Mann, der seit 30 Jahren als Lackierer angestellt ist, beschreibt die Stimmung als gedrückt. "Ich bin mir sicher, dass es bei einer Produktionsverlagerung auf Entlassungen rausläuft." Er bange um seinen Job, auch wenn ihn alles nur indirekt betreffe. Ein 46 Jahre alter Mann, der für die Logistik der S-Klasse zuständig ist, fürchtet um die Situation seiner Kollegen. "Um mich mache ich mir keine Gedanken. Wir müssen uns jetzt für die anderen Kollegen einsetzen."

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