An diesem Sonntag hat der zweite Teil von Richard Wagners „Ring“ Premiere an der Staatsoper Stuttgart. Die drei Akte werden von unterschiedlichen Regieteams inszeniert. Die Sieglinde singt ein Urgestein des Ensembles: Simone Schneider.
Es gibt Menschen, die haben eine einzige Heimat; sie lieben deren Landschaft, kennen deren Winkel, leben da mit Familie und mit Freunden. Andere Menschen haben zwei Heimaten. So wie Simone Schneider. Die Sopranistin lebt in Bayern, vor allem am Starnberger See. Als Sängerin indes ist sie seit 2006 in Stuttgart zu Hause. Auf dem Künstlerfoto, das man in der Staatsoper von ihr gemacht hat, scheinen beide Heimaten ineinanderzufließen: Zu sehen ist eine lebensfrohe Frau mit glitzersprühenden Augen. Aus ihr will etwas herauskommen ins Leben. Am liebsten strahlend und laut. Das kann, denkt man sofort, nur eine Opernsängerin sein.
Ist sie auch. Eine Diva im Klischee-Sinne ist Simone Schneider aber nicht. Daran hindern sie das Bodenständige und auch ein gewisser Pragmatismus. Sie gehört nicht zu jenen Sängerinnen, die zwischen Proben schnell mal eben zu Gastengagements jetten – „ich kann nicht“, sagt sie, „aus dem Flieger steigen und am nächsten Tag singen, dann bin ich stockheiser“. Genaues Planen ist ihr wichtig, „weil ich einfach keine Bauchsängerin bin“. Und seit 2006 hat sie nie ernsthaft darüber nachgedacht, ihr festes Engagement an der Staatsoper Stuttgart zugunsten eines freien Künstlerdaseins zu beenden.
Schneider braucht die Sicherheit eines festen Ensembles
Warum auch? „Dieses Haus ist wunderbar, da wär’ man deppert, wenn man wegginge“, sagt Schneider mit jenem diskreten bayerischen Zungenschlag, den man auch bemerkt, wenn sie von einer gelegentlich ausbrechenden Lust am guten bayerischen Bier spricht. Natürlich nur, wenn keine Proben sind – in Arbeitszeiten lebt sie sehr diszipliniert. Aber daheim in Bayern ist vieles anders. Da ist Natur, da ist Wasser, da sind zwei Hunde, und so wie Simone Schneider lacht, laut und ziemlich häufig, ist sie tatsächlich das ideale akustische Gute-Laune-Dekor für jeden Biergarten.
Die Stuttgarter Staatsoper: „Da kenne ich alle, da wissen alle, wie ich ticke, was man mir zumuten kann und wann man mich in Ruhe lassen muss.“ Das hat die Sopranistin gebraucht, seitdem sie hier 2006 in Stuttgart mit Mozart anfing. Damals sang sie die Königin der Nacht und Donna Anna: „Ich bin so glücklich, dass ich das hatte!“ Sie brauche die Sicherheit eines festen Ensembles: „Ich konnte immer auch deshalb meine Leistung außerhalb bringen, weil ich wusste, ich kann zurückkehren.“
Die Sieglinde ist Simone Schneiders Lieblingspartie
Mit Ende 20 glaubte Simone Schneider fest, dass sie Mozarts Königin noch mit 60 singen würde. Aber ihre Stimme ist schwerer geworden. Jetzt singt sie Partien des jugendlich-dramatischen Sopranfachs, die sie gemeinsam mit ihrem Vater Dietrich Schneider erarbeitet. Er war ihr erster Lehrer und begleitet sie bis heute. Wie könnte es auch anders sein, wenn ein Kind damit aufwächst, dass es unter dem Flügel sitzend die Schubert-Lieder mitsingt, die sein Papa gerade als Sänger studiert? Am Sonntag wird Simone Schneider in der „Walküre“ die Sieglinde singen, „eine tragische Figur, die gewaltsam in eine Ehe hineingeworfen wird, sich dem ersten besten Mann anvertraut, der sie retten soll, und die hin- und hergerissen ist zwischen dem Neuen und dem Gefühl der Schuld“.
Eine Idee, die es noch nie gab: Drei Regieteams werden die drei Akte der Oper inszenieren. Jedes Team, sagt Schneider, habe für sich „ein eigenes Universum“ geschaffen. Sie selbst hat die Sieglinde schon mehrfach gesungen, „dadurch hatte ich den roten Faden für diese Figur gefunden und konnte mich jetzt von den unterschiedlichen Ansätzen bereichern lassen“. So hat ihr etwa der Lichtkünstler Urs Schönebaum, der den zweiten Akt inszeniert, „ein paar Attitüden weggenommen, und ich fand das gut“.
Der erste Akt mit Puppenspielern, der zweite mit ganz viel Licht
Verraten will Simone Schneider nicht viel: nichts über die Art, wie die Puppenspieler von Hotel Modern im ersten Akt neben den Sängern die inneren Vorgänge der Figuren darstellen und filmisch einfangen, nichts über das Licht im zweiten Akt und die Stoffe im Konzept der Künstlerin Ulla von Brandenburg für den dritten Aufzug.
Ob sich das Unterschiedliche für die Zuschauer am Ende wohl zu einem Gesamtbild fügen wird? Das wird spannend. Und dazu diese Musik! Für sich übt die Sängerin schon die „Siegfried“-Brünnhilde, die sie in der nächsten Saison in Stuttgart erstmals singen wird. Auch die Isolde „wird irgendwann kommen müssen“. Zurzeit jedoch ist Sieglinde ihre Lieblingspartie: „wegen der Melodien, in denen man baden kann“. „Die könnte ich“, sagt Simone Schneider, „den ganzen Tag singen.“
„Die Walküre“ in Stuttgart: drei Akte, drei Regieteams
Puppen
Den ersten Akt inszeniert das Künstlerkollektiv Hotel Modern, das mit Puppenspiel und Videotechnik arbeitet.
Licht
Die Regie des zweiten Akts geht stark vom Licht aus. Verantwortlich ist der Lichtdesigner Urs Schönebaum.
Stoff Die Ästhetik der Künstlerin Ulla von Brandenburg prägt den dritten Akt. Werke der Künstlerin sind von diesem Sonntag an im Rahmen der Schau „Moved by Schlemmer“ in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen.
Musik Dirigent ist der Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister. Als Sänger mit dabei sind u. a. Michael König (Siegmund), Goran Jurić (Hunding),
Okka von der Damerau (Brünnhilde) und Brian Mulligan (Wotan).
Termine Premiere ist an diesem Sonntag, 16 Uhr (Restkarten). Weitere Aufführungen am 18., 23. und 29. April sowie am 2. Mai. Karten: 07 11 / 20 20 90.