Die kanarische Lava-Insel Lanzarote ist trotz 3,3 Millionen Touristen im Jahr eine Oase der Ruhe und des Respekts vor der Natur.
Knirschend bahnen sich die breiten Reifen des E-Bikes durch die Asche. Am Wegrand ducken sich Weinstöcke in ihre halbrunde steinerne Schutzzone. In trichterförmigen Gruben weitgehend abgeschirmt vor den Winden, reichlich genährt von spärlicher Feuchtigkeit, die der nächtliche Tau in der dicken Lavagranulatschicht speichert. Regen fällt selten. Malvasier, Muskateller und Diego als Weißwein, Listan Negro und Negramoll als Roter. So ist Lanzarote: ursprünglich, von 300 Kratern zwischen 100 Vulkanen von der Lava bestimmt. Eine feurige und magische Mondlandschaft.
„Hier kannst du deinen Frieden finden“
Tomaso Gandini führt die Radler-Gruppe an. Sein Name verrät: Er ist kein Einheimischer. Vor eineinhalb Jahren hatte der Italiener auf der Kanareninsel Urlaub gemacht. Aus den zehn Tagen wurde ein existenzieller Neustart. Muße statt Mailand. Jetzt lässt Gandini es langsam angehen. Fahrradtouren, Surfen, ein bisschen Triathlon-Training. „Lanzarote ist perfekt, um zur Ruhe zu kommen“, sagt der 35-Jährige.
Bis zum 51 Quadratkilometer großen Nationalpark Timanfaya führt Gandinis 40 Kilometer lange Tour. Hinauf in die Feuerberge, dorthin, wo die Insel nicht umhinkommt, dem Hunger der Touristen Futter zu geben. Am Islote de Hilario werden trockene Dornlattich-Sträucher in ein Loch im Boden geworfen. Sie fangen sofort Feuer.
Wem das nicht reicht, für den wird Wasser durch ein Rohr rund zehn Meter in die Tiefe gekippt. Da ist es rund 400 Grad heiß, und die stattliche Dampffontäne lässt unter den Ahs und Ohs der Besucher nicht lange auf sich warten. Wer will, für den gibt es überm Grill ein saftiges Stück Fleisch. Dann geht es mit dem Shuttlebus weiter zur 350 Meter hohen Montana Rajada, von der man einen guten Überblick über den Nationalpark hat. Privattouren sind nicht gestattet. Aussteigen auch nicht. Geführte Wanderungen müssen vorher bei den Rangern angemeldet werden und sind oft seit langem ausgebucht.
Auch Barbara Heidemann-Baumgartner ist eine, die Lanzarote gepackt hat. Während der Corona-Zeit war die gebürtige Bochumerin nach Famara gekommen. Wegen der kräftigen Passatwinde. Zum Surfen also. Wie so viele. „Hier kannst du deinen Frieden finden“, sagt sie. Die Journalistin wurde eine Fremdenführerin. Die alte Inselhauptstadt Teguise, das kleine Dörfchen El Golfo mit seiner im ehemaligen Krater des Vulkans Montana de Golfo grün schimmernden Restlagune und den Fischlokalen, der lange weiße Strand von Papagayo – Heidemann-Baumgartner kennt sich aus. Und kann stundenlang von Cesar Manrique erzählen, der für viele ein Insel-Heiliger ist.
Der Hedonismus des Cesar Manrique
An ihm kommt niemand auf Lanzarote vorbei. Schon der kleine Flughafen trägt den Namen des 1992 im Alter von 73 Jahren tödlich verunglückten Tausendsassas, der 1966 aus New York auf seine Geburtsinsel zurückkehrte – und sie bis heute prägt. Einer, der große Hunde, schöne Frauen und muskulöse Buben liebte. In Manriques kurz vor seinem Tod von der Kulturstiftung Cesar Manrique als Museum eröffnetem Wohnhaus in Tahiche kann man den Hedonismus nachvollziehen. Es ist ein extravagantes, weitläufiges zweigeschossiges Gebäude mit Höhlengängen, die fünf Lavablasen verbinden. Das Anwesen steht in einem 30 000 Quadratmeter großen Grundstück, das bei den verheerenden Vulkanausbrüchen von 1730 von der Lava überrollt wurde.
Manrique soll Lanzarote als das Aschenputtel der Kanaren bezeichnet haben. Aber es ist vor allem sein Verdienst, dass seine Insel heute mehr zu einer Prinzessin auf der Asche geworden ist. Zu einem Eiland der Ruhe. Trotz der jährlich 3,3 Millionen Touristen, die vor allem im Winter Erholung suchen. „Mehr als der Insel gut tut“, räumt Mateos Medima vom Fremdenverkehrsamt ein.
Lanzarote, zu gut drei Vierteln seiner rund 846 Quadratkilometer von Lava bedeckt, kennt drei Touristenzentren: Costa Teguise, Puerto del Carmen und Playa Blanca. Drum herum aber regiert der Naturschutz. Manrique hat strenge Regeln aufgestellt. Alle Häuser müssen weiß gestrichen sein, an den Straßen sind große Werbeplakate verboten, Neubauten dürfen nur zwei Stockwerke hoch sein. Wenige Ausnahmen in der Hauptstadt Arrecife ausgenommen. Wo der Tourismus blüht, wird er kontrolliert.
Lanzarote, der Underdog der Kanaren
In Jameos de Agua, wo Manrique 1966 einen eingestürzten, vermüllten Lavatunnel in eine Märchenwelt verwandelte. Im Kaktusgarten von Guatiza, Manriques letztem großen Projekt mit über 1400 Arten. Oder mit dem auf dem Gipfel des Risco de Famara in 474 Meter Höhe gelegenen Aussichtspunkt Mirador del Rio – mit faszinierendem Blick auf die kleine Insel La Graciosa.
„Lanzarote ist trotz seiner berauschenden Schönheit der Underdog der Kanaren“, sagt Barbara Heidemann-Baumgartner. Es ist ein Kompliment. Das spürt jeder, der sich von Tinajo aus mit Sandra Rodriguez Martin auf die Wanderung durch eine bizarr unwirkliche Kraterlandschaft macht. Neun Kilometer. Vier ambitionierte Stunden. Rund 200 Meter hoch geht es im Nationalpark Los Vulcanos zum Krater eines im 18. Jahrhundert erloschenen Vulkans. Pausengestärkt mit heimischem Weißwein, Feigen, Ziegenkäse und Mojo rojo, einer Soße aus rotem Paprika, Olivenöl, Essig, Knoblauch, Salz und Kreuzkümmel. „Die hat mir meine Mutter Sinforosa mitgegeben“, sagt die 54-Jährige auf Deutsch. Ihre Ansagen sind verständlich. „Runter von der Lava“ sagt sie. Und erklärt: „Die hauchdünne Schicht auf den Brocken besteht aus Flechten, die die Grundlage für neue Pflanzen schaffen.“ Für einen Millimeter bräuchten sie rund 80 Jahre. Also auf dem Weg bleiben, egal, wie sehr Fotografen nach besonderen Motiven gieren.
Blauer Kobalt, gelber Schwefel, blühender Kanarenampfer, sagenumwobenes Olivina-Gestein: Die Wanderführerin hat viel zu zeigen, bis sich der Pulsschlag der Wanderer am Kraterrand beruhigt. Sandra Rodriguez legt sich auf den Rücken, bittet um Stille, atmet tief durch und schließt die Augen: Spätestens dann ist sie zu spüren, die besondere spirituelle Energie dieser magischen Insel.
Info
Anreise
Von Stuttgart zum Beispiel mit Tui Fly, www.tuifly.com .
Unterkunft
Das Secrets Lanzarote by Hyatt in Puerto Calero ist nur für Erwachsene. DZ ab 148 Euro, www.hyattinclusivecollection.com . Der Club La Santa in Tinajo ist ein Haus mit vielen Sportangeboten. DZ ab 140 Euro, www.clublasanta.com . Das Barcelo Active Resort in Costa Teguise bietet Sport und Wellness. DZ/F ab 194 Euro, www.barcelo.com . Ebenfalls in Costa Teguise empfiehlt sich das Sands Beach Resort. DZ/F ab 90 Euro, www.sandsbeach.eu .
Aktivitäten
Stiftung Cesar Manrique: Museum im ehemaligen Haus des Künstlers in Taro de Tahiche, www.fcmanrique.org .Vulkanwanderungen mit Sandra Rodriguez Martin, www.lanzarotetrekking.com .Fahrradverleih und geführte Radtouren, www.papagayobike.com .Fähren nach Graciosa, Sunset Cruise und Catamaran-Touren: www.lineasromero.com .
Allgemeine Informationen
www.cactlanzarote.com , www.turismolanzarote.com , www.ausfluegelanzarote.de