Die israelische Sängerin Netta siegte beim ESC-Finale. Ihr Song hatte die Botschaft, nicht auf Äußerlichkeiten reduziert zu werden. Foto: dpa

Israel gewinnt den Eurovision Song Contest in Lissabon. Siegerin „Netta“ bedankt sich dafür, dass für „Vielfalt“ abgestimmt wurde, doch das Finale zeigte eher, wie fürchterlich einfältig Popmusik doch sein kann.

Lissabon - Kurz nach Mitternacht ist die Sache gelaufen: Mit 529 Punkten gewinnt „Toy“ beziehungsweise die israelische Sängerin Netta das Finale des Eurovision Song Contests (ESC) in Lissabon. Es ist der vierte Sieg für Israel in der ESC-Geschichte. Die Sängerin, natürlich froh, ergriffen und aufgewühlt, bedankt sich dafür, dass Jury und Publikum für „Vielfalt abgestimmt“ hätten. Gerade daran mangelte es beim Gesangswettstreit wie selten zuvor.

Im Rausch, Lieder anbieten zu müssen, die möglichst und theoretisch vielen Menschen gefallen sollen, die das Publikum „abholen“, zeigte das ESC-Finale in Lissabon, wie fürchterlich einfältig Popmusik doch sein kann, wenn sie mit derart eindeutigen Hintergedanken gereicht wird. Da gab es Country-Quatsch (Niederlande), Discounter-Operette (Estland), Kitsch (Irland), alberne Metalmusik (Ungarn), Freizeitpark-Wikinger (Dänemark), Gothic-Schlager (Ukraine) und kein Erbarmen. Das Feld der Sieger bildet diesen erhofften Konsens zumindest einigermaßen geschmackssicher ab – da ist für jeden ­etwas dabei.

Der deutsche Beitrag ließ die Schmach der vergangenen Jahre vergessen

Netta Barzilai schaukelte erfolgreich ein Destillat über die Ziellinie: Zwischen koreanischer Pop-Ästhetik, vor 20 Jahren abgelegten Kostümen von Björk und hinlänglich bekanntem gesellschaftlichem Anliegen, bot der Sieger­titel „Toy“ genügend Potenzial, trotzdem aus der Menge herauszustechen. Die Botschaft, nicht auf Äußerlichkeiten reduziert zu werden, wurde natürlich gleich torpediert, indem man die opulente Sängerin bereits im Vorfeld mit Beth Ditto verglichen hatte.

Auch der deutsche Beitrag „You let me walk alone“, gesungen von Michael Schulte, stach aus dem Feld heraus: hochemotional und zudem fast ruchlos perfekt auf die internationalen Charts zugeschnitten. Auch trug die minimalistische Performance des 28-Jährigen dazu bei, dass Deutschland die Schmach der vergangenen ESC-Teilnahmen vergessen machte. Letztendlich wurde Schulte Vierter – man hätte ihm noch mehr gegönnt.

Bei allem Überschwang will man nicht zu sehr auf den Putz hauen

Geschlagen geben musste er sich dem Drittplatzierten Cesàr Sampson, der mit der gefühligen Soul-Pop-Nummer „Nobody but you“ für Österreich antrat und ebenfalls auf großes Rambazamba verzichtete. Am anderen Ende der Skala belegte Eleni Foureira mit „Fuego“ für Zypern den zweiten Platz beim Wettbewerb. Ihr Beitrag stand federführend für den urtypischen ESC-Glamour nahe an der Gebrauchsmusik. Wie ein Burger-Menü mit einer großen Portion Pommes extra und einer Coke Zero – bei allem Überschwang will man schließlich nicht zu sehr auf den Putz hauen. Und viel Glutamat, bitte. Das war Lametta, Glitzer, Geschmacksverstärker und ein Lied, zu dem man auf dem Rummel Boxautofahren möchte.

Den Gegenpol und die Vermutung, dass der landestypische Fado keine Konfettikanone mehr wird, lieferte derweil das arg zähe und melancholische Rahmenprogramm der portugiesischen Veranstalter. Ein bisschen ergreifend war es dennoch – besonders als Salvador Sobral, der Vorjahressieger des ESC, erstmals wieder auf der Bühne stand: Der Sänger musste sich im Dezember 2017 einer Herztransplantation unterziehen.

Und eine Art „Aufreger“ gab es auch noch bei der quietschbunten Veranstaltung in der Altice-Arena in Lissabon: Als die britische Sängerin SuRie ihren Titel „Storm“ performte, entriss ihr ein Flitzer kurzzeitig das Mikrofon. Es fiel kaum auf. Auch das sagt ­etwas über den ESC 2018.