Die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad ist eine der jesidischen Frauen, die mit dem Sonderkontingent nach Baden-Württemberg kamen. Foto: dpa/Rainer Jensen

Sie wurden vergewaltigt, gequält, ausgestoßen. In Baden-Württemberg haben rund 1000 jesidische Frauen und Kinder Zuflucht gefunden. Das Pilotprojekt Sonderkontingent zieht weite Kreise.

Stuttgart - Als Salwa Rasho 17 Jahre alt war, stand sie ganz alleine und ohne ein Wort Deutsch zu können in Baden-Württemberg. „Ich hatte meine Familie, Freunde, Bekannte und all meine Träume verloren“ sagt die heute 21 Jahre alte Jesidin. Sie ist eine der rund 1000 Frauen und Kinder, die Baden-Württemberg in den Jahren 2015 und 2016 im Rahmen eines Sonderkontingents aus dem Nordirak aufgenommen hat. Heute spricht Salwa Rasho recht gut Deutsch, besucht eine Schule, engagiert sich für Menschenrechte und will vielleicht einen sozialen Beruf ergreifen. „Der Anfang war ganz schwierig, mit der Zeit kann ich mir ein neues Leben und neue Träume aufbauen“, erzählt die Jesidin nach vier Jahren in Deutschland.

Langsam fassen die meisten der etwa 600 Frauen und 400 Kinder nach schweren Traumatisierungen durch Vergewaltigungen in Kreisen der Terrormiliz Islamischer Staat im Alltag Fuß. Sie machen Praktika, manche den Führerschein, sie lernen Deutsch oder sind in Berufsausbildungen. Das Projekt, mit dem Baden-Württemberg bundesweit voranging, ist nach Einschätzung von Staatsministerin Theresa Schopper (Grüne) an einem Wendepunkt. „Schritte in die Normalität sind bei allen spürbar“, sagt sie. „Das Projekt ist nicht mehr bloße soziale Betreuung.“

Chance auf Therapie eröffnen

Erst nach Jahren sind die Frauen offen bereit für psychotherapeutische Betreuung, um ihre Traumata zu verarbeiten. Die Chance auf diese Therapien will Baden-Württemberg den Frauen weiterhin eröffnen. Bis zum Jahr 2021 übernimmt das Land eine erhöhte Gesundheitspauschale zur Finanzierung solcher Therapien, sagte Schopper. Denn, „es ist weitere Hilfe in der Gesundheitsfürsorge notwendig.“ Schon im Vorjahr wurde dafür grob mit 19,5 Millionen Euro bis 2021 kalkuliert.

Es ist eine der Lehren, die das Land und die Wissenschaft aus dem Pilotprojekt gezogen haben, dass die spezialisierte psychotherapeutsche Versorgung erst der dritte Schritt im Hilfspaket sein sollte. Wissenschaftler um Florian Junne, Leitender Oberarzt an der Abteilung für Psychosomatischen Medizin der Uniklinik Tübingen, haben das Pilotprojekt evaluiert und empfehlen, zunächst mit der Strukturierung des Alltags zu beginnen, um die Traumaopfer zu stabilisieren. Dann sollten Sozialarbeiter und Dolmetscher langsam hinführen auf die Möglichkeiten psychosozialer Hilfen, ehe am Ende die Traumabewältigung in Angriff genommen werden kann. „Psychotherapie ist in dem Kulturkreis nicht so verbreitet“, sagt Schopper.

Beten als Bewältigungsstrategie

Aus dem Projekt lernen das Land wie die Kommunen, in denen die Flüchtlinge aufgenommen wurden und die Helfer. Interesse an den Erkenntnissen, die jetzt als Buch vorliegen, zeigen Schopper und Junne zufolge Staaten wie Kanada, Australien oder Frankreich. Die Befragung von Frauen und Kindern, aber auch der Helfer, hat ergeben, dass Beten die wichtigste Bewältigungsstrategie der aufgenommen Frauen ist. Es rangiert weit vor dem Aufsuchen professioneller Hilfen. Unter den professionellen Helfern haben sich die Sozialarbeiter als die wichtigsten erwiesen. Ihre Unterstützung wurde von den geflüchteten Frauen am häufigsten in Anspruch genommen und als am wirksamsten empfunden. 96 Prozent der Befragten erklärten, sie hätten Sozialarbeit genutzt, Einzelpsychotherapie nannten 62 Prozent.

Die Mitarbeiter im Sonderkontingent zeigten sich deutlich zufriedener als Mitarbeiter in der allgemeinen Flüchtlingsversorgung, wie eine Stichprobe der Wissenschaftler ergab. Sie betrachten kommunikative Kompetenzen und Kultursensibilität als die wichtigsten Kompetenzen für die Arbeit im Sonderkontingent.

Sicherheit wird hoch geschätzt

Die Frauen im Sonderkontingent werden nach Einschätzung von Florian Junne noch jahrelang an ihren Belastungsstörungen leiden, das kann von Schmerzen bis zu Herzbeschwerden reichen. Aber sie schätzen ihre aktuelle Situation überwiegend positiv ein. Fast 91 Prozent der Befragten erklärten, sie seien mit dem Sonderkontingent „äußerst zufrieden“. Positive Aspekte sind die Sicherheit, die Gewährleistung von Grundbedürfnissen wie Nahrung, Wohnraum oder Gesundheitsversorgung. Kritik gibt es, wenn in den Unterkünften viele Menschen auf wenig Raum untergebracht sind. Auch wenn Familienangehörige im Irak zurückbleiben mussten, ist das Wohlbefinden beeinträchtigt.

Bemühungen um ein neues Kontingent auf Bundesebene

Theresa Schopper berichtete von Bemühungen um ein neues Kontingent auf Bundesebene. Bundestagsabgeordnete von CDU und SPD würden sich dafür stark machen. In enger Abstimmung mit Baden-Württemberg werde verhandelt, wie Frauen geholfen werden könne, die nach Zwangsehen mit IS-Kämpfern nicht mehr in die jesidische Gemeinschaft aufgenommen werden, weil ihre Kinder muslimische Väter hätten. „Hilfe geht nur mit einem neuen Kontingent“, sagte Schopper.

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