Dass sie einmal reine Landschaftsbilder malen würde, hätte Sibylle Bross bis vor einiger Zeit nicht für möglich gehalten. Foto: Frank Eppler

Mal naht die Flut, mal steht ein Bagger im Weg: Wenn Sibylle Bross draußen malt, muss die Leutenbacherin mit allem rechnen. Gerade das macht die Pleinairmalerei für sie attraktiv. Nun zeigt sie in Weinstadt eine Sonderausstellung.

Draußen zu malen – das ist für Sibylle Bross jedes Mal aufs Neue ein kleines Abenteuer. „Die Schwierigkeit liegt im Transport“, sagt die Künstlerin aus Leutenbach. Eine Kofferstaffelei muss mit – und eine Leinwand in nicht zu großem Format. Außerdem eine Mischpalette für die Farben, Pinsel, Ölfarben. Einen Teil packt Sibylle Bross auf ein Wägelchen, der Rest wandert in den Rucksack auf ihrem Rücken.

 

Und dann geht es los. Zum Seerosenteich nach Althütte. Zur Werdinsel nach Zürich in die Schweiz. Auf den Marktplatz von Rendsburg in Schleswig-Holstein. An einen niederländischen Strand oder ins turbulente kenianische Straßenleben. „Im Sommer bin ich fast immer draußen unterwegs“, erzählt Sibylle Bross. Das war mal anders: Viele Jahre hat die Künstlerin fast nur für sich im Atelier gearbeitet. „Im Atelier habe ich eher die Untiefen der Seele ausgelotet“, sagt Bross, auf deren meist großformatigen Bildern oft Menschen zu sehen sind. Ihre Malerei bewege sich immer im Spannungsbogen zwischen Gegenständlichkeit und abstrakter Kunst, sagt die Künstlerin.

Die Gemälde, die im Freien entstehen, zeigen aber seit Neuestem auch reine Landschaften, die ziemlich realistisch wirken. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal solche Landschaftsbilder malen würde, aber ich finde mich darin schon wieder“, sagt Sibylle Bross. Diese Arbeiten stellt sie nun erstmals in einer eigenen Sonderausstellung vor – im Dachgeschoss des Museums Sammlung Nuss in Weinstadt-Strümpfelbach.

Im Gewölbekeller des zum Museum umfunktionierten Fachwerkhauses zeigt ihr Onkel Karl Ulrich Nuss derzeit Skulpturen, die er im aktuellen Jahr erschaffen hat. Direkt im Stockwerk darüber sind Gemälde zu sehen, die Karl Ulrich Nuss und sein Vater Fritz Nuss im Laufe der Jahre zusammengekauft haben. Ein Who’s who von Kunstschaffenden des Südwestens. Zwischen diesen Bildern ist Sibylle Bross, die erstgeborene Enkelin von Fritz Nuss, aufgewachsen. Viele der Künstlerinnen und Künstler hat sie selbst kennengelernt, bewundert – und sich vor dem ein oder anderen auch ein bisschen gefürchtet.

Opa Fritz Nuss hatte immer Ölfarben im Auto dabei

„Mein Opa hatte immer Farben im Auto und hat oft draußen gemalt.“ Sibylle Bross hingegen fing damit erst im Jahr 2005 an. Da reiste sie in die Niederlande – mit einem Kollegen, der die Malerei im Freien, die Pleinairmalerei, für sich entdeckt hatte. Bei dieser Reise kam auch sie auf den Geschmack. Die Freiluftmalerei habe fast Suchtpotenzial, sagt die Künstlerin: „Das ist wie Weihnachten. Es ist nicht wirklich planbar, aber das gibt den gewissen Kick.“

Wer draußen malt, muss schnell reagieren, denn anders als im Atelier verändert sich die Szenerie ringsum ständig: Die Besucher im Café bleiben nicht ewig sitzen, die Strandläufer sind im einen Augenblick noch ganz nah, dann fast am Horizont verschwunden. Und manchmal steht Sibylle Bross mit ihrer Staffelei auch plötzlich im Wasser, weil die Flut schneller kommt, als gedacht. Die rasche Übertragung der Umwelt auf die Leinwand sei sie zum Glück von der Aktmalerei gewohnt, sagt Sibylle Bross, die schon mit 17 Jahren damit angefangen hat. „Ich reagiere“, sagt sie: „Auch die Wolken am Himmel oder die Wellen verändern sich ständig, das Improvisieren macht mir Spaß.“

Beim Malen im Freien ist Improvisation gefragt

Dass sie einmal reine Landschaftsbilder malen würde, hätte Sibylle Bross bis vor einiger Zeit nicht für möglich gehalten. /Frank Eppler

So spontan sie draußen agieren muss, so gut muss sie die Malerei im Freien vorbereiten. Das fängt mit der Auswahl der Leinwände an, deren Formate relativ klein sein müssen, denn am Strand verhalten sie sich wie Segel. Die Leinwände versieht Sibylle Bross im Atelier mit einer Grundierung. So kann sie draußen gleich loslegen, von der Fläche ins Detail arbeiten. Dafür braucht sie die richtige Auswahl an Pinseln, zudem steckt sie einige Grundfarben und Erdtöne ein. Damit muss sie dann vor Ort zurechtkommen.

Trotz dieses Aufwands, der ein bisschen an die Vorbereitungen für einen Kurzurlaub erinnert, empfindet Sibylle Bross die Pleinairmalerei als eine Befreiung. „Sie hat meine Farbpalette erweitert und eine Seite von mir angesprochen, die brach lag.“ Bei der Arbeit im Freien genießt sie auch den Kontakt zu den Passanten, deren Neugier sie meist auf sich zieht. Inzwischen hat sie sich daran gewöhnt, dass ihr die Leute beim Malen über die Schulter schauen. „Die Leute sind meistens begeistert, wenn ich meine Staffelei aufbaue, und mittlerweile habe ich eigentlich keine Hemmungen mehr.“ Eins zu eins wiedergegeben wird sich aber niemand auf den Bildern finden, sagt Bross: „Ich leihe mir fürs Bild von einer Person den Mantel, von einer anderen die Frisur.“

Selbst ein schnöder Bagger kann es auf ein Ölgemälde schaffen. Die Baumaschine hat Sibylle Bross bei einem Malausflug auf Usedom zwischen hübschen Villen entdeckt. Den Baggerfahrer, der dachte, die Malerin wolle ihn und seine Baumaschine möglichst schnell aus dem Bild haben, hat sie gebeten, sich ruhig Zeit zu lassen und weiterzuarbeiten, denn: „Ich will den Moment des Experiments sichtbar machen und auf dem Bild Lebendigkeit zeigen.“

Ein Haus voller Kunst

Sonderausstellung
 Bis Ende Oktober sind im Dachgeschoss des Museums Sammlung Nuss Ölgemälde unter dem Titel „Sibylle Bross – unterwegs mit der Staffelei“ ausgestellt. Im Kellergeschoss zeigt Karl Ulrich Nuss Arbeiten aus Gips, die in diesem Jahr entstanden sind. Das Museum ist ab dem ersten Sonntag im April bis zum letzten Sonntag im Oktober immer sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Museum
 Das private Museum Sammlung Nuss in der Hauptstraße 19 in Weinstadt-Strümpfelbach zeigt in seiner Dauerausstellung Malerei des Südwestens, die Fritz und Karl Ulrich Nuss zusammengetragen haben: Beispiele des Schwäbischen Impressionismus, der Neuen Sachlichkeit und des Expressiven Realismus. Zu sehen sind beispielsweise Arbeiten von Robert von Haug, Otto Reiniger, Christian Landenberger, Heinrich von Zügel, Max Ackermann, Otto Dix, Alfred Wais und Luise Deicher.