Werner Koch bei der Weindorf-Eröffnung im Hof des Alten Schlosses Foto: Peter-Michael Petsch

Hauptsache draußen: Werner Koch, der Vorsitzende des Verkehrsvereins Pro Stuttgart, erzählt, warum ihm das Stuttgarter Weindorf so am Herzen liegt.

Stuttgart - Die Ankündigung seiner Frau ist unmissverständlich: Wenn er in diesem Jahr wieder so viel Zeit auf dem Weindorf verbringe wie in den Jahren zuvor, fahre sie in der Zeit lieber gleich in den Urlaub. Eine Zeitung sollte sich nicht in Ehen einmischen, aber nach Lage der Dinge hätte Frau Koch einen Urlaub buchen können. Denn dass es in diesem Jahr abends wieder länger geht, ist so sicher, wie dass auf den Sommer der Herbst folgt.

Ein leutseliger Mensch

Das mag daran liegen, dass Werner Koch, der Vorsitzende des Veranstalters Pro Stuttgart, sich qua Amt für das Stuttgarter Weindorf zuständig fühlt. Aber nicht nur daran. Der quirlige Koch, der knapp 25 Jahre das Garten-, Friedhofs- und Forstamt der Stadt leitete, ist auch einer der größten Fans des 1976 gegründeten Stadtfests – und ein leutseliger Mensch. Natürlich muss er von Laube zu Laube gehen, mit den Wirten sprechen und mit den Gästen. „Auch bei einem Fest, das gut läuft, kann man immer was besser machen“, sagt Koch. „Außerdem bekommst du dabei tolle Geschichen zu hören.“ Sagt Koch von den Leuten. Und die Leute von Koch.

Frau Kretschmann gefiel es bestens

Etwa die Geschichte von Gerlinde, die mit Nachnamen Kretschmann heißt. Die Geschichte handelt davon, dass die Dinge auf dem Weindorf manchmal anders laufen als vorhersehbar. Koch, der sein Weindorf gern auch Auswärtigen zeigt, wollte die aus Sigmaringen angereiste Frau des Ministerpräsidenten nach einer Talk-Runde für Radio und Zeitung noch übers Weindorf führen, begleitet von der Weinkönigin. Frau Kretschmann gefiel das innerstädtische Weindorf bestens. Als Koch für den Gast am Ende des Tages ein Taxi rief, musste er sich sputen, um die letzte S-Bahn noch zu erwischen.

Auch Institutionen können verschwinden

Werner Koch erzählt solche Geschichten nicht, um sich wichtig zu machen. Er tut es, um zu zeigen, wie das Fest die Menschen in seinen Bann zieht. Und er tut es vielleicht auch, weil er weiß, dass selbst sogenannte Institutionen verschwinden können. Das war beim Exportschlager so, dem Hamburger Weindorf, als die Platzmiete von jetzt auf nachher in die Höhe schoss – obwohl zuvor beide Bürgermeister der Veranstaltung zum Dreißigjährigen gratuliert hatten. Wer weiß, was aus Stuttgart wird, wenn die Aufwendungen für die Sicherheit noch mehr ins Geld gehen.

Elektronisch verstärkte Musik ist verboten

Werner Koch mag keine Feste, bei denen die Leute alle Nas’ lang zum Trinken aufgefordert werden, deshalb ist ihm das Cannstatter Volksfest ein bissle fremd. Und er gehört zu jenen, die sich immer dafür starkgemacht haben, dass in den Lauben keine elektronisch verstärkte Musik gespielt werden darf – und keine Songs aus der Konserve. „Auch mit akustischen Instrumenten kann man Stimmung machen“, sagt er. Außerdem dürfe man nie vergessen, warum die meisten Gäste da sind, die jungen und die alten: zum Schwätzen.

Trollinger, Trollinger und Trollinger

Das heißt nicht, dass immer alles beim Alten bleiben muss. Werner Koch erzählt von den Anfängen, als das Weindorf mehr einer Hocketse oder einem großen Besen unter freiem Himmel glich. In den Lauben, die sich zumindest äußerlich nicht geändert haben, trank man aus Limo- und Henkelgläsern Trollinger, Trollinger und Trollinger. Mit den Jahren aber stieg die Weinqualität. „Das ist schon fantastisch, wenn man sieht, welche internationalen Preise allein unsere Rotweine inzwischen holen“, sagt Koch. Also musste man – stilecht – mit Stielgläsern Flagge zeigen.

Ab 17 Uhr geht die Stehparty los

Mit dem Anstieg der Weinqualität musste das Speiseangebot schritthalten. Das ist der Grund, weshalb sich zwischen Schiller- und Marktplatz längst Köche niedergelassen haben, die einen Meister im Titel tragen.

Koch weiß auch, wie sich das Publikum im Lauf eines Weindorftags ändert. Mittags schauen Rentner vorbei, auch mal Leute aus den umliegenden Büros oder Stadtbummler. Gegen 17 Uhr vollzieht sich ein Generationswechsel, dann kommen die Jüngeren, die es weniger in die Lauben zieht. Sie wollen sehen und gesehen werden, an lauen Abenden ist es nicht einfach, sich durch die Stehparty einen Weg zu bahnen.

Eröffnung ist wieder für alle

Heilfroh ist Werner Koch, dass die Weindorferöffnung im Innenhof des Alten Schlosses seit einem Jahr wieder dem gemeinen Volk zugänglich ist. Das war nicht mehr so, seit Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 nach dem Abriss des Nordflügels 2010 die Veranstaltung gesprengt hatten, um ihren Unmut kundzutun. Dass sie dieses Podium wählten, hing mit der Anwesenheit von Politikern zusammen. Aber vielleicht auch mit einem Irrtum, der sich hartnäckig hält: Pro Stuttgart hat nichts mit dem neuen Bahnhof am Hut.

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