Suse Stroner und Anette Battenberg (von links) vor vergilbten Konzertplakaten im Lab, die vor Baustellenstaub mit einer Folie geschützt werden Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Ein Verein stellt Jahr für Jahr ein dreitägiges Musikspektakel auf die Beine und verlangt nicht mal Eintritt. Er hat mit dem Lab-Festival ein Stück links-alternative Haltung aus den 1980er Jahren ins neue Jahrtausend gerettet. Und den Blues.

Stuttgart - Drei Tage Musik und Kleinkunst ohne Eintritt? In Stuttgart gibt es das jedes Jahr. Immer Ende August. Seit 1981. Beim Lab-Festival.

Wenn Händler zwischen den Berger Sprudlern Tapeziertische aufstellen, wenn Vereine Bierfässer anfahren, ambitionierte Aktivisten lateinamerikanische Spezialitäten brutzeln und junge Männer in Lederjacken Lautsprecher und Instrumente ausladen, dann ist Lab-Festival.

Anette Battenberg (53) ist Chefin. Sie engagiert die Künstler, die auftreten, aber davon nicht reich werden: „Die kommen uns mit der Gage entgegen“, sagt sie. Auch Eintrittsgelder klingeln nicht in der Kasse. „Von Anfang an war das Lab-Festival umsonst. Die Bands bekommen Gage, aber wir kaufen keine professionellen Unterhalter ein, wir wollen nicht, dass die Besucher fürs Kinderschminken zahlen müssen“, sagt Suse Stroner (51), die Kauffrau im Team.

Beide haben studiert, sind dann irgendwann in Richtung Kulturmanagement abgebogen – und beim Laboratorium gelandet, der Keimzelle des Lab-Festivals.

Flaggschiff der links-alternativen Szene

Das soziokulturelle Zentrum, 1972 von Heidi und Randy Schmidt in der Wagenburgstraße im Stuttgarter Osten gegründet, war eine Institution: Flaggschiff der links-alternativen Szene und einer der ersten Clubs damals, lang bevor das Maxim oder das Exil oder das Unbekannte Tier die Szene belebten.

In dem kleinen Wirtshausfestsaal saß man auf Tuchfühlung mit Christoph Sonntag, Georg Schramm und Otfried Fischer, guckte Martin Kolbe, Ralf Illenberger und Goisahannes auf die Finger, um Gitarrengriffe abzuschauen. Ein Gesicht war hinter den Vollbärten und langen Mähnen eh kaum zu erkennen. Dicker Zigarettenrauch und schäumendes Bier gehörten zu Blues und Folk und zu den zahlreichen unbekannten Künstlern und neuen Genres.

1981 wollte Programmchef Rolf Graser mehr: Er schickte die Musiker und Kabarettisten aus dem Club ins Freie und ließ die Leute für umsonst daran teilhaben. Ein Verein wurde gegründet, der Schwanenplatz bei den Sprudlern zum Festivalgelände erkoren. Bis heute profitieren Graser und Anette Battenberg von dem künstlerischen Spektrum, das sie das Jahr über im Laboratorium zu sehen bekommen, darunter „Künstler, die ihr Publikum noch suchen“, sagt die Chefin. Wie einst der Comedian Michael Gaedt. Heute wird erzählt, dass der Lab-Chef bei Gaedts erstem Auftritt gefragt habe: „Wie soll ich euch ankündigen?“, worauf Gaedt geantwortet haben soll: „Ha, sag halt, wir sind die ,Kleine Tierschau‘.“ Bei dem Namen blieb es dann.

Unbekannte Bands und treue Veteranen

So lebt das Lab-Festival nicht nur von unbekannten Bands, sondern auch von treuen Veteranen. Die Schwaben-Rock-Band Grachmusikoff beispielsweise war 112-mal im Lab und auf dem Festival. Im Rahmen ihrer Abschiedstournee spielt sie in diesem August das 113. und letzte Mal.

Unter den Ehrenamtlichen des Festivals sind Altgediente: „Ein ehemaliger Vereinsvorstand lebt heute in Berlin und kommt jedes Jahr“, sagt Anette Battenberg. Kunsthandwerker, Buch- und Schmuckhändler bieten ihre Waren rund um die zehn Betonkegel an, die die reichen Mineralwasservorkommen in der unmittelbaren Umgebung symbolisieren sollen – was herausquillt, ist allerdings nur gewöhnliches Neckarwasser. Essen und Getränke steuern Vereinsgastronomen bei. Rund 100 Helfer kümmern sich um Aufbau, Ablauf und das große Aufräumen zum Schluss.

„Leichter ist das alles nicht geworden“, sagt Anette Battenberg. Die Parkplätze, die Bands und Lieferanten so dringend brauchen, sind inzwischen an einen Gastronomen verpachtet, die Müllabfuhr komme nicht mehr montags, sondern mittwochs, „bis dahin haben die Krähen die Müllsäcke gefleddert“.

Auf das Publikum war bisher immer Verlass. „Selbst, als wir im Nachmittagsprogramm mal eine Sängerin hatten, die brüllte wie am Spieß, gab es keine Buhrufe“, erinnert sich Anette Battenberg und lacht. Was über den Verzehr eingenommen wird, reicht, um Gagen und Unkosten zu decken und die Vereinsgastronomen für ihren Einsatz zu belohnen. Spätestens, wenn die Vereinsmitglieder mit der großen Spenden-Tuba durch das Zelt ziehen, klimpert’s ordentlich im Trichter. Bis Herbst geht es für die hartgesottenen Helfer beim Renovieren im Lab weiter. Der Konzertsaal ist ausgebeint, die historischen Plakate hängen hinter Plastikfolien. Zwischen gewohnt roter Wandfarbe werden die Gäste im Herbst dann das 45-Jahr-Jubiläum feiern. Ein Ausgang führt direkt zum Biergarten. Gut für Raucher, denn drinnen ist Tabak Tabu.

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