Die ersten Langen Nächte auf dem Marktplatz in Stuttgart: Anfang der 70er Jahre strömten die Menschen erstmals zum Feiern in die Innenstadt. Foto: Kraufmann

Seit dem Sommermärchen heißt es: Stuttgart ist viel schöner als Berlin. Nun lernen wir, dass es in Stadt und Region auch mehr Open-Air-Veranstaltungen gibt als in der Millionenmetropole Hamburg. In unserer Sommerserie stellen wir einige davon vor.

Stuttgart - Für Markus Voeth ist der Zusammenhang eindeutig: Es waren große Sportereignisse, die den Deutschen das Feiern im Freien schmackhaft machten, erklärt der Professor von der Universität Hohenheim. In Stuttgart gelten die zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974 veranstalteten Langen Nächte als das Ursprungs-Open-Air in der Innenstadt. Rund 60 000 Menschen strömten zu den damals neuartigen Events. Mittlerweile wird in der ganzen Region den gesamten Sommer über gefeiert – bei Konzerten, Straßenfesten oder im Freiluftkino. „Wir sind sehr nahe an der Kapazitätsgrenze“, sagt Martin Thronberens für Stuttgart. „Viel mehr geht nicht mehr.“ Die Stadt und ihr Umland bieten eben beste Voraussetzungen für die sommerliche Feierkultur.

Der Schlossplatz dient Armin Dellnitz als Indiz. „Es gibt kaum noch Phasen, wo er wirklich frei ist“, sagt der Geschäftsführer der Tourismusgesellschaft Stuttgart Marketing über dessen Auslastung. Die Zahl der Veranstaltungen unter freiem Himmel hat sich seinem Eindruck nach vor allem in den vergangenen 15 Jahren deutlich erhöht. Die Veranstalter drängten in die Stadt, und das ist seiner Meinung nach mehr als wünschenswert. „Touristisch gesehen kann ich es nur unterstützen, wenn in der City viel los ist“, sagt Armin Dellnitz. Das Angebot in Stuttgart und den fünf Landkreisen drumherum ist dabei ziemlich herausragend: Eine Millionenstadt wie Hamburg kann dem Touristiker zufolge beim Open-Air-Angebot nicht mit der Region mithalten.

Was gefällt den Menschen in Stuttgart an Open-Air-Veranstaltungen und welches sind ihre Lieblingsfeste? Sehen Sie die Antworten in unserer Video-Umfrage:

Das Klima und das Publikum minimieren das wirtschaftliche Risiko

Die geografische Lage bringt eindeutige Wettbewerbsvorteile: Das Klima und das Publikum minimieren das wirtschaftliche Risiko für die Anbieter. Abgesehen davon, dass die Bevölkerungsdichte hoch ist, hätten die Menschen auch Lust, etwas zu unternehmen und dafür Geld auszugeben. „Die Region ist prädestiniert für Außenveranstaltungen“, sagt Armin Dellnitz. Ob es nun das relativ neue Format der Jazz Open auf dem Schlossplatz ist oder der traditionelle Schäferlauf: „Sie ziehen die Massen an.“ Das hohe Bewusstsein für Kulinarik und die zunehmend gemütlich-gesellige Atmosphäre in den verkehrsberuhigten Innenstädten tragen zur Feierlaune bei.

Wissenschaftlich betrachtet genießen die Menschen unter freiem Himmel vor ­allem das Gemeinschaftsgefühl. „Ein gesamtgesellschaftlicher Wandel bildet den Hintergrund für das Aufkommen von Freiluftevents“, erklärt Markus Voeth – und zwar die zunehmende Individualisierung seit den 1970er Jahren. Was die Besucher von Sportgroßveranstaltungen erleben, wurde nach und nach der Allgemeinheit angeboten. Laut dem Professor für Marketing und Business Development ist der Freizeitmarkt in den vergangenen 40 Jahren kontinuierlich gewachsen. Und so lange sich eine Gesellschaft diesen Luxus leisten kann, wird sich auch keine Sättigung einstellen, prognostiziert er.

Eine rote Wurst lockt niemand mehr hinter dem Ofen vor

„Das Angebot ist noch ausbaufähig“, stimmt Edgar Braune zu. Mit seiner Agentur Eventstifter hat er vor sieben Jahren eine Open-Air-Konzertreihe im Ludwigsburger Schlosshof etabliert, die gerade mit der Band Silbermond begonnen hat. „Aber es funktioniert nur, wenn man es professionell macht“, ergänzt der Geschäftsführer. Das fängt bei der Auswahl der Musiker an, die nicht kurz zuvor an einer anderen Stelle in der Region gespielt haben dürfen, und geht bis zur Location. „Je schöner das Ambiente ist, desto mehr genießen die Leute den Event“, erklärt Edgar Braune. Eine rote Wurst und ein Bier allein lockten die Menschen kaum noch hinter dem Ofen hervor.

„Die Veranstalter sind auf der Suche nach neuen Konzepten“, hat auch das Stuttgarter Ordnungsamt festgestellt. Gerade bei Freiluftevents werde versucht, ein breites Publikum anzusprechen. Wie beim seit dem Jahr 2012 stattfindenden Marienplatzfest stehen neben Musik Streetfood, Kunst und Kinderbespaßung auf dem Programm. Auffällig ist außerdem „eine gesteigerte kreative Nutzung des Straßenraums“ mit Parklets und Stäffele-Bespielung. Die Stadt kommt offensichtlich mit der Ausgehfreude im Sommer zurecht: Die Zahl der Anwohnerbeschwerden sei minimal, Kriminalitätsschwerpunkte hätten sich nicht gebildet. Nur das Müllaufkommen nimmt zwischen Frühjahr und Herbst zu.

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