Eine Stadt feiert ihren Schiller – auch wenn er nicht Geburtstag hat. Hier beim 18. Jahrhundertfest 2016. Foto: Michael Raubold Photographie

Angefangen hat alles mit Schillers 250. Geburtstag. Zum großen Fest sollten sich die Bürger der Stadt verkleiden. Die Gewänder dafür entstanden in der Nähstube 18. Jahrhundert. Die gute Stube gibt es noch immer – und dank ihr viel Kultur.

Marbach - Es war im Jahr 2009, als in Marbach an Schillers 250. Geburtstag erinnert wurde – unter anderem mit einem 18.-Jahrhundertfest, das es so noch nie gegeben hatte. Tausende säumten die Gassen, die sich stilgerecht in Gewänder wie zu Schillers Zeiten geworfen hatten. Die Uniformen der Soldaten aus dickem Filz waren nicht gerade atmungsaktiv, das einfache Volk trug Alltagskleidung aus leichtem Leinen. Allerlei Volk aus vielen Ländern, Adlige, Handwerker und Soldaten biwakierte am Neckarufer.

Graf Bernhard Schwabe zu Nau und seine Gattin Hofsängerin Regina Moretti begrüßten die Gäste schon am Eingang des großen Lagers. „Hochwohlgeborene Herren und Damen, wir geleiten Euch gerne zur Residenz seiner Königlichen Hoheit August des Starken“, sprach der Kämmerer des sächsischen Kurfürsten und lud zur Audienz ins fürstliche Zelt ein. „Man macht das, weil man ein bisschen verrückt ist“, gestand Hofsängerin Regina.

Sparsam bei der Arbeit

Aber nicht nur beim Traditionsverein Dresdner Barock gibt es diese Verrückten, auch in der Traditionsstadt Marbach haben sich einige Mode-Begeisterte zusammengetan und frönen der Bekleidungskultur längst vergangener Tage. Die Gewänder werden in der Nähstube des 18. Jahrhunderts in der Marbacher Rosengasse unter kundiger Anleitung geschneidert. Das Team ist das selbe wie am Anfang: Sabine Stängle, Ursel Pressel, Helga Widler, Regina Deppe und Judith Nägele sind die fünf Damen, die die Nähstube regelmäßig für die Besucher öffnen.

Hinter der Nähstube steht eine Gruppe von Freiwilligen, die 2008 zusammenfand mit dem Ziel, möglichst viele Marbacher dazu zu bringen, beim großen 18.-Jahrhundertfest gewandet mitzumachen. Vor dem Fest stand die Recherche: Welche Kleider trug das einfache Volk anno dazumal. „Wir haben Stoffe, Bettlaken und Tischdecken gesammelt und vernäht“, berichtet Sabine Stängle. Viele haben sich damals von der Euphorie des schönen 18.-Jahrhundertfests anstecken lassen. Mehr als 200 Kleidungsstücke sind entstanden. Man sei „schwäbisch sparsam“ und habe alte Stoffe verarbeitet. Leinen ist ideal, aber teuer. Baumwolle gab es im 18. Jahrhundert auch schon. „Es muss machbar sein, es muss bezahlbar sein“, ist das Motto der Damen aus der Nähstube. „Bei uns steht der Spaß im Vordergrund. Wenn dann mal eine Spitze verarbeitet wird, drücken wir beide Augen zu“, sagt Sabine Stängle.

Die Nähstube wird zum Netzwerk

In der Nähstube sind alle ehrenamtlich im Einsatz, den Stromkosten bezahlt die Stadt. Kleider würden deshalb höchstens mal für eine Schulaufführung verliehen. Nicht aber für Geburtstage oder Kostümfeste, obwohl es viele Anfragen gebe.

Einmal im Monat, meistens am vierten Mittwoch, ist die Nähstube geöffnet. Dann kann jeder vorbeikommen, sich Schnitte für ein Gewand abzeichnen, Nähanleitungen mitnehmen, Stoffe zuschneiden, kleine Sachen nähen, Hilfe bei der Anprobe oder bei einem Problem in Anspruch nehmen. Oder, wie Sabine Stängle sagt, die sich über Besucher freut, „einfach das Neueste erfahren“. Zum Beispiel, dass sich die Nähstube hat inzwischen zu einer kleinen Kontaktbörse entwickelt hat. Für die Gewandeten – ebenfalls eine lose Marbacher Interessengemeinschaft mit Kontakten in ganz Deutschland – ist sie die erste Anlaufstelle. Beim Tobias-Mayer-Fest im Jahr 2012 und beim letzten 18.-Jahrhundertfest im Jahr 2016 waren auch sie wieder aktiv beteiligt.

Die Kostüme wollen gesehen werden

Die aufwendig gearbeiteten historischen Kostüme nur alle vier Jahre zum 18.-Jahrhundert-Fest aus Schrank oder Truhe hervorzuholen, das findet Sabine Stängle einfach schade. Sie nennt vier Stück ihr Eigen, vom einfachen Bauernkleid bis hin zum „aufgebretzelten Bürgergewand“. Mit der Kleidung schlüpfe man auch in eine bestimmte Rolle. „Man geht aufrechter, flaniert und schreitet mehr. Ein Gewand entschleunigt.“ Nicht nur deshalb bietet Sabine Stängle gewandete Stadtführungen im Stile der Zeit Friedrich Schillers an.

Diese ganz besonderen Kleidungsstücke wollen eben hin und wieder ausgeführt werden – beim Pferdemarkt in Ludwigsburg oder der Venezianischen Messe, bei den Wein-Lese-Tagen in Marbach und im Bottwartal, wo ein stilvolles Empfangskomitee nicht fehlen darf, oder bei einem der vielen Treffen Gleichgesinnter. Die kommen auch gerne auf die Marbacher Schillerhöhe zum Picknick. Standesunterschiede spielen hier keine Rolle: Die Baronin picknickt mit der Bauersfrau, der Graf mit dem Landmann.

Das nächste Fest beginnt im Kopf

Schüler können sich dafür oder einfach nur aus Spaß an der Freude unter Anleitung historische Röcke und Chemisen nähen, zum Beispiel in der AG Historische Gewänder des Friedrich-Schiller-Gymnasiums unter der fachkundigen Anleitung von Ursel Pressel. Auch Jugendliche aus der Anne-Frank-Schule kommen in die Nähstube, um sich ein historisches Gewand zu schneidern.

Für das nächste Fest im Mai 2020 laufen die Vorbereitungen gedanklich schon an. „Wir sind dabei, Ideen zu sammeln und werden uns im Herbst wohl das erste Mal Treffen treffen“, so Andrea Hahn, die wieder die Organisation zusammen mit dem Kulturamt der Stadt Marbach übernehmen wird. Man sieht: Das 18. Jahrhundert ist in Marbach fester Bestandteil des Kulturlebens geworden.

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