Musik, Politik, Kinderprogramm: Bis zu 3500 Menschen gleichzeitig waren in den vergangenen Jahren beim Umsonst & Draußen am Pfaffenwald. Foto: factum/Archiv

Am Wochenende steigt zum 38. Mal das Umsonst und Draußen in Stuttgart-Vaihingen. Dass auf der Wiese neben der Universität gefeiert wird, hat nichts zu sagen: Das Festival ist weniger eine Studentenparty, als ein fröhliches Treffen von linksorientierten Stuttgartern.

Stuttgart - Die schicken Stuttgarter gehen am Wochenende zum Sommerfest in die Innenstadt und essen Hummerspieße, die „wilderen und lustigeren“ Menschen kommen nach Vaihingen und trinken Bier. So beschreibt es Thomas Bock (61), einer der vielen Ehrenamtlichen des Festivals Umsonst & Draußen, das am Wochenende zum 38. Mal auf der Uniwiese am Pfaffenwald in Vaihingen gefeiert wird.

Das Umsonst & Draußen ist kein typisches Festival wie etwa das Southside Festival oder Rock am Ring. Wie der Name schon verspricht, kostet es keinen Eintritt. „Das Festival finanziert sich über den Verkauf von Essen und Getränken, außerdem haben wir einige Sponsoren“, sagt Bock. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass zwar 20 lokale und überregionale Bands auftreten, doch es gibt zusätzlich auch mehrere politische Beiträge, Diskussionsrunden und Infostände. Diese Beiträge stammen allesamt aus dem linken Spektrum; schon seit seiner Gründung vor fast 40 Jahren ist das Umsonst & Draußen ein Fest der linken Szene. Die Veranstalter selbst bezeichnen es als „drei Tage kreative Anarchie und Lebensfreude, liebevoll organisiertes Chaos“.

Jedes Festival hat ein politisches Thema

Beim ersten Umsonst & Draußen im Jahr 1980 lautete das Motto „Wehrt euch – keine Macht für niemand!“. Später ging es um Tschernobyl, die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf oder Stuttgart 21. In diesem Jahr dreht sich anlässlich der Bundestagswahl im September alles um Demokratie und Partizipation. „Politik kann im ganz Kleinen stattfinden“, sagt Uli Augustin (45). „In diesem Jahr geht es unter anderem um den Anspruch auf einen Kindergartenplatz und um Urban Gardening.“

Volker Bringfried war einer der Mitgründer des Musik-Polit-Kultur-Festivals. Er berichtet: „Das Umsonst & Draußen entstand inmitten einer Aufbruchstimmung, jener kämpferischen Bewegung gegen Nachrüstung, Atomkraftwerke und Atomwaffen.“ Damals habe es viele Bürgerinitiativen gegeben, daher sei es selbstverständlich gewesen, dass auch im „braven Stuttgart eine kleine radikale Minderheit mit zu neuen Formen des Protests aufrief“.

Durch S 21 ist der Protest zurückgekehrt

Fragt man bei den Ehrenamtlichen nach, so scheint es, als wäre noch viel von dieser Aufbruchstimmung übrig geblieben: „Die auftretenden Bands sind auch eher politisch als reine Spaßgruppen, außerdem gibt es immer wieder entsprechende Ansagen von der Bühne“, sagt Thomas Bock. Zwischenzeitlich hatte das Festival etwas von seinem politischen Anspruch verloren, doch durch Stuttgart 21 sei der Protest zurückgekehrt. Trotzdem soll der Spaß nicht zu kurz kommen. Ein Höhepunkt sei der musikalische Frühschoppen am Sonntagmorgen, sagt Augustin: „Wir suchen jedes Jahr eine Band raus, die das Publikum aufweckt. Einmal gab es beispielsweise Weihnachtslieder im August.“ Was dieses Jahr für wache Gemüter sorgen soll, bleibt eine Überraschung.

Auf die Frage, wie viele Menschen jedes Jahr zum Umsonst & Draußen kommen, fällt den Ehrenamtlichen die Antwort schwer. Da der Eintritt frei ist, zählen sie auch die Besucher nicht. „Schätzungsweise waren bis zu 3500 Besucher zugleich auf der Wiese“, meint Bock. Obwohl das Festival direkt neben der Uni stattfindet, sei es keine Studentenparty. „Ein paar Studenten kommen immer, aber eigentlich ist das Publikum komplett durchgemischt: Familien, junge Menschen, ältere Menschen. Teilweise ist es schon die dritte Generation, die das Umsonst & Draußen besucht“, sagt Bock. Allen Besuchern gemein sei, dass sie „lustige Leute von der Straße“ seien.

Bier mitbringen geht gar nicht

Diese Bezeichnung gilt sicherlich auch für die Ehrenamtlichen, denn die meisten waren einst Gäste. Viele engagieren sich seit Jahren für das Festival, andere stehen in diesem Jahr zum ersten Mal hinter statt vor der Theke. Einer davon ist Florian Linke (28). „Ich war die vergangenen zwei Jahre als Besucher da und habe das ganze Wochenende dort verbracht“, sagt der Stuttgarter Maler und Lackierer. Denn die wirklich eingefleischten Umsonst-&-Draußen-Fans bringen ihr Zelt mit und nächtigen von Donnerstag bis Montag neben dem Festgelände – dann muss alles wieder abgebaut und sauber gemacht sein.

Während die Ehrenamtlichen allesamt einen recht freundlichen, entspannten Eindruck machen, gibt es eine Sache, die sie wütend macht: das sogenannte Verräterbier. „Wenn Besucher mit einem Rucksack voller Bier aufs Umsonst & Draußen kommen, sorgen sie dafür, dass eine Fortsetzung des Festivals schwierig wird“, sagt Niko Hörr (39). Alle anderen seien herzlich willkommen am Pfaffenwald.

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