Wahlkampfauftritt: Im August 2015 hat sich der heutige CDU-Justizminister Guido Wolf in Zwiebelsäcken aufwiegen lassen. Foto: Rudel/Archiv

Turbulent geht es auf der traditionsreichen Esslinger Großhocketse immer zu – meist auch schon kräftig im Vorfeld.

Esslingen - Wenn es das Esslinger Zwiebelfest nicht gäbe, es müsste glatt erfunden werden. Das hat zunächst einmal überhaupt nichts mit dem Fest selbst zu tun. Aber es gibt im Esslinger Jahreszyklus wirklich keine Veranstaltung, die für derart viele Emotionen, für Gesprächsstoff und Diskussionen in der Stadt sorgt wie die seit 31 Jahren stattfindende Weinhocketse auf dem Marktplatz. Nicht wenige mutmaßen deshalb, dass hinter den meist negativen Schlagzeilen, mit denen die Zwiebelfestwirte alljährlich auf ihre Veranstaltung aufmerksam machen, ein überaus raffiniertes Marketingkonzept steht, um das Ereignis wirksam zu vermarkten. Das allerdings ist in der Tat eine böswillige Unterstellung. Denn wer die Beteiligten kennt, weiß, dass der Ärger echt ist.

Mal hat man darüber gestritten, ob den Gästen eines Esslinger Weinfests vorrangig Bottwartaler Tropfen zugemutet werden können, weil die dortige Weinkellerei als Sponsor aufgetreten war. Regelmäßig geht es dann um die Frage, ob wirklich ausreichend Esslinger Wirte an dem Stadtfest mitwirken. Schließlich stelle die Stadt privaten Wirten den zentralen Platz für fast zwei Wochen zur Verfügung.

Ein selbsternannter Freundeskreis sät Unfrieden

Ein andermal hat sich der Oberbürgermeister mit seinem Einsatz für einen bestimmten Zwiebelfestwirt eine blutige Nase geholt. Seit zwei Jahren nun sät ein selbst ernannter „Freundeskreis für ein traditionelles Zwiebelfest“ Unfrieden und versucht seinerseits, den in einer GmbH zusammengeschlossenen Zwiebelfestwirten einen vom Freundeskreis favorisierten Gastronomen aufzudrücken.

All diese Wallungen sind – jedenfalls für die meisten Gäste – immer dann vergessen, wenn das Zwiebelfest mit dem traditionellen Aufwiegen eines mehr oder minder prominenten Gasts in Zwiebelsäcken eröffnet wird. In diesem Jahr ist es am 4. August so weit. Elf Tage – bis zum 14. August – wird der Esslinger Marktplatz dann zum Treffpunkt von Viertelesschlotzern aus der gesamten Region. Den Vorwurf, dass das Zwiebelfest dabei seinen ursprünglichen Charakter als gemütliche Hocketse verloren habe, lässt Frank Jehle, der Geschäftsführer der Zwiebelfestwirte und Pächter der Esslinger Traditionsgaststätte Palmscher Bau, nicht gelten. Schon lange habe man sich von dem Versuch verabschiedet, aus dem Zwiebelfest ein Event mit ständiger Musikberieselung und größeren Aktionen zu machen. Einzige Ausnahme sei der Trachtentag am 10. August. Ansonsten stünden die qualitätsvolle Küche und feine Weine im Vordergrund.

Gerd Trautwein ist der einzige Wirt der heutigen Besatzung, der schon beim allerersten Zwiebelfest dabei war. Noch gut erinnert er sich daran, wie vor rund 30 Jahren alles angefangen hat. Einige interessierte Gastronomen hätten sich damals zu einer Informationsveranstaltung getroffen. Aber als klar gewesen sei, dass man als Mitveranstalter 50 000 Mark mitbringen müsse, seien die meisten aufgestanden und gegangen. Trautwein: „Wir haben mit Ach und Krach zehn zusammengekriegt.“

Nicht alle Esslinger Gastronomen können so eine Großveranstaltung stemmen

Das finanzielle Engagement ist – ­gepaart mit dem enormen logistischen ­Aufwand, der für eine solch lange Freilufthocketse betrieben werden muss, und ­hohen Sicherheits- und Sauberkeitsanforderungen – der größte Hinderungsgrund dafür, dass ausschließlich Esslinger Wirte das Zwiebelfest gestalten. „Es gibt einfach nicht so viele Gastronomen in der Stadt, die eine solche Großveranstaltung stemmen können“, sagt Frank Jehle.

In diesem Jahr etwa ist das Zwiebelfest-Urgestein Fritz Weiß aus Altersgründen zum ersten Mal nicht mehr dabei. Für ihn springt nun das Uhlbacher Wein- und Sektgut Currle ein. Die Currles bringen Erfahrung vom Stuttgarter Weindorf mit. So etwas ist wichtig, wenn alles reibungslos laufen soll.

Der eher ungewöhnliche Name Zwiebelfest geht übrigens auf eine Sage zurück, nach der im Mittelalter eine kluge Esslinger Marktfrau den Teufel aus der Stadt vertrieben haben soll. Der Teufel hatte nach einem Apfel verlangt. Die Marktfrau erkannte ihn trotz seiner Verkleidung an seinem Pferdefuß und am Schwefelgeruch. Sie reichte ihm listig anstatt des begehrten Apfels eine Zwiebel. Der Teufel biss in die saftige Knolle und schrie: „Das sollen eure Äpfel sein? Spott über euch Esslinger! Zwiebel sind es, scharfe Zwiebel. Deshalb sollt ihr künftig nicht mehr Esslinger heißen, sondern Zwiebeln.“

Dass diese Zwiebeln gelegentlich ziemlich scharf werden können, wird sich wohl auch im Herbst wieder zeigen. Dann will sich der Esslinger Gemeinderat mit dem Thema Zukunft des Zwiebelfests beschäftigen. Man ahnt es schon: Dabei könnte es im Ratssaal hoch hergehen.

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