Ein Auftritt, der Eindruck macht: Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Israelin Yael Deckelbaum zieht beim Sommerfestival der Kulturen das Stuttgarter Publikum auf dem Marktplatz mit Musik und Politik in ihren Bann.

Stuttgart - Politischer war das Sommerfestival der Kulturen kaum je. Yael Deckelbaum, Songwriterin aus Israel, Sprachrohr der Initiative „Women Wage peace“, steht am frühen Donnerstagabend auf der Bühne am Stuttgarter Rathaus.

„Women Wage Peace“ gründeten sich 2014 und bemühen sich seither, Druck auf die Regierung Israels auszuüben, auf ein Ende des Konfliktes mit Palästina hin zu wirken. 2016 organisierte die Gruppe einen Friedensmarsch israelischer und palästinensischer Frauen nach Jerusalem. Yael Deckelbaum war dabei. Am Donnerstagabend eröffnet sie ihr Stuttgarter Konzert mit einem kraftvollen Stück: „Warriors of Peace“ heißt es, verbindet die politische Botschaft mit emotionalem Songwriting.

„Anklagen können niemals zu Verbesserungen führen“

Anderthalb Stunden wird Yael Deckelbaum Musik aus dem Westen und dem Nahen Osten, den israelischen und arabischen Raum verbinden. Sie hat all diese Einflüsse in sich aufgenommen, besitzt Wurzeln, die nach Kanada führen, spielte Country-Musik, eroberte in Israel die Hitparaden. In Stuttgart vergehen nur wenige Minuten, und sie ist dort ganz angekommen: die vielen Menschen unterschiedlicher Nationalität, die den Rathausplatz füllen, erleben eine Frau von außergewöhnlicher Ausstrahlung, einen Auftritt, der musikalisch zupackt und schnell zu einem Statement wird.

In den ersten Reihen, die sich vor der Bühne drängen, hat Yael Deckelbaum eine Zuschauerin ausgemacht, die ein T-Shirt trägt mit einem Schriftzug, der zum Boykott israelischer Produkte aufruft. „I sense you“, ruft sie der Frau zu und möchte ganz von ihr gehört werden – „Ich kann deine Energie spüren, ich kann deine Wut spüren.“ Aber Anklagen, Schuldzuweisungen, sagt Deckelbaum, könnten niemals zu Verbesserungen führen.

Jedes Friedensgebet verwandelt sich in einen Hit

Sie spricht davon, welch geringen Einblick Außenstehende in die Situation ihres Landes hätten, wie viele Menschen Israels sich in vielen Gruppierungen gegen die Politik ihres Landes stellten. Und sie meint nicht nur Israel, sie meint die ganze Welt, die Menschen aller Länder, wenn sie von Freiheit spricht.

In weiten, weißen Gewändern beschwört Yael Deckelbaum große Menschheitsträume. „Turn the Darkness into Light“ ruft sie, immer lauter, eindringlicher. Ihre Band The Mothers besteht aus Frauen, die sie mit Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboard begleiten – klirrende Soli, sehr schnelle und rasante Songs, dann wieder Lieder mit getragener, eindringlicher Melodie. Jedes Friedensgebet verwandelt sich gleich in einen Hit; die Band spielt Stücke, die sich hinter den ganz großen Protestsongs nicht verstecken müssen. Kitsch ist das mitnichten – diese Sängerin reißt mit, ihr Charisma überwältigt.

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