Lange Schlangen auf dem Weg zum Strand: Flughafenbetreiber und Airlines haben während der Coronapandemie massiv Personal abgebaut, das jetzt fehlt. Den Preis zahlen die Reisenden. Was nun auf sie zukommt.
Geht es nach Lufthansa-Chef Carsten Spohr, ist die Pandemie vorbei. „Jetzt lassen wir die Coronakrise mental und, mit Blick auf die starken Buchungszahlen in diesem Jahr, auch geschäftlich hinter uns“, sagte Spohr am vergangenen Donnerstag bei der Vorstellung der Jahresbilanz. Reisende müssen sich allerdings auf lange Wartezeiten gefasst machen, denn die Rückkehr zur Normalität verläuft nicht so reibungslos wie erhofft – der Weg zum Strand wird beschwerlich.
„Wir haben in den vergangenen Wochen beobachtet, dass an europäischen Flughäfen wegen Personalmangels Engpässe aufgetreten sind“, sagt Dominik Manal, Reisesicherheitsexperte von A3M. Etwa am Flughafen Amsterdam Schiphol, wo am vergangenen Wochenende 50 Flüge gestrichen werden mussten. In Frankfurt fielen schon Anfang April zahlreiche Flüge aus. „Die Personaldecke ist an allen Flughäfen Europas derzeit ziemlich dünn“, betont Manal. „Und dort, wo die Arbeitsbedingungen für das verbliebene Personal grenzwertig werden, ist mit Streiks zu rechnen.“
Allein in Frankfurt wurden 4000 Stellen abgebaut
Während der Coronakrise hatten Airlines und Flughafenbetreiber das Personal auf ein Minimum reduziert. Allein Fraport baute in Frankfurt 4000 von 22 000 Stellen ab. „Insgesamt fehlen an deutschen Flughäfen rund 20 Prozent Personal“, sagt Isabelle Polders, Sprecherin des Flughafenverbands ADV. Das betreffe vor allem die Abfertigung, die Bodenverkehrsdienstleister sowie die Luftsicherheitskontrolle. Sprich: den Check-in, das Be- und Entladen der Flugzeuge sowie die Sicherheitskontrollen. Die Folgen für Reisende: lange Schlangen bei der Abfertigung, gestrichene Flüge, verpasste Flüge, weil die Wartezeiten zu lang waren, und fehlendes Catering.
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„Es war klar, dass das Flugaufkommen in diesem Jahr wieder steigen würde. Die Flughäfen und die Airlines stehen in der Pflicht und hatten viele Monate Zeit, genügend Personal dafür zur Verfügung zu stellen“, kritisiert Claudia Brosche, Fluggastrechtsexpertin bei Flightright.
Neues Personal ist nicht in Sicht
Doch neues Personal zu bekommen ist momentan gar nicht so leicht – auch wegen der Arbeitsbedingungen und der Bezahlung. „Der Markt ist leer gefegt“, sagt Manal. Das bestätigt auch Isabelle Polders. Wie in vielen anderen Branchen halte sich die Zahl der Bewerbungen in Grenzen. „Zudem müssen Bewerber, da es sich um sensible Bereiche handelt, eine behördliche Sicherheitsüberprüfung überstehen, die drei bis sechs Monate dauern kann.“ Eine schnelle Lösung des Problems ist somit kaum möglich.
„Viele ehemalige Beschäftigte haben sich anderweitig orientiert, insbesondere im Logistikbereich oder im Einzelhandel“, berichtet auch Jürgen Harrer, Sprecher bei Fraport. „Damit haben derzeit alle Flughafenbetreiber zu kämpfen. Und das wird uns noch Monate begleiten.“ Im Januar hätten die Fluglinien für April mit rund 100 000 Passagieren gerechnet, drei Wochen später sei die Prognose plötzlich auf 150 000 bis 170 000 Passagiere angehoben worden. „Dann haben Sie als Flughafenbetreiber ein Problem, denn so schnell kriegen Sie kein zusätzliches Personal auf dem Markt aktiviert.“
Lange Wartezeiten für Reisende drohen
In Frankfurt sollen noch in diesem Jahr mehr als 1000 neue Mitarbeiter angeworben werden. Bislang habe man aber nur 400 bis 500 Stellen besetzen können, sagt Harrer. Betroffen sei vor allem der Bereich der Bodenverkehrsdienste. Alle anderen Bereiche seien so aufgestellt, dass es in Spitzenzeiten anstrengend werde, aber laufe. Das habe der Osterreiseverkehr gezeigt.
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Reisende müssten sich aber auf Wartezeiten einrichten, etwa bei der Gepäckausgabe. „Da warten sie unter Umständen auch mal ein bis zwei Stunden.“ Nach dem Sommer nehme das Verkehrsvolumen wieder ab, und „wir versuchen danach, weiter Personal aufzubauen, damit wir 2023 in den Spitzenzeiten zwischen Ostern und Oktober wieder gut gerüstet sind“.
Einschränkungen in den Sommerferien
Etwas besser ist die Situation am Stuttgarter Flughafen. „Wir haben während der Pandemie keine größere Zahl an Mitarbeitern verloren“, erklärt eine Sprecherin. Für die Spitzenzeiten im Sommer würden aber 200 weitere Mitarbeiter gesucht, davon seien Stand jetzt 100 Stellen bereits wieder besetzt worden.
Bis wann die Personallücke an deutschen Flughäfen geschlossen werden könne, sei noch nicht abzusehen, sagt Isabelle Polders. Auch Dominik Manal ist pessimistisch: „Wir erwarten, dass sich das bis Sommer noch nicht normalisiert hat. Reisende müssen sich darauf einstellen, dass es zu Einschränkungen kommt.“ Zusätzliche Probleme lauern Manal zufolge im Urlaubsgebiet. „In Griechenland hatten wir jüngst einen Streik auf den Fähren. Ende Mai steht ein Generalstreik in Italien an, der auch Züge und den öffentlichen Nahverkehr betrifft.“
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Was Reisende selber tun können
Vor der Reise
Um Ärger zu vermeiden und Wartezeiten zu minimieren, können auch Passagiere etwas tun. Erster Schritt: „Informieren Sie sich rechtzeitig bei der Airline, ob der Flug auch wirklich stattfindet“, rät Dominik Manal, Reisesicherheitsexperte von A3M. Seien Sie zwei Stunden vor dem Start am Flughafen, um sicherzustellen, dass der Flieger nicht ohne Sie abhebt. Manche Fluglinie empfiehlt sogar zweieinhalb Stunden. Zudem raten Airlines und Flughäfen, den Online-Check-in zu nutzen und das Gepäck am Vorabend aufzugeben. Planen Sie zu Stoßzeiten rund 45 Minuten für den Weg vom Check-in zum Flugsteig ein.
Vor dem Schalter
Informieren Sie sich vorab, was ins Handgepäck darf und wie viel Koffer und Rucksack wiegen dürfen. Halten Sie sich daran. Leeren Sie Ihre Hosentaschen nicht erst, wenn Sie dran sind. Gleiches gilt für Jacke und Gürtel, die Sie am besten während der Wartezeit ausziehen. Wichtige Dokumente wie Reisepass, Flugticket oder Impfnachweis griffbereit haben. Das spart Zeit und Nerven – auch den Passagieren nach Ihnen.