Die warme Jahreszeit hat man sich anders vorgestellt, meint Lokalchef Jan Sellner. Im Vergleich mit anderen Orten kann man allerdings zufrieden sein.
Stuttgart - Die Tage werden kürzer, die Gesichter länger. War’s das schon mit dem Sommer? Oder kommt da noch was? Am Donnerstag, einem dieser herbstlich verkleideten Augusttage, meldete die Deutsche Presse-Agentur, dass sich die ersten Städte im Südwesten mit Streusalz für den Winter eindecken. Eine vorausschauende Maßnahme. Ohne Zweifel. Aber das sind nicht die Nachrichten, auf die man in dieser Jahreszeit wartet. Und der Wetterbericht, der heute nicht mehr losgelöst vom Thema Klimawandel betrachtet werden kann, sorgt auch nicht gerade für Aufheiterung. Demnach steht uns ein weiteres regnerisches Wochenende bevor. Dass am Sonntag die Sommerspiele auch schon wieder vorbei sind, passt ins Bild.
Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper zeigt sich davon unbeeindruckt. Allen Tiefs zum Trotz herrscht bei ihm gerade Hochsommer. Diese Woche ist er zu einer „Sommertour“ durch sämtliche 23 Stadtbezirke aufgebrochen, um sich ein Bild von seiner Stadt zu machen. Noppers Terminplan zufolge dauert der Stuttgarter Sommer bis zum 10. September. Dann wird der OB zum krönenden Abschluss die Bezirke Stuttgart-Süd, Hedelfingen und Wangen besucht haben. Es wäre seiner Sommertour nicht zuträglich, wenn währenddessen bereits gestreut werden müsste.
Der Neckar in Stuttgart ist die B 14 in flüssiger Form
Auch wenn der Summer in the City dieses Jahr ins Wasser fallen sollte – auf Nopper in the City ist Verlass! Beim Auftakt seiner Sommertour in Bad Cannstatt ging’s laut Bekanntmachung auch um die Frage, „wie Bad Cannstatt zur Stadt am Fluss werden kann“. Das klingt seltsam, weil Stuttgarts größter Stadtteil schon seit alters eine Stadt am Fluss ist. Das eigentliche Thema lautet denn auch, wie Stuttgart insgesamt näher an den Neckar rücken und ihn für sich erschließen kann. Trotz vieler Ankündigungen ist das bisher nicht gelungen. Der Neckar in Stuttgart ist die B 14 in flüssiger Form. Wenn Nopper jetzt einen neuen Anlauf unternimmt, die Wasserstraße für ganz Stuttgart zugänglich zu machen, dann war Bad Cannstatt schon deshalb eine Sommerreise wert.
Einige Kilometer entfernt, im Talkessel, bemüht sich das Stadtpalais parallel, Stuttgart als „Stadt am Meer“ zu verkaufen samt Dünen und Wasserrutsche. Fest steht auf jeden Fall, dass Stuttgart die Stadt am Mineralwasser ist – sommers wie winters. In den Mineralbädern Berg und Leuze und dem Solebad in Bad Cannstatt, das in Kürze wieder öffnet, ist die Stadt gefühlt bei sich. Gewissermaßen an der Quelle – auch wenn eine ausgeprägte Badekultur, wie sie Cannstatt im 19. Jahrhundert ausgezeichnet hat, heute leider nicht mehr vorhanden ist. Das wird einem dieser Tage wieder bewusst, wenn Städte wie Baden-Baden, Bad Kissingen oder Bad Ems als Weltkulturerbe ausgezeichnet werden. Die Landeshauptstadt, die über den europaweit größten Mineralwasserschatz nach Budapest verfügt, hätte ein ähnliches Potenzial gehabt. Doch wie stellte ein kluger Beobachter dieser Tage fest: Stuttgart hat seine Badekultur der Industrie geopfert.
Mit Leichtigkeit hat dieser Sommer wenig zu tun
Zurück zu dem, was sich Sommer nennt und an die Scheiben klatscht. Das ist alles andere als schön, aber weit besser als die Gluthitze, die im Süden Europas die Wälder verbrennt. Auch die Bilder aus den Flutgebieten stehen uns noch vor Augen. Insofern sollte man sich über den Sommer in Stuttgart und Umgebung nicht beklagen. Mit Leichtigkeit hat er allerdings wenig zu tun. Und wenn diese dann doch irgendwo aufkommt und das Leben zu flattern beginnt, ziehen tonnenschwere Coronagewichte namens Delta, Lambda, et cetera die Stimmung wieder nach unten. Ganz schön viel Salz also im Jahresgetriebe. Und in sechs Wochen stehen die ersten Lebkuchen in den Regalen.