Um Hausarbeit gibt es in vielen Familien Diskussionen. Eltern erleben ihre Kinder als faul, dabei sind sie eigentlich soziale Wesen, die sich gern einbringen. Was läuft da schief?
Es ist Abend. Die Familie sitzt am gedeckten Tisch. Alle haben Hunger. Getränke werden eingeschenkt, der Saft geht aus. „Kannst du bitte einen aus dem Keller holen?“ In der Wunschvorstellung vieler Eltern antwortet das angesprochene Kind: „Klar, mache ich“ und hüpft – am besten noch fröhlich pfeifend – die Treppe hinunter. In der Realität gibt es eher Diskussionen („Warum immer ich?“), es wird gemotzt („Ich bin doch nicht dein Diener!“) und zurückgemotzt („Wir haben schon gekocht, das kannst jetzt ruhig du übernehmen.“). Und schon ist die gute Stimmung am Tisch passé.
Kinder kommen als soziale Wesen auf die Welt und bringen sich gerne in die Gemeinschaft Familie ein
„Ich wundere mich nicht, dass viele Kinder im Haushalt nicht mithelfen wollen“, sagt Christine Ordnung, Familientherapeutin und Leiterin des Deutsch-Dänischen Instituts für Familientherapie und Beratung. Ihrer Meinung nach liegt das aber nicht daran, dass die Kinder zu faul sind und sich gern im Hotel Mama umsorgen lassen. „Das ist lediglich die Grundhaltung, die viele Eltern, oft auch unterbewusst, zu dem Thema haben“, so Ordnung, die in ihrem Buch „Familie am Tisch“ auch ein Kapitel zum Thema Hausarbeit verfasst hat.
Aus der Forschung weiß man seit rund 50 Jahren, dass Kinder als soziale Wesen auf die Welt kommen und sich gern in die Gemeinschaft Familie einbringen. „Wer noch kleine Kinder hat oder sich an diese Zeit zurückerinnert, weiß, wie gern sie helfen, den Tisch zu decken oder die Waschmaschine einzuräumen“, sagt die Pädagogin Birgit Ertl, die in Stuttgart eine Praxis für Menschlichkeit in Erziehung und Beziehung betreibt. Doch was machen viele Eltern bei ihren Kleinkindern? Sie bremsen ihre Hilfsbereitschaft aus: „Dazu bist du noch zu klein.“ „Die Teller können kaputtgehen.“ „Ich mach das mal, dann geht das schneller.“ Einige Jahre später sitzen sie dann abends am Esstisch, schauen die älteren Kinder an und denken: Jetzt seid ihr groß genug, um zu helfen. Also: „Kannst du bitte einen Saft aus dem Keller holen?“
„In vielen Familien werden die Kinder beim Thema Hausarbeit dann zu Aufgaben-Erfüllern“, meint Christine Ordnung. Die Eltern geben in einer konkreten Situation vor, was zu erledigen ist, das Kind muss es tun, am besten sofort. „Nicht selten fordern Eltern dann Hilfe an, wenn sie selbst überlastet sind oder keine Lust auf etwas haben“, sagt Birgit Ertl. Doch wer abends müde und hungrig am Tisch sitzt, möchte nicht mehr aufstehen, um Getränke zu holen – da geht es Eltern wie Kinder gleich.
„Und nachdem die Aufgabe erfüllt wurde, kontrollieren viele Eltern dann auch noch, ob sie nach ihren Vorstellungen erledigt wurde“, beklagt Christine Ordnung. Genauso wenig, wie Erwachsene Servicepersonal für ihre Kinder sein sollten, wollen auch Kinder nicht zu Pflichterfüllern degradiert werden.
Hausarbeit macht einen großen Teil des Lebens aus
Und trotzdem: Es ist weder zu viel verlangt noch schlecht, wenn Kinder im Haushalt mit anpacken. Im Gegenteil. „Es ist ein fantastisches Lernfeld fürs Leben, aus dem alle viel mitnehmen können“, sagt Christine Ordnung. Beispielsweise, dass man sich in einer Gemeinschaft gegenseitig unterstützt. Dass man ein wichtiger Teil dieser Gemeinschaft ist und auch Verantwortung für deren Gelingen übertragen bekommt. Dass die anderen dies auch sehen und einen in dem, was man beiträgt, wertschätzen und nicht kritisieren. „Um solche Dinge geht es und nicht darum, dass das Kind waschen lernt. Das wird es früher oder später auf jeden Fall lernen“, sagt Christine Ordnung.
Hinzu kommt, dass Hausarbeit einen großen Teil des Lebens ausmacht. „Man kann hier sehr viel an Lebensqualität einbüßen oder sich als Familie gemeinsam entwickeln“, findet Ordnung. Die wichtigste Frage, die sich Eltern dabei stellen sollten: Übernehmen wir Putzen, Waschen, Einkaufen, Kochen, Tischdecken, Autosaugen, Rasenmähen, Fensterputzen und Bettenbeziehen gern für alle? Oder macht sich dabei eine Unzufriedenheit breit, weil die Kinder derweil gemütlich lesend auf dem Sofa liegen und man das eigentlich auch gern mal wieder machen würde? „Dann ist es an der Zeit, diese Unzufriedenheit auch zu äußern und als Eltern die Verantwortung dafür zu übernehmen. Sie haben das Zusammenleben bisher so gestaltet. Und es ist dann auch an ihnen, mit ihren Kindern nach neuen Wegen zu suchen“, sagt Christine Ordnung.
Birgit Ertl findet es hilfreich, dabei einfach mal alle Aufgaben zu notieren, die so bei der täglichen Hausarbeit anfallen. „Dann kann man deutlich sagen, dass man das künftig nicht mehr alles alleine machen möchte. Aber ruhig auch offen gestehen: Ich weiß auch noch nicht, wie wir es anders organisieren können. Das will ich gemeinsam herausfinden“, erklärt Christine Ordnung.
Vielleicht suchen sich die Kinder dann Aufgaben aus, die sie immer übernehmen wollen. Vielleicht schlagen sie einen Plan vor, bei dem die Verantwortungen wechseln. Vielleicht setzt man sich immer sonntags zusammen und schreibt die Dinge, die zu tun sind, auf Post-its, klebt sie an den Kühlschrank und jeder nimmt sich zwei, drei Aufgaben weg. Vielleicht macht man am Samstag eine gemeinsame Großputz-Party mit lauter Musik. Vielleicht erledigt jeder lieber seine Dinge dann, wenn es am besten passt. Vielleicht kommt man als Familie auch zu dem Ergebnis, dass es nur mit einer Haushaltshilfe geht. „Wichtig ist nur, dass man so etwas gemeinsam entscheidet, dass es zu einer Zusammenarbeit im Haushalt kommt und nicht zu einer Mithilfe, bei der die Eltern in der Hierarchie oben stehen und alles nur vorgeben“, sagt Christine Ordnung.
Meckern ist nicht motivierend
Nach einem solchen Gespräch wird es weiterhin Situationen geben, in denen der Müll nicht geleert, die Spülmaschine nicht ausgeräumt und der Saft nicht vor dem Essen hochgeholt wurde. Schnell fallen dann Sätze wie: „Warum hast du den Müll schon wieder nicht rausgebracht?“ Motivierend ist das nicht, schwingt dabei doch unterschwellig die Botschaft mit: Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass du die Dinge erledigst.
Christine Ordnung empfiehlt einen Satz des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul: „Du hast vergessen zu sagen, dass du das heute nicht schaffst.“ Dabei zeigen die Eltern dem Kind: Wir vertrauen dir, dass du normalerweise daran denkst. Und es ist auch erlaubt, eine Aufgabe nicht zu schaffen oder keine Lust dazu zu haben. „Aber dann spricht man ab, wer es dann übernehmen kann“, so Christine Ordnung. Ebenfalls wenig motivierend ist es, Familienmitglieder zu kritisieren, dass sie die Spülmaschine „falsch“ einräumen, die Wäsche nicht richtig sortieren oder das Bad nicht sauber genug putzen. „Wenn es im Haushalt Aufgaben gibt, die mir so wichtig sind, dass kein anderer sie so gut erledigen kann wie ich selbst, dann muss ich sie weiterhin selbst erledigen“, findet Christine Ordnung.
Info
So viel Zeit verschlingt Hausarbeit
Knapp 30 Stunden die Woche arbeiten Frauen unbezahlt, bei Männern sind es 21 Stunden Rund die Hälfte der unbezahlten Tätigkeit setzt sich bei Frauen dabei aus klassischer Hausarbeit wie Kochen, Putzen und Wäsche waschen zusammen. In die Kinderbetreuung investieren Frauen den Ergebnissen zufolge fast doppelt so viel Zeit wie Männer. Diese Zahlen gehen aus der Zeitverwendungserhebung 2022 hervor, welche das Statistische Bundesamt im Februar 2024 veröffentlich hat. Laut der Studie arbeiten Frauen somit insgesamt mehr als Männer. Sie verbringen im Schnitt fast 45,5 Stunden pro Woche mit Arbeit, Männer kommen auf eine 44-Stunden-Woche.