Ciro Ernesto Mansilla kam 2018 nach Deutschland. Nur wenig später wurde er bereits Solist beim Stuttgarter Ballett. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Schon immer hat der Solist des Stuttgarter Balletts davon geträumt, selbst Musik zu machen. Doch das Tanzen nahm seine ganze Zeit ein. Jetzt hat er sich seinen Traum erfüllt.

So kannte man ihn bisher: ein Sonntagabend im Stuttgarter Opernhaus, Vorstellung des Stuttgarter Balletts, mittendrin der Tänzer Ciro Ernesto Mansilla auf der Bühne. Auf dem Programm: „The Place of Choice“, eine Choreografie von Roman Novitzky, in der es eine knappe Stunde lang vom Himmel abwärts in die Unterwelt geht. Das Publikum erlebt den gebürtigen Argentinier als hochprofessionellen Solisten gemeinsam mit der Stuttgarter Weltklasse-Kompanie zu den sphärischen Elektroklängen des US-Komponisten Henry Vega. Für den Zuschauer ein starkes ästhetisches Erlebnis. Für den 31-Jährigen schlicht der anspruchsvolle Berufsalltag.

 

Aber neuerdings gibt es auch noch einen ganz anderen Ciro Ernesto Mansilla zu erleben – zum Beispiel eines Samstagabends im Februar im Juze Backnang, dem laut Eigenwerbung „ältesten noch bestehenden selbstverwalteten Jugendzentrum Deutschlands“ mit Konzertbühne. Hier wütete Mansilla ganz in Schwarz gekleidet auf der Bühne, schrie ins Mikrofon, headbangte, riss sich das T-Shirt vom Leib. Eine solche Energie hat selbst sein großes Vorbild Ozzy Osbourne in jungen Tagen vermutlich nicht versprüht. Man hätte meinen können, Mansilla macht auch das schon sein ganzes Leben lang – dabei stand der Berufstänzer bei der Album Release Show seiner neuen Band „Death by Dissonance“ zum ersten Mal überhaupt als Musiker auf der Bühne.

Gelungener erster Auftritt

Vom Tänzer zum Metal-Sänger – es ist eine bemerkenswerte Geschichte, die wie nebenbei auch noch die Ludwigsburger Modern Death Metal-Band plötzlich weit über ihren bisherigen Wirkungskreis hinaus bekannt macht. In Backnang hatte der bisherige zweite Sänger Maximilian Müller seinen letzten Auftritt, sein Ausstieg stand bereits länger fest. Mit Mansilla als Nachfolger ist Death by Dissonance nun ein wahrer Coup gelungen.

Das neue Duo am Mikrofon bei Death by Dissonance: Jona Eisele (l.) und Ciro Ernesto Mansilla. Foto: Steff Tina

Auch, weil der Auftritt vor einigen Tagen einwandfrei ablief. „Man konnte definitiv sehen, dass er schon Bühnenerfahrung hat“, sagt Bandgründer und erster Sänger Jona Eisele. Mansilla selbst war vor dem Auftritt laut eigenen Angaben ein wenig mulmig zumute – doch Eisele konnte ihn beruhigen: „Ich hatte vor der Show überhaupt keine Zweifel an ihm“, sagt er.

Aus einem Scherz wird Realität

Zuvor geplant hat Mansilla eine Karriere als Musiker nicht. Vielmehr war es eine Aneinanderreihung von Zufällen, die ihn in die Szene gebracht hat. Vor rund zwei Jahren lernte er Eisele auf einer Party kennen, die beiden verstanden sich sofort. Als klar war, dass Eisele einen neuen zweiten Sänger für seine Band braucht, scherzten die beiden noch darüber. „Aus dem Scherz wurde dann Realität“, sagt Mansilla heute.

Der Weg bis zum ersten Auftritt war kurz und anspruchsvoll. Erst Ende vergangenen Jahres kam Mansilla erstmals zur Bandprobe. Professionellen Gesangsunterricht hatte er nie. Einzig Internet-Tutorials, Eiseles Hilfe und ganz viel Üben brachten ihn dorthin, wo er jetzt ist.

„Es war eine komplett andere Erfahrung“, erzählt Mansilla über die Show in Backnang. Zum einen, weil es auf der Bühne eine viel persönlichere Interaktion mit den anderen Bandmitgliedern und den Zuschauern gebe als beim Ballett. Zum anderen, weil er als Sänger sehr viel Freiheit habe – die es im Ballett so natürlich nicht geben kann. Dort ist in der Choreografie genau festgelegt, wann Mansilla was zu tun hat.

Metal-Fan seit der Geburt

Ballettintendant Tamas Detrich hat Mansilla bei dessen Musikprojekt dennoch keine Steine in den Weg gelegt – solange es mit den Aufgaben als Balletttänzer nicht kollidiert. Von seinen Kolleginnen und Kollegen in der Kompanie gab es auch keine negativen Kommentare, oft sogar Bestärkung. „Wir haben alle unsere Nebenprojekte. Manche tanzen noch in anderen Formationen, manche machen Fotografie.“ Und einer geht eben Headbangen.

Ciro Ernesto Mansilla (2. v.r.) im Kreise seiner neuen Freunde und Bandkollegen (v.l.): Jona Eisele, Richard Bartsch und Jan Stoertzenbach. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Ein wenig Angst hatte er anfangs allerdings schon. „Die Welt des Balletts hat keine gute Beziehung zum Metal“, sagt Mansilla. In der Stuttgarter Kompanie gebe es nur einen weiteren „Metalhead“, wie er es nennt. Bei ihm ist das ganz anders: „Ich bin Metal-Fans, seitdem ich geboren wurde.“

Um Karriere als Balletttänzer machen zu können, musste er auf vieles verzichten: Seinen ersten professionellen Vertrag hatte Mansilla bereits mit 13 Jahren in seiner Heimat Argentinien. Ausbildung und Training nahm fast seine gesamte Zeit ein. „Ich habe einen großen Teil meiner Kindheit dadurch verloren“, sagt Mansilla. Mit Freunden ein Projekt zu starten oder einfach nur in den Urlaub fahren – das war alles so nicht möglich. „Es gab immer nur Ballett, Ballett, Ballett.“ Seit 2018 ist er in Stuttgart und Teil des Stuttgarter Balletts.

Traum vom Auftritt in seiner Heimat

Mansilla spielte zwar schon lange mit dem Gedanken, etwas mit Musik zu machen, doch es fehlte ihm schlichtweg die Zeit. Durch den Hauptberuf gab es auch keine Möglichkeit, die meisten seiner großen Metal-Vorbilder einmal live zu sehen, die mittlerweile alle verstorben sind. Dazu zählen Ricardo Iorio, Gründer der berühmten argentinischen Band Almafuerte, Motörhead-Frontmann Lemmy Kilmister – und natürlich Ozzy Osbourne. Als der britische Rockmusiker im vergangenen Jahr starb, sei das, so Mansilla, „das Nine-Eleven für alle Metalheads“ gewesen.

Sein großer Traum ist es nun, eines Tages mit Death by Dissonance in Argentinien zu spielen. Denn die Zuschauer dort seien eine ganz andere Hausnummer als in Europa – „die blasen einem den Kopf weg“. Mansilla ist jemand, der groß träumt – und von seinem Kumpel Eisele immer wieder eingefangen werden muss. Andererseits: Wer es schafft, innerhalb weniger Monate vom Balletttänzer zum Metal-Sänger zu werden und beides gleichzeitig auf höchstem Level auszuüben, dem ist alles zuzutrauen.