Ein wichtiges Zeichen: Solidaritätskundgebung am Montag auf dem Stuttgarter Marktplatz Foto: jse

„Wir stehen an eurer Seite!“ Dieses Ausrufezeichen darf sich nicht in ein Fragezeichen verwandeln. Auch die jüdischen Mitbürger in Stuttgart brauchen unsere anhaltende Solidarität, kommentiert Redakteur Jan Sellner.

Am Samstag vor einer Woche ist geschehen, wovon man angenommen hatte, dass es nie wieder geschehen könnte: ein massenhafter Mord an Juden – und das in Israel, dem Land, das für Juden aus aller Welt einen vermeintlich sicheren Zufluchtsort bietet. Die Schockwellen, die der Terrorangriff der Hamas ausgelöst hat, verübt an einem jüdischen Festtag, reichen um die ganze Welt. Sie sind unmittelbar auch in Stuttgart und der Region zu spüren, wo mannigfache Verbindungen und Kontakte nach Israel bestehen. Die unaussprechlichen Bilder des Terrors, sie wühlen die Menschen auf, sie erschüttern und verunsichern die jüdischen Gemeinden und fügen der langen Reihe schlechter Nachrichten, mit denen wir uns konfrontiert sehen, weitere schlechtere hinzu. Unwillkürlich fragt man sich: Geht’s denn immer noch schlimmer?

 

Die jüdische Gemeinde braucht Rückhalt

Wie bei anderen weltverändernden Ereignissen auch, etwa dem 11. September 2001, fühlt es sich an, als gebe es ein Davor und ein Danach, wobei das Danach völlig unbestimmt ist. Es hat eben erst begonnen. Mit Solidaritätsbekundungen und mit Gegenschlägen am Ort des Geschehens. Es ist zu befürchten, dass die kommenden Wochen in vielerlei Hinsicht zu einer Belastungsprobe werden.

Umso wichtiger ist, dass beherzigt wird, was in den ersten Tagen nach dem Terrorangriff auch gegenüber der jüdischen Gemeinde in Stuttgart vielfach bekräftigt wurde: „Wir stehen an eurer Seite!“ – und dass sich dieses Ausrufezeichen nicht früher oder später in ein Fragezeichen verwandelt. Die jüdische Gemeinde und ihre Mitglieder brauchen diesen Rückhalt. In eindrücklicher Weise erklärte der Zentralrat der Juden in Deutschland: „Die jüdische Gemeinschaft ist stark, standhaft und wehrhaft. Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir stehen zusammen.“

Die jüdischen Kulturwochen finden statt – trotzdem oder gerade deshalb

Diese Haltung ist in besonderer Weise bei der jüdischen Gemeinde in Stuttgart festzustellen. Erschüttert, aber nicht entmutigt hat sie sich dazu entschlossen, an den jüdischen Kulturwochen im November festzuhalten. Es ist die 20. Ausgabe einer zweiwöchigen Reihe, die heute ihren festen Platz im Kulturprogramm der Stadt hat. In 39 Veranstaltungen geht es darum, Brücken und Verständnis aufzubauen, über das Judentum zu informieren und Menschen unterschiedlichen Glaubens einander näher zu bringen. Ihnen ist ein möglichst großer Zuspruch zu wünschen. Respekt verdient auch die Haltung der Vorstandsvorsitzenden und Sprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft, Barbara Traub, die bei allem Schmerz für eine differenzierte Sichtweise plädiert und vor Pauschalurteilen gegenüber Palästinensern warnt.

Zu den Mut machenden Nachrichten dieser Woche zählt auch der vom Stuttgarter Rat der Religionen ausgerichtete Tag der Religionen im Rathaus, ebenfalls mit starker jüdischer Beteiligung. Das Format setzt dort an, wo die größte Hoffnung auf positive Veränderung besteht: bei Kindern und Jugendlichen. Der frühe Austausch mit Menschen, die anderen Glaubens sind und anders denken, überhaupt das gegenseitige Kennenlernen bieten noch am ehesten Aussicht auf ein friedliches Zusammenleben.

Wichtige Zeichen der Stadtgesellschaft

Hoffen lässt auch das zivilgesellschaftliche Engagement in Stuttgart. Das Zusammenstehen für Israel und die jüdischen Mitbürger am Montagabend auf dem Marktplatz war ein wichtiges Zeichen, das weithin ausgestrahlt hat. Das gilt auch für scheinbar kleine Gesten, wie den Umgang des Schauspielhauses mit einer von Unbekannten beschädigten Israelfahne. Nicht abhängen, sondern höher hängen, lautet die Entscheidung. Man könnte auch sagen: nicht zurückstecken, sondern festhalten und zusammenhalten. Darum geht es.