Hoch über den Dächern der Stadt ist jetzt eine PV-Anlage auf dem Neuen Schloss installiert worden. Jedes Modul wiegt 23 Kilo. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Auf dem zentralsten Gebäude Stuttgarts wird jetzt auch Sonnenstrom geerntet. Der Denkmalschutz stellt aber erhöhte Anforderungen. Und selbst die Mauersegler kommen zu ihrem Recht.

Wenn Sie das nächste Mal am Neuen Schloss vorbeigehen, schauen Sie mal hoch aufs Dach: Auf der Seite hin zum Karlsplatz und zum Alten Schloss sind seit wenigen Tagen auf 320 Quadratmetern Fläche Solarmodule angebracht. Womöglich werden Sie aber gar nichts erkennen: Denn die Panels sind den Schieferplatten farblich so gut angepasst, dass sie sich kaum abheben.

 

Wenn Sie tatsächlich nichts sehen, wäre Simon Schreiber mehr als zufrieden. Denn der Leiter des Stuttgarter Amtes des Landesbetriebs Vermögen und Bau und sein Team hatten die schwere Aufgabe zu meistern, auf einem der heiligsten denkmalgeschützten Gebäude der Stadt eine PV-Anlage zu installieren, ohne dessen Charakter zu beeinträchtigen.

Sogar ein Teil des Dachstuhls wurde für Tests nachgebaut

Aber warum überhaupt eine Solaranlage auf dem Neuen Schloss? Ganz sicher wäre es auf anderen landeseigenen Häusern einfacher und günstiger gewesen. Doch zum einen will das Land bis 2030 auf allen geeigneten Dächern Solarstrom ernten, also auch auf schwierigen Dächern. Derzeit sind 211 000 Quadratmeter an Modulen ausgelegt, in fünf Jahren sollen es 600 000 Quadratmeter sein. Das dürfte vermutlich nicht ganz gelingen, aber in den vergangenen zwei Jahren hat der Zubau doch enorm zugelegt.

Zum anderen sei es der Wunsch der Landesregierung gewesen, zu demonstrieren, dass sich Denkmalschutz und Solaranlage selbst auf solchen zentralen Gebäuden wie dem Neuen Schloss nicht ausschlössen, sagt Schreiber: „Wir wollen zeigen, was mit einer PV-Anlage alles möglich ist.“

Und so ist die Anlage auf dem Dachflügel zur Planie hin auf jeden Fall ein modell- und vorbildhaftes Projekt gewesen. Die Planungen hätten sich über längere Zeit hingezogen, erzählt Tanja Werner, die Abteilungsleiterin für den Hochbau. So habe man eine umfangreiche Marktrecherche durchführen müssen, um herauszufinden, welche Module sich eignen und überhaupt verfügbar wären. Man habe sogar einen kleinen Teil des Dachstuhles in Originalgröße nachgebaut, um zu testen, wie sich verschiedene Panels mit der altdeutschen Schieferdecke vertragen.

Drei Bedingungen für Solaranlagen auf dem Neuen Schloss

Das Landesamt für Denkmalpflege ist mittlerweile offen für Solaranlagen auf geschützten Gebäuden, stellt aber Bedingungen. Beim Neuen Schloss waren es drei. Erstens durften die Module nicht über das Dach überstehen. Zweitens sollten die Module ruhig wirken, indem man eine zusammengehörende Fläche bestückt und nicht etwa um Gauben herumbaut. Aus diesem Grund wurden links und rechts auch Blenden in gleicher Farbe angebracht, damit die Panels nicht im Zickzackmuster enden. Und drittens sollte eben die Farbe an das Dach angeglichen werden. Das Team hat sich deshalb für rahmen- und halterlose Module entschieden, die zudem fast einheitlich schwarz aussehen.

Die Solarpanels sind farblich ans Schlossdach angeglichen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/ 

Der Aufbau war alles andere als einfach. Es mussten spezielle Gerüste errichtet werden, und zwar auch auf der Seite des Ehrenhofes, weil die Arbeiter teilweise von dieser Seite her Zugriff auf die andere Dachseite benötigten. Zudem musste im Winter gearbeitet werden – am Neuen Schloss gibt es 70 Nistplätze für Mauersegler, und deshalb musste die Anlage fertig und das Gerüst abgebaut sein, bevor die Vögel zu brüten beginnen. Das ist beides geglückt.

Spätestens Ende Juli soll die Anlage auch in Betrieb gehen. Sie hat eine Leistung von 50 Kilowattpeak, wird also rund 50 000 Kilowattstunden Strom im Jahr produzieren. „Das sind sieben Prozent des Bedarfs im Neuen Schloss“, sagt Simon Schreiber: „Wir verbrauchen also alles selbst und speisen nichts ein.“ Insgesamt wird die Anlage etwa 275 000 Euro kosten, ohne das sicherlich nicht gerade günstige Gerüst. Das sind also etwa 5500 Euro pro Kilowattpeak – bei normalen Anlagen sind 2000 bis 3000 Euro pro Kilowattpeak realistisch.

Insgesamt wird derzeit auf 30 der rund 300 landeseigenen Gebäude in Stuttgart Strom erzeugt – in der Landeshauptstadt hinkt das Land also den eigenen Ansprüchen noch deutlich stärker hinterher als in ganz Baden-Württemberg. Simon Schreiber rechtfertigt dies damit, dass es in Stuttgart nur wenige Landesimmobilien mit Flachdächern gebe, auf denen man schnell und billig Solaranlagen bauen könne. Zudem gehe es nicht darum, möglichst viele Gebäude, sondern möglichst schnell viele Quadratmeter mit Fotovoltaik zu versehen. In nächster Zeit sind große Anlagen auf dem Landtag (1200 Quadratmeter), auf der Hofdienergarage (1600 Quadratmeter) oder auf dem Rotebühlbau (2700 Quadratmeter) geplant.

Wie auch immer: ob sich die Fotovoltaik auf dem Neuen Schloss gelohnt hat, sollen jetzt die Bürger entscheiden. Also schauen Sie hoch!