Laut einer Studie der Krankenkasse DAK zeigt mehr als jedes vierte Kind zwischen zehn und 17 Jahren ein suchtartiges Muster bei der Nutzung von Sozialen Medien (Symbolbild). Foto: Rick Rycroft/AP/dpa

In der Diskussion um ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche äußern sich das Kreisjugendamt, ein Psychiater und eine Schulsozialarbeiterin aus dem Kreis Göppingen.

Manuela Schwesig (SPD) und Hendrik Wüst (CDU) geht es nicht schnell genug, ließen sie in den vergangenen Tagen verlauten: Die Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen wollen, dass Deutschland und die EU beim Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche auf die Tube drücken. Aktuell liegt das Thema bei einer Expertenkommission, die im Sommer ihre Ergebnisse präsentieren will. Die Diskussion in der Öffentlichkeit reißt aber nicht ab. Was sagen Experten aus dem Kreis Göppingen dazu? Beim Kreisjugendamt Göppingen ist man sich der Gefahren von Sozialen Medien bewusst. Mehr als jedes vierte Kind im Alter zwischen zehn und 17 Jahren zeige bei der Nutzung bereits problematische und suchtartige Nutzungsmuster auf, berichtet die Behörde auf Nachfrage mit Verweis auf eine Mediensuchtstudie der Krankenkasse DAK aus dem Jahr 2024. Studien zeigten einen Zusammenhang zwischen intensivem Social-Media-Gebrauch und psychischen Erkrankungen bei Jugendlichen: „Symptome wie Niedergeschlagenheit, Angstgefühle, Stress sowie ein erschwerter Umgang mit negativen Emotionen können sich verstärken.“ Durch digitale „Filterblasen“ könne es zudem zu einer verzerrten Wahrnehmung der Realität kommen.

 

Viele Familien sind mit den Neuerungen überfordert

Generell gilt aus Sicht des Kreisjugendamts: „Sofern es keine ausreichenden Schutzmaßnahmen gibt, funktioniert ein guter Umgang mit Sozialen Medien nur mit stetiger Begleitung Erwachsener und klaren Regeln.“ Viele Familien könnten dies nicht dauerhaft gewährleisten und seien selbst überfordert mit den ständigen Neuerungen. Als technische Schutzmaßnahmen brauche es eine deutliche Kennzeichnung, wenn Bilder mit Filtern bearbeitet oder Inhalte KI-generiert sind, sowie automatisierte zeitliche Limits für Jugendliche. Des Weiteren müsse es eine Möglichkeit geben, die Kontaktaufnahme zu Minderjährigen auf Sozialen Medien zu kontrollieren und suchtfördernde Mechanismen zu beschränken. Denn: „Wenn der Kinder- und Jugendschutz nicht ausreichend sicher gewährleistet werden kann, gibt es – auch aus Sicht der Suchtprävention – keinen gesunden Umgang mit Sozialen Medien für Kinder und Jugendliche.“ Ein potenzielles Social-Media-Verbot sei aber „bundespolitisch zu diskutieren und zu entscheiden“.

Kinderärzte sehen mehr Depressionen, mehr Essstörungen

Eine eindeutige Position bezieht Markus Löble, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) am Göppinger Christophsbad: „Es gibt keinen Grund, Kinder und Jugendliche an die Sozialen Medien und ihre Algorithmen auszuliefern“, sagt er. Seiner Ansicht nach sollte ein Verbot lieber früher als später kommen: „Man darf nicht zulassen, dass ewige Diskussionen dringend nötige Änderungen verwässern.“ Zu viele Verbände, Interessengruppen und Lobbyisten würden dabei mitmischen. Schulen, Eltern und die Psychiatrien dürften derweil die Folgen ausbaden: „Wir sehen mehr Depressionen, mehr Essstörungen und die Abnahme von sinnvollen Freizeitaktivitäten“, berichtet der Mediziner. Es gebe Familien, die völlig zerrieben seien von der Social-Media-Sucht von Kindern oder Jugendlichen, die bis zu acht Stunden täglich Inhalte auf Youtube oder Tiktok konsumierten.​

Ein Social-Media-Verbot könne Eltern dabei helfen, klare Grenzen zu ziehen: „Ich diskutiere ja auch nicht mit einem Achtjährigen darüber, ob er stehlen darf, oder rede so lange auf einen 14-Jährigen ein, bis er freiwillig aufhört Schnaps zu trinken. Es ist einfach verboten.“ Die Gesellschaft müsse eine klare Haltung zeige, fördert Löble. Bei Sozialen Medien dürfe es keine Kompromisse geben: „Sie sind schädlich, darüber herrscht in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Einigkeit.“ Die Nutzung müsse bei Kindern und Jugendlichen so uncool werden, wie es inzwischen das Rauchen sei. Medienkompetenz lernten Kinder und Jugendliche am besten durch Vorbilder: „Sie sehen, wie Erwachsene ihre Freizeit gestalten.“

„Kein pauschales Social-Media-Verbot“

Doris Warnke, Schulsozialarbeiterin der Bruderhausdiakonie an der Gingener Hohensteinschule, sagt dagegen, dass es – vor allem auch aus Kinderrechtsperspektive – eine bessere Lösung geben müsse als ein pauschales Social-Media-Verbot: „Ich kann aber verstehen, dass es andere Meinungen dazu gibt.“ Denn die unbeaufsichtigte Nutzung sei gerade für jüngere Kinder nicht zielführend: „Da kommt es schnell zum Konsum von Inhalten, die nicht gut sind.“ Deshalb sollten Kinder von Anfang bei der Social-Media-Nutzung begleitet werden. Es gebe auch die Möglichkeit, zusammen mit ihnen Apps zu nutzen, die die Kreativität anregen und den passiven Konsum langweilig machen – zum Beispiel, um einen Stop-Motion-Film zu erstellen oder aus Fotos Malvorlagen zu machen. Sehr wichtig sei zudem, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, in der Kinder sich trauen, unangenehme oder angsteinflößende Dinge anzusprechen, die sie in den Sozialen Medien gesehen haben – ohne dass gleich die Wegnahme des Handys im Raum stehe: „Dann sind sie es in der Pubertät schon gewohnt, dass man mit den Eltern redet.“

Auch Markus Seibold, Bereichsleiter der Jugendhilfen Deggingen bei der Bruderhausdiakonie, findet es zu spät, wenn Jugendliche erst mit 16 Jahren in Kontakt mit Sozialen Medien kommen – „gerade dann, wenn sie ohnehin eher oppositionell eingestellt sind“. Ein generelles Verbot bedeute zudem, Jugendliche von einer wichtigen Informationsquelle auszuschließen. Auf alle Fälle müsse in Schule und Elternarbeit Medienpädagogik mehr in den Fokus rücken, sagt er. „Die Entwicklung ist bei den Sozialen Medien so schnell, dass man fast nicht hinterher kommt.“ Warnke bietet regelmäßig in der Gingener Bücherei eine Mediensprechstunde für Eltern an.

Generationen arbeiten zusammen

Projekt
 Gute Erfahrungen hat die Schulsozialarbeiterin Doris Warnke, die Bildungswissenschaft mit Schwerpunkt Medienpädagogik studiert hat, mit einem generationenübergreifenden Angebot gemacht, das sie gerne wieder aufleben lassen würde.

Anregung
Jugendliche und Senioren tauschen sich darüber aus, was sie in ihrer Freizeit machen: „Wenn die Älteren erzählen, dass sie früher einfach zum Nachbar rüber sind, um zu reden, bringt das Jugendlich manchmal schon zum Nachdenken.“