Neugereut war als architektonisch herausragendes Wohnbauprojekt in Stuttgart geplant – dann kamen Hochhäuser. So lebt es sich in dem erstaunlich grünen Stadtteil heute.
Nach langer Zeit wieder mal in Neugereut. Erst war’s ein Stuttgarter Vorzeigebauprojekt, dann das Problemviertel – und jetzt? Ist es ziemlich grün hier, und, außer Vogelzwitschern und Blätterrauschen, sehr ruhig. In dem Stadtteil fahren keine Autos. Drei ältere Frauen mit Kopftüchern und Yogamatten verlassen die Turnhalle an diesem späten Montagnachmittag, schlendern in Richtung Ibisweg.
Zwischen der Turnhalle und dem Architektenhaus im Ibisweg stand früher die gelbe Telefonzelle. Und wenn sie nicht wollte, dass die Eltern die Gespräche in der Diele mithörten, ging die ältere Schwester dorthin. Die kleine Schwester durfte mit. Oft war längere Zeit Stille, die Beziehung mit dem Freund war wohl gerade schwierig.
In den frühen 80er Jahren ist das gewesen. Wer damals hierherzieht, dem fehlt nichts. Ohne einem Auto zu begegnen, geht es zu Fuß zur Stadtteilbücherei, zur Musikschule, zum Jugendhaus, zum Abenteuerspielplatz, zum Konfirmations- oder Firmungsunterricht ins ökumenische Zentrum.
Schokokussbrötchen vom Bäcker Seiler
Wenn die Eltern progressiv genug sind, schicken sie ihre Kinder in die Gesamtschule, die Haupt-, Realschule und Gymnasium beherbergt. Im Einkaufszentrum im Schreibwarenladen Schönherr kauft der Bruder der kleinen Schwester das erste „Hanni und Nanni“-Buch, beim Bäcker Seiler gibt’s super Schokokussbrötchen.
Die Telefonzelle ist längst abgebaut, der Schreibwarenladen ist verschwunden. Aber das Architektenhaus gibt’s noch. Die grauen Platten an der Fassade sind verwittert, dafür wuchern die Pflanzen auf den Balkons umso üppiger, vor allem auf der Rückseite. Das Mehrfamilienhaus wird von den Neugereutern „Schnitz“ genannt, eine Art Pyramide mit wie hineingeschnittenen Balkons und Terrassen. Daher der Name. Peter Faller, einer der Architekten, lebt heute noch da, „gerne“, wie er im Gespräch sagt.
Eigentlich hätte es viel mehr solcher Bauten geben sollen, dazu viel Grün. Im Jahr 1963 gewannen die „Wohnhügel“ der Stuttgarter Architektengemeinschaft Frey, Schröder und Schmidt den städtebaulichen Wettbewerb für das Neubaugebiet Neugereut.
Eine Art Gartenstadt mit fünfgeschossigen Wohnblöcken mit Wohnungen und Terrassen, die in der Form einer langen Pyramide geähnelt hätten. Dazu geplant: ein Hotel, Kinos, Schulen, Einkaufszentrum, Sport- und Spielplätze, eine Straßenbahnanbindung (die kam 2005, 35 Jahre später). Wie ein mittelalterliches Dorf – nur mit Annehmlichkeiten von heute – das hätte Neugereut werden sollen.
Architektonisch vertane Chance
Vergleichbare Bauprojekte hatten die Stuttgarter Architekten in Marl gebaut. Der Stadt in Nordrhein-Westfalen „gereichten die Wohnhügel jenseits der Grenzen zum Ruhme. Baufachleute aus Libyen und den USA, aus Spanien, Belgien und der Tschecheslowakei reisten an“, berichtete das Magazin „Der Spiegel“ 1967.
Wären die Hügelhäuser im großen Stil in Neugereut entstanden, hätte Stuttgart neben der Weißenhofsiedlung mit einem zweiten international architektonisch renommierten Stadtviertel punkten können. Es passierte aber genau das, wovor der Bund Deutscher Architekten schon 1963 in dieser Zeitung gewarnt hatte: Der große Wurf wurde nicht umgesetzt.
Damals herrschte wie heute Wohnungsnot. Gewünscht war Raum für 12 000 bis 14 000 Menschen. Der Siegerentwurf hätte nur Platz für 10 000 Bewohner, Bauträger zeigten zudem wenig Interesse an Wohnhügeln. Frank Lehmann (76) durfte als junger Architekt bei der Arbeitsgemeinschaft Faller und Schröder, die den Auftrag für die städtebauliche Gesamtplanung erhalten hatte, ein terrassiertes, wohnhügelhaftes Mehrfamilienhaus – die „Zickzackhäuser“ – planen.
Der Architekt sagt: „Das Demonstrativbauvorhaben gemäß des Siegerwettbewerbs von 1963 hätte eine tolle Signalwirkung haben können. Was dann entstand, ist vornehmlich eine Ansammlung banaler Bauten.“
Die „Zickzackhäuserkette“ fand auch Gefallen bei Redakteuren dieser Zeitung, wie in einem Stadtteilporträt von 1972 zu lesen ist: „Sie erinnert ein bissle an die Zierlichkeit unserer verlorenen Altstadtviertel, umgeformt auf Beton und komfortable Ansprüche.“
Einige Häuser stehen unter Denkmalschutz
Hochfliegende Pläne wie ein Schwimmbad in der Schule wurden begraben, in den Zeitungsartikeln von damals liest man von städtischer Geldnot. Die Überschriften in den Artikeln dieser Tageszeitung veränderten sich von „Musterbeispiel für modernden Siedlungsbau“ zu „Neugereut: Ein Modell wurde zum Ärgernis“. Jana Schuster (52) sagt es so: „Wenn die Politik etwas nicht will, sagt sie immer, sie habe kein Geld.“ Sie lebt hier seit 1972, ist auch Vorsitzende der Bürgerverein-Initiative Neugereut (BIN) und kümmert sich im 2015 gegründeten Freundeskreis der Neugereuter Starthilfe (NeSt) um Geflüchtete.
Jana Schuster wohnt in einem Zickzackhaus – einem oben aufgeschnittenen Gebilde. Das steht, ebenso wie der „Schnitz“, unter Denkmalschutz. Auch wenn man sich im gemütlichkeitsverliebten Deutschland mit Beton und Hochhäusern schwertut und die Immobilienpreise etwas unter denen in angesagten Vierteln wie dem Stuttgarter Westen liegen – begehrt sind diese Wohnungen doch.
Ein WG-Zimmer kostet hier nicht weniger als eines in der Innenstadt. Wenn man überhaupt etwas findet. Dringend suche sie eine kleine Wohnung, schreibt eine Leserin an unsere Redaktion im Zuge des „Wo wohnt Stuttgart“-Projektes, bisher ohne Erfolg.
Wer Jana Schuster heute besucht, staunt. Im Erdgeschoss sind uneinsehbare Gärtchen, die Wohnungen in den anderen Geschossen verfügen über je ein bis zwei Terrassen. Jana Schuster wohnt in einer lichten Maisonettewohnung mit teilweise sehr hohen Räumen. Ihre Terrasse ist ebenso groß und schön begrünt wie das des Nachbarn Edwin Rogg, der sich in Neugereut seit 2002, wie er sagt, „sehr wohlfühlt“.
Lebensmittel aus der Baracke
Als Jana Schuster 1972 hierherkam, spielte sie mit ihrer Schwester und mit anderen Kindern auf einer Baustelle. „Wir fanden das toll. Ich wohne heute noch gerne hier. Meinen Eltern gefiel das Konzept der Gartenstadt und dass bis auf den Stichstraßen keine Autos fuhren. Die Hochhäuser aber waren eine Enttäuschung.“
Ihre Eltern hatten sich auch für die Gesamtschule eingesetzt. Die wurde 1977 eröffnet. Kinder der ersten Neubaupioniere mussten noch ins benachbarte Steinhaldenfeld zur Grundschule und in die weiterführenden Schulen nach Bad Cannstatt. Lebensmittel gab es nur in einer Baracke, das Einkaufszentrum wurde 1972 eröffnet.
Aufbruchstimmung in den 1970ern
Trotzdem des Baustellendrecks herrschte damals Aufbruchstimmung. So berichtet es Mario Giordan (78), Mieter seit 1971 im ersten Hochhaus. Die „Rottenburg“ wirkt wie eine trutzige Burg: „Von der 14. Etage aus sieht man bis zum Hohen Neuffen auf der Alb.“
Den Namen hat das Haus aber vom Bauträger, der Diözese Rottenburg. Firmen- und Sozialwohnungen gab es hier, inzwischen haben Mieter auch Wohnungen gekauft. „Am Anfang kannte jeder jeden. Wer neu hinzuzog, wurde zu einer Versammlung eingeladen. Wir haben viele Feste gefeiert“, sagt Giordan.
Es war die Hochzeit des basisdemokraktischen Bürger-Engagements. Schnell bildete sich eine Interessensgemeinschaft, die IG Neugereut, die Anliegen der Bewohner – wie eine Umgehungsstraße – energisch durchsetzte und 1972 eine Stadtteilzeitung gründete, erster Chefredakteur war Dieter Golombek (mit der Autorin dieses Textes nicht verwandt).
92 Nationalitäten gibt es hier
Bei einem Treffen des aus der IG Neugereut hervorgegangenen Bürgervereins berichtet der stellvertretende Chef Mario Giordan von damals. Beisitzerin Fatma Coskun lauscht interessiert. Sie hat 1999 mit ihrer Familie eine schöne, große Wohnung in der „Burg“ gekauft, jüngst rief sie ein internationales Sprachcafé ins Leben.
Nationalitäten gibt es hier genug – 92. „Rund 60 Prozent der Bewohner sind Menschen mit Migrationshintergrund“, sagt der Bezirksvorsitzende Ralf Bohlmann. „Eine große Gruppe ist türkischstämmig und aus dem europäischen Einzugsgebiet. Dazu kommen Aussiedler aus der ehemaligen UdSSR.“
Und die Zeit der Drogen- und Jugendbanden, die in den späten 1980ern Schlagzeilen machten? „Die ist lange vorbei“, versichert Bohlmann. „In der Kriminalstatistik gibt es dazu keine besonderen Daten.“ Durch von Stadt und EU geförderte Projekte wie „Soziale Stadt“ sei „viel Positives bewirkt worden“.
Keine Lust auf „Let’s Putz“
Und durch Einsatz wie den des Bürgervereins, durch Menschen wie Fatma Coskun (50): „Im Haus kenne ich viele Familien, man hilft sich. Ich engagiere mich für ein gutes interkulturelles Zusammenleben. Ideen wie das Sprachcafé, wo sich Deutsche und Menschen aus anderen Ländern zwanglos treffen, lassen sich im Stadtteilhaus sehr gut umsetzen.“
Bei einer Sitzung in diesem 2017 neu gebauten Stadtteilzentrum – in dem Seniorennachmittage ebenso wie Krabbelgruppen stattfinden – berät der Bürgerverein über die nächste Feier: Wegen Corona wird das 50-Jahre-Neugereut-Jubiläum von 2021 jetzt am 9. und 10. Juli nachgeholt. Jana Schuster konstatiert lakonisch, dass sich zum Aufruf, vor dem Fest den Stadtteil mit einer „Let‘s Putz“-Aktion aufzuhübschen, von den knapp 8000 Einwohnern genau null Personen gemeldet hätten.
Die Hochzeiten bürgerschaftlicher Beteiligung mögen vorbei sein, aber der 109 Mitglieder zählende Verein ist weiterhin extrem aktiv. Die Stadtteil-Zeitung „Treffpunkt Neugereut“ wird bis heute organisiert und an alle Haushalte gratis verteilt, 2021 gab es dafür den Bürgerpreis.
Der Verein kämpft um die Kirche
Seit Jahrzehnten treffen sich Herren zum Kochkurs, engagiert man sich für Bürgerbelange, gegen Taubenplagen etwa und für ärztliche Versorgung, seit der Kinderarzt keinen Nachfolger gefunden hat und die Praxis schließen musste.
Als bekannt wurde, dass die evangelische Kirche im ökumenischen Zentrum geschlossen werden soll, kämpfte der Verein für den Erhalt. Und vermeldet im aktuellen „Treffpunkt Neugereut“, dass die Pläne aufgegeben wurden. Gelbe Telefonzellen braucht kein Mensch mehr. Aber die Kirche bleibt im Dorf.
Info
„So wohnt Stuttgart“
Was bewegt Mieter in der Region Stuttgart – und wie ticken die Vermieter? Dafür freuen wir uns über Ihre Geschichten und Hinweise. Haben Sie den besten Vermieter der Stadt? Einen Geheimtipp für die Wohnungssuche? Oder wollen Sie Ihren Frust über den Wohnungsmarkt loswerden? Oder sind Sie Vermieter und wollen ihre Mieter am liebsten für immer halten? Und was haben Sie auf der Suche nach dem richtigen Mieter für Ihre Wohnung schon erlebt? Für diese und andere persönliche Geschichten zum Thema Mieten und Wohnen in Stuttgart ist ab sofort unsere E-Mailadresse wohnen@stzn.de freigeschaltet. Schreiben Sie uns!“
Newsletter Architektur und Wohnen
Sie wollen auf dem Laufenden bleiben, was vor Ihrer Haustür und in der Welt passiert? Mit den kostenlosen E-Mail Newslettern der Stuttgarter Zeitung zum Thema Architektur und Wohnen erhalten Sie hier die wichtigsten Nachrichten und spannendsten Geschichten direkt in Ihren Posteingang
Das ist der Link: https://www.stuttgarter-zeitung.de/newsletter