Mit Hilfe eines Experiments, an dem 75 Kinder zwischen 5 und 6 Jahren teilgenommen haben, hat die Universität Maastricht vor einigen Jahren gezeigt: Verbote bringen nichts. „Sie machen Süßigkeiten nur attraktiver Foto: 4965675

Egal ob man dem Kind Süßigkeiten verbietet oder unbegrenzt erlaubt: Das Umfeld kennt viele Alltagsweisheiten, die angeblich zeigen: Das Verhalten ist falsch. Wir haben sechs dieser Sprüche von Experten prüfen lassen.

Stuttgart - Süßigkeiten verbieten oder erlauben? Das Umfeld kennt viele Alltagsweisheiten, die angeblich zeigen: Das Verhalten ist falsch. Wir haben sechs dieser Sprüche von Experten prüfen lassen.

1. Verbote machen Süßes nur attraktiver

In der einen Schale liegen Ananas- und Bananenstücke. In der anderen Schale Gummibärchen und Schokolinsen. Paul, 5, darf zunächst nur Obst essen, die Süßigkeiten sind verboten. In einer zweiten Runde sind auch Süßigkeiten erlaubt. Anna, 6, hingegen darf sich gleich aus beiden Schalen bedienen. Paul hat am Ende dreimal mehr Süßigkeiten gegessen als Anna.

Mit diesem Experiment, an dem 75 Kinder zwischen 5 und 6 Jahren teilgenommen haben, hat die Universität Maastricht vor einigen Jahren gezeigt: Verbote bringen nichts. „Sie machen Süßigkeiten nur attraktiver“, sagt der Ernährungspsychologe ­Christoph Klotter von der Fachhochschule Fulda. Er wünscht sich von manchen ­Eltern mehr Gelassenheit im Umgang mit Süßem. „Lebensmittel dürfen nicht ­dämonisiert werden. Aber es braucht klare Regeln im Umgang.“

2. Was Kinder nicht kennen, vermissen sie nicht

Um Kindern klarzumachen, warum es nicht schon zum Frühstück Schokolade gibt, muss man die Einschränkungen verständlich begründen können. „Nur dann sind es gute ­Regeln, an die sich Kinder auch halten“, sagt der Ernährungspsychologe Christoph ­Klotter. Solche Regeln mit Erklärungen verstehen Kinder aber erst ab einem Alter von zweieinhalb bis drei Jahren. Deshalb ist es sinnvoll, sie bis dahin möglichst von Süßigkeiten fernzuhalten.

„Solange Kinder keine Süßigkeiten ­kennen, vermissen sie nichts“, sagt Silke Restemeyer, Ernährungswissenschaftlerin bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Zumindest beim ersten Kind sei es meist kein Problem, statt Gummibärchen und Kuchen einfach Obst anzubieten. „Die Kinder freuen sich über diese natürliche Süße.“ Jüngere Geschwisterkinder hingegen fordern früh das ein, was die älteren auch bekommen. „Da ist es hilfreich, wenn Süßigkeiten zu Hause nur selten und in kleinen Mengen angeboten werden“, sagt Restemeyer. Ein guter Zeitpunkt sei als Nachtisch nach einer Mahlzeit, „damit man sich nicht an Süßem satt isst“.

3. Süßes spendet Trost

„Es wird wohl Hunger haben.“ Das ist die instinktive Reaktion vieler Menschen, wenn sie ein schreiendes Baby hören. Und so wird schon im Säuglingsalter Essen häufig eingesetzt, um zu trösten. Dafür und zur Belohnung ist es aber nicht geeignet, sagt Manfred Cierpka, Psychotherapeut im Netzwerk Gesund ins Leben. „Kinder, die regelmäßig mit Lebensmitteln beruhigt werden, finden später häufig Trost im Essen.“ Übergewicht oder Essstörungen können die Folgen sein.

4. Süßigkeiten machen hyperaktiv

Aufgedreht rennen die Kinder beim Geburtstag durch die Wohnung. „Das liegt an den vielen Süßigkeiten, die sie gegessen haben“, heißt es immer wieder. Wissenschaftlich belegt werden konnte bislang jedoch nicht, dass Zucker hyperaktiv macht. Enthalten Süßigkeiten jedoch bestimmte Farbstoffe, müssen sie seit einiger Zeit den Warnhinweis „kann Aktivität und Aufmerksamkeit von Kindern beeinträchtigen“ tragen – obwohl auch hier der eindeutige wissenschaftliche Beweis fehlt.

5. Das sind doch extra Kinderkekse

Bärchenwurst, Kinderkekse und Extra-Joghurt für die Kleinen werben zwar um kleine Kunden – sie sind aber meist überhaupt nicht kindgerecht. So hat die Verbraucherorganisation Foodwatch im August bei 280 Lebensmitteln, die sich von ihrer Aufmachung her direkt an Kinder wenden, die Nährstoffzusammensetzungen untersucht – und festgestellt, das 90 Prozent der Produkte zu süß, zu fettig oder zu salzig für Kinder sind. Da rechtlich nicht definiert ist, was ein Kinderlebensmittel ist, sind solche Werbebotschaften jedoch dennoch erlaubt.

6. Beim Einkaufen lässt man Kinder besser zu Hause,

Hier ein Comic auf der Cornflakes-Verpackung, da ein lustig grinsender Schoko-Nikolaus: Supermärkte könnten für Kinder ein Paradies sein. Da sie meist jedoch nicht kaufen dürfen, was sie wollen, sind Trotz und Tränen vorprogrammiert. Zu Hause lassen würde sie Ernährungspsychologe Christoph Klotter dennoch nicht: „Beim Einkaufen lernt man wichtige Ernährungskompetenzen.“ Dazu gehört auch, dem Kind zu erklären, warum Schoko-Nikoläuse allein noch kein vollständiges Weihnachtsessen sind.

Tipps für einen entspannten Umgang mit Süßigkeiten

Naschregeln aufstellen

Wie viel, wann und wo genascht werden darf, dafür sollte man klare Regeln aufstellen – und diese für das Kind gut verständlich begründen. Die Regeln gelten dann für alle Familienmitglieder – auch für Erwachsene.

Süßigkeiten sind Lebensmittel

Süßigkeiten werden ganz normal wie andere Lebensmittel auch behandelt. Deshalb lagern sie auch wie diese in der Küche und nicht im Kinderzimmer oder in einer Schale auf dem Couchtisch.

Sammeln und portionieren

Gibt es wie jetzt zur Adventszeit besonders viele ­Süßigkeiten geschenkt, werden diese gesammelt und in Tagesportionen eingeteilt. Eine solche Ration sollte nicht größer als 50 Gramm sein und maximal 150 Kilokalorien haben, sagt das Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund. Eierkartons eignen sich gut, um in den Löchern Süßigkeiten zu rationieren. Kinder können dann jeden Tag selbst wählen, welche Portion sie haben wollen.

Rationen selbst einteilen lassen

Ab einem Alter von etwa fünf Jahren kann man es dem Kind auch selbst überlassen, ob es jeden Tag ein paar Süßigkeiten haben möchte – oder am Anfang der Woche alle essen will.

Feste Zeiten für Süßigkeiten

Statt ständig zwischendurch zu naschen, gibt es Süßes nur als Nachtisch nach einer richtigen ­Mahlzeit. Dazu bleibt man am besten auch am Tisch sitzen – und genießt in Ruhe.

Wenig Süßes verschenken

Damit sich bei Kindern keine Berge von Süßigkeiten ­ansammeln, schenkt man zu Nikolaus, ­zum Geburtstag oder zu Weihnachten lieber etwas anderes.

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