Beim Fairphone ist der Austausch einzelner Komponenten kein Problem. Foto: StZ

Für Handys werden weltweit Rohstoffe abgebaut – doch sind sogenannte Fairphones wirklich besser?

Stuttgart - Das Leben eines Smartphones beginnt unter der sengenden Sonne Afrikas: Ein Kind wäscht Gold in einer Mine, beispielsweise in Ruanda oder Uganda. Ein Dollar pro Tag, das ist ein übliches Einkommen von Goldschürfern in Afrika, davon kann man dort gerade so leben – aber nur, wenn die Kinder helfen anstatt zur Schule zu gehen. Nur mit Glück finanziert man als westlicher Smartphonekäufer nicht auch noch einen Bürgerkrieg oder Diktatoren. Viele Verbraucher fragen sich, ob es nicht auch anders geht?

Schwierig: Ein fair produziertes, nachhaltiges Smartphone ist eine große Hürde. „Gold ist die größte Herausforderung“, sagt Rüdiger Kühr, Leiter des Programms Sustainable Cycles (nachhaltige Kreisläufe) der United Nations University in Bonn: „Es wird eingeschmolzen, so dass man nicht nachvollziehen kann, woher es kommt. Kein Hersteller kann beweisen, dass es nicht aus sensiblen Bereichen der Welt stammt.“

Doch auch unabhängig davon sind Smartphones derzeit alles andere als nachhaltig: „In ihre Produktion fließen enorme Ressourcen ein“, sagt Kühr, „fast die Hälfte der Elemente aus dem Periodensystem ist in ihnen enthalten.“ Die Einzelteile Ihres Smartphones treten also die Reise an unter anderem von Afrika häufig über China, wo verschiedene Komponenten gefertigt werden, manchmal über die USA nach Deutschland. Und mit der Ankunft bei Ihnen als erster Besitzer tritt auch schon die kürzeste Phase seines Lebens ein: die Nutzungsphase. Zwei Jahre nutzt ein Bürger der westlichen Industrienationen laut Berechnungen der Universität der Vereinten Nationen im Schnitt sein bis zu 700 Euro teures Smartphone.

Viele Nutzer wollen Geräte, die länger halten

„Zuerst geht der Akku kaputt, dann das Display“, sagt Manfred Santen von Greenpeace. Eine Studie der Umweltorganisation hat im August 2016 ergeben, dass ein Großteil der Bundesbürger seine mobilen Geräte gerne länger nutzen würde: Zwei Drittel der 1000 Befragten wünschten sich eine Entschleunigung aufseiten der Anbieter in Form von weniger neuen, dafür haltbareren Modellen. Das ist aus Santens Sicht auch der erste Schritt, die Geräte nachhaltiger zu gestalten: Nicht zuletzt gehe dieses Immer-schneller auch zulasten des Verbrauchers, wie die Vorfälle um die explodierenden Akkus des Samsung Galaxy Note 7 zeigten: „Den Herstellern bleibt keine Zeit für eine ausreichende Qualitätssicherung.“

„Closing and slowing the loop“ sei die Lösung, so Santen: den Kreislauf zu schließen und zu verlangsamen – also nicht nur weniger neue Modelle auf den Markt zu werfen, sondern auch dafür zu sorgen, dass diese reparierbar sind. Auf der Reparaturplattform ifixit.com beobachtet er das seit Jahren, aber es wird eher schlechter als besser: „Das Samsung Galaxy 5 und ältere Geräte lassen sich noch relativ gut reparieren, neuere Modelle eher schlecht.“ Apple hingegen sei bei seinen iPhones ein klein wenig besser geworden, was die Reparierbarkeit betrifft, im Laptop-Bereich hingegen deutlich schlechter. Hintergrund sei der Wettbewerbsdruck, der Smartphones und Notebooks immer dünner werden lasse – angeblich, weil es die Nutzer so wollen. „Samsung verklebt das gesamte Gerät“, sagt Santen. Man kann damit unter Wasser fotografieren. Im Gegenzug heißt das, dass es sich nicht öffnen lässt, um beispielsweise den Akku oder andere Teile auszutauschen oder es zu recyceln. Die einzige löbliche Ausnahme auf dem Markt ist das aktuelle Fairphone 2, das jeder Nutzer einfach selbst auseinanderbauen kann: „Man braucht nur einen Schraubendreher“, lobt Kars­ten Schischke vom Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM in Berlin. Die Komponenten seien extra so kons­truiert, dass sich jede einzelne austauschen lasse. Recyclingfreundlich ist das obendrein.

Ressourcen schlummern in Schubladen

Der größte Feind des Recycling ist allerdings Ihre Schublade: „Die Menschen können sich schwer trennen“, sagt Rüdiger Kühr. „Sie haben eine persönliche Verbindungen zu ihrem Gerät entwickelt und nicht zuletzt Sorge um vertrauliche Daten.“ Schließlich wissen die wenigsten Nutzer, wie man Daten sicher und endgültig von einem Smartphone löscht. In der Schublade freilich sind die Geräte nicht besonders gut aufgehoben, sagt Kühr: „Die Ressourcen schlummern da vor sich hin.“

Ein weiterer Ansatz neben dem Recycling wurde bislang vernachlässigt: eine zweite Verwendung für einzelne Komponenten eines Smartphones zu suchen. Schließlich seien Smartphones kleine Computer, sagt Schischke: „Selbst wenn sich die Technik weiterentwickelt, kann das, was vor ein paar Jahren in ein Smartphone eingebaut wurde, in anderen Produkten eingesetzt werden.“ Beispielsweise in jenen vielen smarten Geräten, die das sogenannte Internet der Dinge hervorbringt – vom Babyfon bis zur Hausautomatisierung. Die Kamera könnte in einer Webcam weiterleben, der Speicher eines Smartphones beispielsweise in einem USB-Stick. Die Fraunhofer Forscher entwickeln dafür eine automatisierte Demontagetechnik für gut verkaufte Smartphone-Marken.

Gesundheitsgefahren in Entwicklungsländern

Am Ende seines Lebens könnte Ihr Smartphone allerdings anstatt in einem deutschen Hochofen ebenso gut wieder in einer Art Goldmine landen. Allerdings einer Mine besonderer Art: „Mining on the ground“ nennen es die Experten, wenn Menschen in Entwicklungsländern Elektrogeräte mit primitivsten Mitteln, roher Gewalt und Chemikalien auseinandernehmen in der Hoffnung auf die enthaltenen Rohstoffe. Nicht selten explodiert dabei ein Akku, noch systematischer aber zerstören die Säuren die Gesundheit der Beteiligten, die mit ihnen das Gold herauswaschen.

Dabei wird unser Elektroschrott keineswegs direkt als Schrott exportiert, sondern häufig mit guter Absicht – zumindest seitens der ahnungslosen Verbraucher: Sie spenden ihre Geräte für karitative Zwecke. „Aber man weiß nicht, wo die hingehen“, sagt Kühr. Immer wieder würden Container an Häfen geöffnet, deren Ziel total unklar sei. Wem die Nachhaltigkeit wirklich am Herzen liegt, für den führt aktuell kein Weg am Fairphone vorbei, sagt Schischke: „Es ist recht nah an der Ultima Ratio, was man an Recycelbarkeit und Reparierbarkeit machen kann.“ Nur: Man kann damit nicht unter Wasser fotografieren. Was vielleicht auch verzichtbar ist.

Recycling von Smartphones

Verhüttung Im Recycling werden gegenwärtig in einem Verhüttungsprozess aus Smartphones vor allem Kupfer und Edelmetalle zurückgewonnen – und wenn sich der Akku entfernen lässt auch Kobalt. Tantal in den Kondensatoren und Wolfram in den Vibrationsmotoren, beides Konfliktmaterialien, sind nach dem derzeitigen Stand der Technik verloren, ebenso wie die Seltene Erde Neodym in den Lautsprechern.

Weiterverwertung Silizium ist in so kleinen Mengen und so aufwendig in den Leiterplatten verbaut, dass sich Recyceln nicht lohnt. „Hier würde es sich eher lohnen zu schauen, ob man die Halbleiter funktional weiter verwenden kann“, sagt Karsten Schischke vom Fraunhofer IZM. In deren Herstellung stecke sehr viel Energie angesichts mehrerer hundert Prozessschritte unter Reinraumbedingungen.

Zukunft Ob das Recycling von Konfliktmaterialien und Seltenen Erden in Smartphones je effizienter und effektiver werden wird, da ist Kars­ten Schischke skeptisch: „Wir unterhalten uns hier über Gramm, Milligramm, teils Mikrogramm – eine Separierung wäre ein enormer Aufwand.“ Das sei das Schicksal kleiner Informationstechnik: Man hat es geschafft, viele Funktionen mit wenig Material zu realisieren – aber viele Materialien feinst verteilt.

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