Schülerin Emilie Wieczorek erklärt dem 90-jährigen Wolfgang Roser neue Funktionen am Smartphone. Foto: /Robin Rudel

Die Digitalisierung schreitet im Alltag voran. Doch ältere Menschen fühlen sich häufig abgehängt. In einem Kurs erklären Schülermedienmentoren des Esslinger Mörike-Gymnasiums Seniorinnen und Senioren nützliche Funktionen am Smartphone.

Es ist nie zu spät, um Neues zu entdecken. Der beste Beweis dafür ist Joachim Wohlfahrt. 99 Jahre ist er alt und ungläubige Blicke gewohnt, sobald er sein Alter nennt. Grinsend holt er deshalb prompt zum Beweis seinen Personalausweis hervor. Und tatsächlich: Im Februar wird er 100 Jahre alt. Der Esslinger ist einer von 23 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sich für den Smartphone-Kurs im Mörike-Gymnasium Esslingen angemeldet haben. Ausgebildete Medienmentorinnen und -mentoren der Schule, die sonst in der Unterstufe im Einsatz sind und über Cybermobbing oder Fake News aufklären, erläutern nun älteren Menschen nützliche Funktionen ihres Handys.

 

Austausch der Generationen

„Man kann immer etwas dazulernen“, findet auch der 90-jährige Wolfgang Roser. Der ehemalige Rektor des Heinrich-Heine-Gymnasiums in Ostfildern schlüpft mit Freude in die Rolle des Schülers und lässt sich von Emilie Wieczorek gerade erklären, wie man Apps löschen kann. „Die Teilnehmer sollen möglichst viel selbst machen und ausprobieren, wir unterstützen nur“, sagt die Zehntklässlerin. Die Idee für diesen Kurs hatte der Stadtseniorenrat Esslingen. Ob Arzt- oder Behördentermine buchen, Tickets für den öffentlichen Nahverkehr kaufen oder mit den Enkeln kommunizieren – vieles funktioniert inzwischen vor allem online. Sich dagegen zu sperren, sei nicht der richtige Weg, findet Sabine Försterling, Pressebeauftragte des Stadtseniorenrats. „Senioren müssen sich mit Neuen Medien auseinandersetzen, sonst werden sie digital abgehängt“, sagt sie. „Viele haben ein Smartphone, setzen es aber nur als Telefon ein. Die vielfältigen Nutzungen kennen sie nicht“, ist ihre Erfahrung, zu groß sei bei vielen die Sorge, etwas falsch zu machen. Auch Joachim Wohlfahrt hat mit seinem Gerät, das ihm die Kinder geschenkt haben, bislang nur telefoniert. Das klappt auch gut, aber der 99-Jährige möchte noch andere Funktionen kennenlernen. Nun klickt er sich beim Kurznachrichtendienst Whatsapp durch. „Und diese kleinen Fotos, das nennt man Profilbilder“, erklärt ihm eine Schülerin.

Der Smartphone-Kurs ermöglicht Begegnungen zwischen den Generationen – ein weiteres Anliegen des Stadtseniorenrats. Das kommt auch bei den Jungen gut an, die man nicht zuletzt daran erkennt, dass sie in Windeseile mit den Daumen tippen können, während die „Digital Immigrants“ oft nur einen Zeigefinger benutzen. Schülermedienmentor David Tarnok ist überzeugt von dem Projekt. „Hier merken die Älteren, dass Digitalisierung doch gar nicht so schlecht ist“, sagt er. „Sie sind sehr lernbereit und hören gut zu“, lobt der Zehntklässler Hanno Flaccus. Je nach Vorwissen werden die Teilnehmer in dem zweistündigen Kurs in möglichst homogene Gruppen eingeteilt. Die 73-jährige Gisela Fischer verschickt zwar regelmäßig Fotos per Smartphone, aber sie war noch nie im Internet. Zusammen mit anderen Teilnehmerinnen versucht sie, einen QR-Code zu scannen. Anfangs hakt es, aber dann klappt es.

Mut, es einfach zu probieren

„Trauen Sie sich, probieren Sie es aus!“, ermuntert Björn Beyer, der als Schulsozialarbeiter das Projekt betreut. Ziel sei, dass die Kursteilnehmer ihre Angst verlieren. Zur Einführung erklärt er wichtige Begriffe, von Browser bis WLAN, die viele vielleicht schon gehört haben und doch nicht so recht wissen, was sich dahinter verbirgt. Zudem nennt er Ansprechpartner, bei denen die Teilnehmer weitere Hilfe bekommen. Diese Liste wird allen zugeschickt – auf Wunsch auch nichtdigital per Post. Die Smartphone-Schulung am Mörike-Gymnasium ist so beliebt, dass es eine Warteliste gibt. Sobald Plätze frei sind, gibt der Stadtseniorenrat dies bekannt.