Eine App zeigt an, ob die Zahnbürste richtig benutzt wird. Foto: lisagerrard99 – Fotolia

Regelmäßige und gute Mundpflege ist bereits in der Kindheit und natürlich auch später wichtig. Eine Zahnputz-App auf dem Smartphone motiviert Kinder zum gründlicheren Zähneputzen.

Greifswald - In der gesunden Mundhöhle tummeln sich über 700 Bakterien. Die meisten sind harmlos, einige Arten allerdings können krank machen. „Zum Schutz vor Letzterem sollten die Zähne bereits vom ersten Zahn an täglich geputzt werden“, rät Christian H. Splieth von der Abteilung für Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde der Universität Greifswald.

Die Mundgesundheit von Drei- bis Siebenjährigen ist die Basis für die spätere Zahngesundheit, betont auch die Kinderzahnärztin Margita Höfer. Regelmäßige und gute Mundpflege soll einer späteren Parodontitis vorbeugen. Das ist eine entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparats, der aus Knochen und Bindegewebe besteht.

Doch die Zahnputz-Realität ist laut einer bundesweiten Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KIGGS-Studie) ernüchternd. Das Zahnputzverhalten von Kindern sollte dringend verbessert werden. Nur wie? Die Kinderzahnärztin Höfer hatte für ihre Masterarbeit an der Universität Greifswald die Idee, das Zähneputzen mit einem dreidimensionalen Erfassungsprogramm über das Smartphone aufzuzeichnen und auszuwerten. Sie untersuchte darauf basierend, inwieweit sich eine Zahnputz-App auf dem Smartphone auf das Zahnputzverhalten und die Zahngesundheit von Kindern auswirkt.

Wer richtigt putzt, bekommt Bonuspunkte

„Kinder sind leicht für Neues zu begeistern. Und die Smartphone-Nutzung ist für sie völlig normal“, sagt Margita Höfer. Sie beschreibt die Vorgehensweise folgendermaßen: Die Kinder putzen die Zähne mit einer speziellen, mittlerweile auch im Handel erhältlichen Zahnbürste namens Rainbow (es gibt sie elektrisch oder als Handausführung), die einen digitalen Bewegungsmesser im Griff hat. Über eine 3-D-Sensorik leitet der Bewegungsmesser in Echtzeit die Zahnputzbewegungen des Kindes via Bluetooth an ein Smartphone weiter. Die App analysiert die Zahnputzbewegungen und vergleicht sie mit idealen Putzbewegungen. Der Lernfortschritt wird dann auf das vernetzte Smartphone gegeben. Für Verbesserungen gibt es Bonuspunkte in Form von Bärchen.

Die Studie stellte fest, dass sich Kinder mit einer Zahnputz-App auf dem Smartphone die Zähne deutlich besser putzen. „Dieser Effekt scheint länger anzuhalten, denn sechs Wochen nachdem die App abgeschaltet wurde, waren die Werte weiterhin gut“, sagt Splieth.

Die Kinder mit Zahnputz-App haben im Vergleich mit Kindern ohne App um 43 Prozent verringerte Zahnbeläge. Ihr Zahnfleischbluten verringerte sich auch um 33 Prozent. Die App hat zudem den Vorteil, dass Kinder damit gutes Zähneputzen erlernen können, wenn die Eltern nur mangelnde Kenntnisse zu Zahnhygiene haben.

„Werden die Zähne ganz unabhängig vom Alter nicht gut genug gereinigt, nehmen die Zahnbeläge, auch Plaque genannt, zu. Die krank machenden Bakterien gewinnen dann die Oberhand“, erzählt der Zahnmediziner Matthias Folwaczny, Leiter der Sektion Parodontologie an der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Wird der Zahnbelag durch Zähneputzen nicht entfernt, lagern sich Mineralien ein, und der Belag verfestigt sich. Dieser Zahnstein begünstigt das Wachstum der Plaque in Richtung Zahnwurzel.

Jeder zweite Erwachsene leidet an Zahnfleischentzündung

Dadurch entsteht zwischen Zahnwurzel und Zahnfleisch ein Spalt, die sogenannte Zahnfleischtasche. Sie stellt für die Bakterien eine fantastische Nische dar. „Bakterielle Stoffwechselprodukte reizen das Zahnfleisch, es entzündet sich. Das Zahnfleisch blutet beim Putzen, es ist rot, geschwollen und empfindlich“, berichtet der Münchner Zahnmediziner.

Infolge des Kleinkriegs zwischen krank machenden Bakterien und Immunsystem wird Kollagen und damit langfristig Bindegewebe und Kieferknochen zerstört. Bezieht man alle Schweregrade ein, dann leidet laut Folwaczny in der Gruppe der 35- bis 44-Jährigen und jener der 65- bis 74-Jährigen etwa jeder zweite Erwachsene in Deutschland an einer Parodontitis. Bei den Personen über 70 Jahren seien sogar etwa 90 Prozent von der entzündlichen Zahnbetterkrankung betroffen. Der Anteil der schweren Parodontitis geht insgesamt zurück.

Die Parodontitis ist eine der Hauptursachen für Zahnverlust und als Entzündungskrankheit ein allgemeines Gesundheitsrisiko. „Bleibt sie unbehandelt, erhöht sie das Risiko beispielsweise für Herzinfarkt, Rheuma, Lungenentzündungen und Typ-2-Diabetes. Bei bereits vorgeschädigten Blutgefäßen verstärkt die Zahnerkrankung das Schlaganfallrisiko“, sagt Folwaczny.

Je früher eine Parodontitis entdeckt wird, desto besser. Dann können geeignetere Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Die Zahnfleischtaschen werden gereinigt, Zahnbeläge und Zahnstein unterhalb der Zahnfleischgrenze entfernt, die Wurzeloberflächen gesäubert und geglättet. Kann wegen zu tiefer Taschen keine vollständige Ausheilung stattfinden, dann muss der Zahnmediziner chirurgisch aktiv werden. Der Zahnarzt kann zunächst Spülungen mit antibakteriellen Mitteln, aber auch Antibiotika einsetzen, um das Bakterienwachstum zu begrenzen. Das bringt aber nicht viel, weil die Bakterien in ihrem Biofilm auf dem Zahn zumeist gut geschützt sind.

Nach der Parodontitis-Behandlung ist der Patient gefordert. „Er sollte alle Zähne mit sämtlichen Flächen zweimal täglich gründlich bürsten. Besonderes Augenmerk brauchen die Zahnzwischenräume. Sie lassen sich mit Zahnseide oder, wenn kein Zahnfleisch im Weg ist, mit speziellen Interdentalraumbürstchen reinigen“, rät Folwaczny. Und nicht zu vergessen: Eine zusätzliche professionelle Zahnreinigung einmal jährlich entfernt Zahnbeläge, die sich trotz aller Zahnputz-Mühen gebildet haben.

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