Kommunikation ist Glückssache, auch bei Ehepaaren. Foto: AP

Die Stimmlage ist oft hässlich, empört, gereizt: Die Menschheit tauscht sich auf allen Kanälen aus. Dabei bleibt die Qualität auf der Strecke.

Stuttgart - Spätestens seit die sozialen Medien so richtig in Schwung gekommen sind, ist klar, dass wir nicht im Informationszeitalter leben, sondern im Kommunikationszeitalter. Der Kommunikationismus wird siegen! Der Weg dahin scheint allerdings kurvenreich, denn die Kommunikation im Netz entwickelt erst mal einen weitgehend negativen Tenor. Die Stimmlage ist oft hässlich, empört, gereizt. Im Schutz der Pseudonymität verdunstet die von direkten Begegnungen gewohnte Affektkontrolle, es wird gepoltert, gelogen, gepöbelt.

Man kann Meinungen austauschen, immerhin etwas Positives. Von Debatten würde ich aber nicht sprechen wollen, denn die Schriftform und die verzweigten Beiträge, von denen jeder den Standard-Facebook-Werkzeugkoffer mit sich herumschleppt, bieten kein gutes Debattenmedium.

Meinungsfreiheit ist ein Recht, aber keine Pflicht

Manche vergessen auch, dass Meinungsfreiheit ein Recht ist, keine Pflicht. Jeder gibt seinen Senf dazu, was im Nahbereich seit eh und je passiert, jetzt aber können auch andere mithören respektive mitlesen. Wände und Abgrenzungen, die zuvor Privatsphäre signalisiert haben, werden durchlässig oder verschwinden ganz. Statt sich zum Telefonieren in eine Zelle oder Kabine zurückzuziehen, beschenkt der Mobiltelefonierer heute seine Umgebung mit Ausschnitten aus seinem Privatleben.

Und für die Bequemlichkeit, die uns Facebook und Co. bieten, nämlich zu Hause sitzen und kostengünstig den eigenen Rotwein trinken zu können und sich online zugleich ganz kneipenhaft zu unterhalten, lassen wir uns eben auch ein bisschen eingehender in die Karten schauen. Faulheit siegt.

Keiner liest mehr, alle schreiben

Quantitativ ist das Kommunikationszeitalter ein voller Erfolg. Die Menschen genießen es, nicht nur wie in den klassischen elektrischen Medien frontalbeschallt zu werden, sondern nun auch selbst Sender sein zu können. Keiner liest mehr, alle schreiben; zumindest manchmal stellt sich dieser Eindruck ein.

Ein möglichst hohes Quantum an Zeit, an Aufmerksamkeit, an Mausklicks möchte die digi­tale Wirtschaft von uns. Qualitativ, siehe hässlich und gereizt, befinden wir uns, ich hoffe sehr, in einer Übergangsphase. Sonderbar ist, dass in manchen Fällen auch das Verlöschen von Kommunikation zu den Symptomen des Kommunikationszeitalters zählt. Mobiltelefonbesitzer etwa telefonieren wenig, senden lieber Textmessages.

Und dann wäre da noch das Ghosting. Begonnen hat es auf Dating-Portalen. Ein Kontakt kommt zustande, man versteht sich, alles ganz wunderbar. Plötzlich ist der andere weg, ohne ein Wort. Durch die Wand hinaus in die Welt entschwebt, wie ein Geist.

Auch aus der Nichtkommunikation lässt sich ein Geschäft machen

Inzwischen breitet sich die Umgangsform auch in der Unternehmenswelt aus. Die US-Notenbank wies im November darauf hin, dass viele Firmen über Arbeitnehmer klagen, die von heute auf morgen nicht mehr zur Arbeit kommen und auch keine Erklärung liefern. Es scheint sich um ein neues, gewissermaßen digitales Verhaltensmuster zu handeln – Null oder Eins. Das Phänomen ist ebenso in Japan verbreitet, und auch hierzulande gibt es zum Beispiel Autoren, die eigentlich ein Buchmanuskript abliefern sollten, aber stattdessen abtauchen. Aus der Nichtkommunikation lässt sich sogar ein Geschäft machen.

Ein Start-up bietet für 400 Euro einen reibungslosen Kündigungsservice an. Er soll Angestellte, die von einem Moment auf den anderen nicht mehr zur Arbeit gehen und der Begegnung mit dem Chef ausweichen wollen, in ihrem Absprungschwung belassen und an ihrer Stelle kommunizieren.

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