Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmittel sparen: In einem Modellprojekt auf dem Ihinger Hof, der Versuchsstation der Universität Hohenheim, wird bei Magstadt im Kreis Böblingen getestet, wie Smart Farming Ressourcen schonen hilft.
Dünger wird immer knapper und immer teurer. Auch das ist eine der vielen Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine. Wenn Landwirte weniger düngen, verringert sich ihr Ertrag, wodurch mittelfristig die Preise für Lebensmittel steigen. Im Landkreis Böblingen wird seit diesem Jahr in einem Modellprojekt ausprobiert, wie man möglicherweise mit halb so viel Dünger mindestens genauso viel ernten und gleichzeitig Umwelt und Klima schonen kann.
Das Projekt hat den Titel „5G-PreCiSe - 5G Pilot Region zu Cloud Infrastructure, Smart Farming & effizienter Düngung im Landkreis Böblingen“. Es wurde im Rahmen des 5G-Innovationswettbewerbs des Bundes ausgewählt und wird mit rund 4 Millionen Euro gefördert. Projektpartner sind neben dem Landkreis auch die Universität Hohenheim, die Hochschule Reutlingen und die Robert Bosch GmbH, Projektort ist der Ihinger Hof an der Straße zwischen Magstadt und Weil der Stadt.
Zwischen Geschichte und Landwirtschaft 4.0
Auf der Versuchsstation der Uni Hohenheim sorgen 33 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dafür, dass den Forschenden genug Ackerfläche für Versuche aller Art zur Verfügung steht, außerdem gibt es einen entsprechend ausgestatteten Maschinenpark und einen Laborbereich. Auf dem Ihinger Hof bewegt man sich zwischen jahrhundertealter württembergischer Geschichte und Landwirtschaft 4.0. Dort wird einerseits historisches Erbe gewahrt und zugleich über die künftige Ernährung der Menschheit nachgedacht.
Markus Pflugfelder ist der Betriebsleiter des Hofs, der als eine der bundesweit führenden Institutionen der agrarwissenschaftlichen Forschung und Entwicklung gerade auch im Bereich Smart-Farming-Technologien gilt. Vom Dach eines 30 Meter hohen Getreidesilos hat Pflugfelder nicht nur den Überblick über „seine“ 230 Hektar Ackerland, er kann sogar bis zum Bosch-Forschungscampus in Renningen schauen, hat sozusagen Blickkontakt zu einem wichtigen Projektpartner. Auf diesem Silodach im mobilfunktechnischen ländlichen Niemandsland wird derzeit eine 5G-Antenne montiert. Diese fünfte Generation des Mobilfunks ist um ein Vielfaches schneller als der Vorgänger LTE und soll ganz neue Anwendungen ermöglichen, zum Beispiel auf einer großen Fläche unmittelbar neben dem Silo.
Die Ackerdaten landen in Echtzeit auf dem Rechner
Für den Modellversuch werden auf dem Acker Hunderte von Sensoren aufgestellt und vergraben. Die Daten über Bodenqualität, Feuchtigkeit, Pflanzen, Umwelt, die sie sammeln, können dank der 5G-Technik in Echtzeit auf die Rechner der Versuchsstation übertragen, dort mit weiteren relevanten Informationen verknüpft und auf Schlepper und andere Landmaschinen übertragen werden, die über eine satellitengestützte, sehr exakte Positionsbestimmung verfügen. Das ermöglicht den zentimetergenauen Einsatz von Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmitteln. „Der Landwirt kann so stärker faktenbasiert als bisher entscheiden, etwa über die Menge der Düngegabe, den Erntezeitpunkt oder über die Fruchtfolge“, heißt es.
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Und: „Bisher ist die Digitalisierung der Betriebe oft mit einem hohen Invest in Technik verbunden und für kleinstrukturierte Betriebe, wie wir sie im Landkreis Böblingen größtenteils haben, nicht rentabel“, so das Landratsamt Böblingen. Durch ein 5G-Netz könnten rechenintensive Aufgaben ohne Zeitverlust auf stationäre Rechner verlagert werden, die Landwirte müssten also nicht wie bisher jeden Schlepper und andere Maschinen mit entsprechender Rechenkapazität ausstatten. Der Betriebsleiter Markus Pflugfelder schätzt, dass durch dieses datenbasierte „Precision Farming“ oder auch „Smart Farming“ beim Saatgut zwischen 10 und 20 Prozent gespart werden können, beim Dünger 40 bis 60 Prozent, beim Pflanzenschutz 40 bis 70 Prozent. Im besten Fall wird also die Umwelt geschont und der Landwirt spart Material und Geld, nicht nur beim Dünger, sondern auch beim Kraftstoff, weil nicht mehr wie bisher immer die komplette Ackerfläche entsprechend bearbeitet werden muss. Die Versuchsflächen am Ihinger Hof sind bereits mit Weizen eingesät, zurzeit wird die Technik beschafft und installiert, dann folgen die ersten Versuche.
Der Weizen ist eingesät, die ersten Versuche folgen
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Das „5G-PreCiSe“-Projekt steht noch am Anfang und läuft bis Ende 2024, hat aber „aufgrund des Ukraine-Krieges eine neue Dimension bekommen“, sagt Simone Hotz, Sprecherin des Landratsamts Böblingen. Wie sich die Preise beispielsweise für Dünger entwickeln, kann noch gar nicht abgeschätzt werden. Aktuell liegen sie nach Angaben aus landwirtschaftlichen Fachkreisen drei- bis fünfmal so hoch wie noch im vorigen Jahr. In Verbindung mit den deutlich höheren Energie- und Kraftstoffpreisen bringt das so manchen Landwirt nicht nur in Deutschland an seine Grenzen. Die PreCiSe-Erkenntnisse könnte man also schon viel früher brauchen.