In der Wilhelmstraße in Reutlingens erhalten die Stadtbummler jetzt Hinweise auf Vergünstigungen auf ihr Handy. Foto: Stadt Reutlingen

Schnell einen freien Parkplatz finden oder Infos über schöne Rabatte bekommen? 500 Sensoren in der Innenstadt machen Reutlingen intelligenter. Einige Anfangsprobleme gibt es aber schon.

Reutlingen - Plötzlich vibriert das Handy in der Jackentasche: Direkt vor dem Laden des Optikers Christian Wittel zeigt ein Blick auf das Smartphone, dass sich ein Gang ins Geschäft lohnen könnte – wegen der Bauarbeiten in der Kanzleistraße bietet Wittel Rabatte bis zu 25 Prozent. „Bei uns bekommen Sie Kies“, heißt sein Slogan.

Dass die neue Reutlinger „SmaRT City“-App die Stadtbummler schnurstracks zu den Schnäppchen führt, ist aber nur eine von vielen Funktionen. Schon bei der Anfahrt weist die App, die man für Android und I-Phone kostenlos herunterladen kann, das Auto zu einem Parkhaus mit freien Plätzen. Oder man kann nach einem bestimmten Laden etwa mit Sportbekleidung suchen und sich hinführen lassen; wenn man das Handy nach links kippt, schaltet sich die Kamera ein und zeigt per Pfeil, in welche Richtung man gehen muss.

Insgesamt hat der Bund drei Millionen Euro bewilligt

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung bezahlt diese „Smart Urban Services“, die in Reutlingen und in Chemnitz getestet werden. Die Federführung hat das Karlsruher Institut für Technologie; neben einigen Firmen wie Bosch sind auch die Universität Stuttgart und das Fraunhofer IAO in Stuttgart beteiligt. Insgesamt hat der Bund für die beiden Stadtlabore drei Millionen Euro bewilligt.

Für Markus Flammer, den Wirtschaftsförderer der Stadt Reutlingen, ist aber gar nicht die App das Wichtigste. Vielmehr wurden in der Innenstadt rund 500 Sensoren und sogenannte Beacons verteilt, die Daten sammeln. Öffentliche Mülleimer machen jetzt das Rathaus darauf aufmerksam, wann eine Leerung nötig ist. Luftwerte und Temperaturen werden gemessen. Zudem stehen bald Daten über freie Parkplätze an den Straßen zur Verfügung. So könnten der Suchverkehr in der Innenstadt reduziert und die Mobilität intelligenter organisiert werden, sagt Flammer. Welche neuen Möglichkeit die Verknüpfung der Daten noch eröffnen, sei völlig offen und solle ja jetzt gerade getestet werden. Denkbar sei etwa, die Mülleimer-Daten mit Veranstaltungsdaten zu verknüpfen – im Umfeld eines Konzertes werden dann rechtzeitig nochmals die Mülleimer geleert.

Der Optiker Christian Wittel, der zudem Vorsitzender der Interessengemeinschaft RTaktiv ist, setzt jedenfalls einige Hoffnung auf das Stadtlabor: „Das ist eine Möglichkeit, um die Stadt attraktiver zu machen und um dem Internethandel Paroli zu bieten.“ Drei blaue, tennisballgroße Sensoren, versteckt am Mobiliar seines Ladens, erkennen Smartphones mit App in der Nähe und senden die Push-Nachrichten.

Bisher wurde die App rund 3000 Mal heruntergeladen

Seit drei Monaten läuft der einjährige Versuch, aber noch hapert es an der einen oder anderen Stelle. Bisher sei die App rund 3000 Mal heruntergeladen worden – das muss noch mehr werden, ist auch Flammer klar. Auch bei den Händlern sei noch eine gewisse Zurückhaltung zu spüren, obwohl bereits mehr als 100 Geschäfte dabei seien. In den nächsten Wochen soll verstärkt für die App geworben werden. Tatsächlich sind auf Nachfrage in den Läden teilweise selbst die Verkäuferinnen nicht informiert. An Angeboten aus der Gastronomie, etwa für einen günstigen Mittagstisch, mangelt es. Auch Schnäppchen-Angebote sind noch rar gesät.

Das Urteil der Kunden fällt daher unterschiedlich aus: Während manche begeistert sind, kritisieren andere die Unübersichtlichkeit und die fehlenden Rabattaktionen. Letzteres ist aber eine Gratwanderung: „Die Menschen sollen sich durch ständige neue Nachrichten nicht belästigt fühlen“, erklärt Wittel. In den nächsten Monaten will man testen, wie der beste Weg aussieht. Derzeit kann höchstens alle 15 Minuten eine Nachricht ausgelöst werden.

Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch sieht das Stadtlabor jedenfalls als Chance, Verkehrsströme künftig besser zu lenken. Gerade Reutlingen ziere dieses Projekt sehr, denn die Stadt sei weltweit der wichtigste Standort für mikro-elektromechanische Sensoren. Täglich produzierten Bosch und andere Firmen drei Millionen Stück. Allerdings scheint das Geschäft mit diesen Sensoren nicht ganz einfach zu sein. In Ludwigsburg, wo Autofahrer per App ebenfalls freie Parklücken entdecken sollten, hat sich Bosch jetzt aus dem Projekt zurückgezogen – der Aufwand sei zu hoch, die Serienreife werde nicht mehr angestrebt, hieß es aus dem Unternehmen. Ein Versuch des Verbandes Region Stuttgart mit 2000 Bosch-Sensoren in Park-and-Ride-Plätzen entlang der S-Bahn-Linien wird zumindest noch zu Ende geführt. In Reutlingen sei das anders gelagerte Projekt nicht in Gefahr, sagt Flammer.

Die Stadtbummler laufen im Übrigen nicht Gefahr, zu viel von sich preiszugeben. Laut dem Bundesministerium hat man großen Wert auf Datensicherheit gelegt – alle Informationen würden bereits an den Sensoren anonymisiert.

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