Fachgespräch: Ginhersteller Hans-Peter Schwarz und Autorin Petra Milde. Foto: Lg/Kovalenko

Gin ist in – auch auf der Slow Food Messe. Dort ist erstmals eine Themenecke für den Wacholderbrand zu finden.

Stuttgart - Die Qual der Wahl dauert. „Ich probiere die Quitten-Kräuter-Essenz!“ Die junge Frau zeigt auf die Flasche im 20er-Jahre-Design, das Etikett in leuchtendem Limettengrün. Ihre Freundin, wohl ebenfalls Anfang 20, zieht eine Schnute. „Kräuter, nee. Lieber ‚O-Honey“`, murmelt sie, während der einzige Mann in der Runde knapp den Klassiker „Tonic“ ordert. Der Andrang am Stand der Ulmer Bar und Limonadenmanufaktur Rosebottel ist enorm. Wie überhaupt in der Spirituosenecke auf der Slow Food, dem „Markt des guten Geschmacks“, der noch bis Sonntag in der Messe stattfindet.

In Halle 9 sind denn auch die Hochprozentigen zu finden. An der langen rustikalen Whiskeybar führen Väter ihre Söhne in Welt des Getreidebrands ein, Mütter prosten ihren Töchtern an der Gin-Corner zu. Die Themenecke zum Wacholderbrand, eine bodenständig stylish aus traditionellen Holzkisten gestaltete Bar-Box, ist neu in diesem Jahr – und bestens besucht. „Gin ist in, gerade auch bei jungen Menschen“, sagt Petra Milde, Autorin des Buchs „99 x Gin. Die besten Wacholderbrände aus aller Welt“. Die Anfrage auf Ginproben nehme zu. „Ursprünglich soll Gin aus den Niederlanden stammen, die Briten haben ihn dann berühmt gemacht. Aber in Deutschland gibt es den Wacholderschnaps auch schon sehr lange.“

Gin muss mindestens 37,5 Volumenprozent Alkohol haben

Tatsächlich existiert längst eine Verordnung der Europäischen Union – und der Schweiz – für das Getränk: Demnach muss Gin einen Alkoholgehalt von mindestens 37,5 Volumenprozent haben. Allerdings liegen viele der guten Abfüllungen zwischen 40 und 48 Prozent, damit der Geschmack runder wirkt angesichts der vielen Aromen. „Der Wacholder ist die Grundlage, den kannst du mit vielen unterschiedlichen Zutaten, so genannten Botanicals, bereichern, jeder hat sein eigenes Rezept“, so Milde. Und Hans-Peter Schwarz, von Anfang an beim 1992 gegründeten deutschen Ableger der Slow-Food-Bewegung dabei, ergänzt, dass sich keiner der Hersteller in Sachen Rezeptur ganz in die Karten schauen lasse.

Schwarz, der mit seinem Tübinger Unternehmen Schwarzstoff die Ginmarke Bro’s Gun herstellt, war einer der Ideengeber der Gin Corner auf der SlowFood. „Hierher kommen nur Hersteller, viele aus der Region, die die strengen Kriterien der Messe erfüllen: Gut, sauber und fair. In den Gins ist kein Zucker, die Zutaten sind regional und nutzen auch der Kulturlandschaft.“

Bis zu 47 Zutaten sind in dem Schnaps

Während er bei Bro’s Gun unter anderem auf Limette, Koriander, Anis, Himbeeren und rosa Pfeffer setzt, nutzen die Macher von Heimat Gin aus Schwaigern, das Obst der eigenen Streuobstwiesen. Applaus Gin aus Stuttgart wiederum ist für seinen Zimt-Aroma bekannt, während Ginstr, ebenfalls „aus 0711 für 0711“ insgesamt 46 Zutaten einsetzt. Darunter selbstgezüchtete Zitrusfrüchte, Rosmarin, Kardamon, Süßholz, Hibiskus und anderes. Ein Botanical mehr findet sich im Kultlabel „Monkey 47“ aus dem Schwarzwald, dessen Rezept – so besagt die Legende – auf den Briten Montgomery Collins, Commander der Royal Air Force, zurückgehen soll. Bleiben noch der Hamburger „Gin Sul“ mit seinen Noten aus Koriander Piment, Lavendel, Zistrose und mehr, sowie „The Duke – Munich Dry Gin“, die beide ebenfalls auf der Messe zu verkosten sind. Die Münchner nutzen als „Drogen“, wie sie es im Fachjargon beschreiben, Kräuter & Gewürze aus rein biologischem Anbau, um ihren Beitrag zum „Gin Craze“ dieser Tage zu leisten.

Bleibt die Frage, warum Gin nun der letzte Schrei ist. „Er ist für jedes Alter etwas und unkompliziert“, so Petra Milde. „Man kann ihn mit vielem kombinieren, gerade im Sommer wunderbare Cocktails zaubern, und er passt bestens zu Slow Food, weil er Natur ist.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: