Winzer aus der Region machen Werbung für pilzwiderstandsfähige Sorten. Sie gelten als die Zukunft des Weinbaus – kommen aber nur bedingt an. Jetzt kann man sie probieren.
Es ist eine klassische Zwickmühle, in der sich die Winzer im Ballungsraum Stuttgart befinden: Spritzen sie ihre Reben, ernten sie kritische Blicke von den vielen Spaziergängern in den Weinbergen, stellen sie ihren Kunden eine Flasche Sauvitage zum Probieren hin, fällt die Reaktion ähnlich aus. „Dieses Thema beschäftigt uns alle“, sagt Timo Saier. Beim Betriebsleiter des Weinguts der Stadt Stuttgart haben sich deshalb ein paar Kollegen zusammengefunden, um Werbung für die pilzwiderstandsfähigen Sorten zu machen. Piwis, wie sie abgekürzt genannt werden, haben einen großen Vorteil: Sie benötigen 80 Prozent weniger Pflanzenschutz als Riesling, Weißburgunder, Trollinger, Spätburgunder oder Merlot. „Aber bei den Kunden haben sie nicht die Akzeptanz wie die klassischen Sorten“, erklärt Timo Saier die Zwickmühle.
Weintrinker sollten den neuen Entwicklungen eine Chance geben, wünschen sich die Winzer und verweisen auf den „Markt des guten Geschmacks“, der Stuttgarter Messe von Slow Food, die am Donnerstag, 9. April, beginnt und bis Sonntag, 12. April, dauert. Dort stellt der Verein Piwi Deutschland in Halle 9 mehr als 30 verschiedene Weine und Sekte aus Piwi-Sorten zum Probieren bereit. „Sowohl Politik als auch die Konsumenten wollen, dass der Pflanzenschutz zurückgeht“, sagt Heinrich Leutenberger von Slow Food, „darauf gibt es nur eine Antwort und die heißt Piwi.“ Vor 25 Jahren waren die ersten dieser robusten Rebsorten wie Regent erhältlich. Sie entstehen durch das Kreuzen von wilden Arten aus Amerika und Asien mit europäischen Sorten. Dennoch liegt ihr Anteil an der Rebfläche in Deutschland bisher nur bei rund 3,5 Prozent.
Werner Kuhnle möchte die Nase vorne haben
Werner Kuhnle aus dem Remstal zählt zu den Pionieren: „Wir haben fast alles, das es gibt“, sagt er über die 13 Piwi-Sorten, die er anbaut. Von seinen Flächen sind 15 Prozent damit bestückt. „Wir möchten die Nase mit vorne haben“, erklärt der Winzer sein Engagement. Die Robustheit der Pflanzen sind für ihn ein großes Plus. Sie hätten den Frost besser überstanden, bei der Lese könnten die Trauben länger hängen gelassen werden, ohne gleich zu verfaulen. Die Esslinger Kollegen vom Teamwerk pflanzten vor zwei Jahrzehnten die ersten Piwis in die steilen Terrassenweinberge am Neckar. „Wir sind sehr experimentierfreudig“, sagt Andreas Rapp, Vorstandsmitglied der Genossenschaft. Mit Cabernet Carbon erzielten sie kaum Ertrag und rissen die Sorte wieder heraus, Souvignier Gris, Sauvitage und Sauvignac gedeihen dagegen gut. Von den 75 Hektar der Genossen sind mittlerweile 1,5 Hektar mit Piwis bepflanzt, geplant sind fünf Hektar. Statt acht Spritzungen genügten dann ein bis zwei, berichtet er, „und jeden Durchgang, den man sparen kann, ist eine Erleichterung und Geld wert“.
Timo Saier testet momentan in der Lage Mönchhalde die Sorte Laurot, die geschmacklich zwischen St. Laurent und Merlot lieg. Etwa fünf Prozent der Weinberge des städtischen Weinguts sind mit Piwis bepflanzt. Der Betriebsleiter verwendet den Wein daraus, um die Cuvées der Linie Stadtwein zu kreieren, sortenrein würde er sich nicht verkaufen, ist er überzeugt. Mit den Namen könnten die Kunden so wenig anfangen wie er selbst. Sie wollten beim Einkaufen lieber auf eine sichere, bekannte Bank setzen. Donauriesling hält er bislang für die beste Namensschöpfung für eine Piwi-Sorte. Die Esslinger verarbeiten ihren Weißwein ebenfalls in einer Cuvée namens Glockenspiel und denken darüber nach, aus Souvignier Gris Sekt herzustellen. Werner Kuhnle baut seine Weine einzeln aus, am besten läuft bei ihm aber die rote Cuvée Tamino. Diese Marke hat das Weinbauinstitut Freiburg aufgebaut, um Piwis unter einem Namen bekannt zu machen. Winzer können sich dem Projekt anschließen. Werner Kuhnle verwendet Cabertin, Regent und Monarch für seine Version des Taminos.
„Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, sagt Heinrich Leutenberger von Slow Food: „Jede Änderung braucht seine Zeit.“ Andreas Rapp zieht den Vergleich zum Elektroauto, das auch nicht sofort zum Bestseller wurde. Timo Saier würde sich freuen, wenn die Verbraucher bereit sind, die neuen Sorten zu probieren wie es auf der Slow Food Messe nun möglich sein wird. „Wer weniger Pflanzenschutz möchte, muss für diese Produkte offen sein“, sagt der Stuttgarter Weingutsleiter.
Nicht nur Wein auf der Messe
Messe
Im Frühjahr finden auf den Fildern gleich zehn Messen auf einen Schlag statt. Von 9. bis 12. April bietet die Messe Stuttgart die Themen Mobilität, Nachhaltigkeit, Genuss, Gesundheit, Kreativität und Gartengestaltung. Neben der Slow Food-Messe „Markt des guten Geschmacks“ können die Besucher auch einen Abstecher zu den BBQ Days machen, bei denen wieder Grillmeisterschaften ausgetragen werden. Fair Handeln, I-Mobility, Zukunft Haus, Garten Outdoor Ambiente, Kreativ, Biohacking Days, Yoga World und Babini, eine Messe rund ums Baby, heißen die anderen Veranstaltungen.
Öffnungszeiten
Die Frühjahrsmessen haben am Donnerstag von 12 bis 20 Uhr und von Freitag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.