Ein Popstar unter den Philosophen: Slavoj Žižek Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek provoziert Linke wie Konservative. Am 21. März wird er 70 Jahre alt.

Stuttgart - Der Weltgeist trägt T-Shirt, Turnschuhe und trinkt Cola light. So könnte man im Rückgriff auf hegelianische Geschichtsphilosophie den endgültigen Sieg des Kapitalismus beschreiben. Doch auch auf seinen erklärten Widersacher trifft diese Charakteristik zu. Der slowenische Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Žižek gewährt in der John-Cranko-Lounge des Stuttgarter Schlossgartenhotels Audienz, was sich natürlich gleich als grundverkehrter Begriff erweist. Denn dieser Weltgeist will nicht abgehoben herrschen oder regieren. Er will vor allem eines: reden, und dies mit einer Kraft und Inständigkeit, als versinke alles in Nichts und Dunkelheit, käme er einmal zu einem Ende. Doch noch ist wenigstens dieses Ende, aller endzeitlichen Symptome seiner Diagnosen zum Trotz, nicht in Sicht.

 

Gerade wurde an der Stuttgarter Oper sein „Antigone-Tribunal“ musikalisch in Szene gesetzt, das auf Verbesserungsvorschlägen für einen der heiligen Grundtexte der Kulturgeschichte beruht. In unvorstellbarer Taktung erscheinen voluminöse Abhandlungen, zeitkritische Glossen, Essays. Allpräsent zwischen Ljubljana, London und New York, wo er jeweils lehrt, schleudert Žižek rastlose Anwendungen philosophischer Unverständlichkeit auf das Leben hinaus. Die der Öffentlichkeit zugewandte Seite seiner Praxis interpretiert aktuelle Angelegenheiten im Licht blühender Anekdoten, filmischer Fallbeispiele, anstößiger Witze und dem vielsagenden Dunkel marxistischer, psychoanalytischer Theoreme, von den Gelbwestenprotesten über Brexit, Trump, Metoo bis hin zu Fragen toxischer Männlichkeit. Und wenn Philosophie darin besteht, die Gesamtheit der Dinge miteinander zu verknüpfen und in Sprache zu verwandeln, dann ist dieses zauselige, am 21. März seinen siebzigsten Geburtstag feiernde, stets zu frivolen Späßen aufgelegte Energiebündel derzeit vermutlich ihre markanteste Verkörperung.

Schon ist man bei Stalin

Er habe nur eine Stunde Zeit, sagt Žižek zur Begrüßung. Eine starre Vorgabe, die er sogleich mit den Auswüchsen seines Kontrollwahns in Verbindung bringt. Und schon ist man bei Stalin, so dass den kurzen Weg vom Foyer zu einem freien Tisch ein Gespräch über die überraschende Faszination des sowjetischen Diktators für den dissidentischen Schriftsteller Michail Bulgakow bestimmt. Hups, da steht ein Klavier, was Žižek auf die Idee eines Accompagnato-Vortrags bringt, den er sogleich zu improvisieren beginnt: „Die Situation ist schrecklich, plingpling, doch es gibt Hoffnung, plingpling.“

So heiter Žižek auftritt, zur Hoffnung gibt es keinen Anlass. „Nullpunkt der Hoffnungslosigkeit“ ist eines seiner letzten Bücher überschrieben, und es zeichnet ein düsteres Bild, in dem Flucht, Terror und ökologische Verwüstung die Welt an den Abgrund geführt haben.

Also eher kein Plingpling. Doch das kleine Intermezzo hat die Unterhaltung umgelenkt. Der Tag ist düster. „Mehr Licht“, zitiert Žižek auf Deutsch die letzten Worte Goethes, um in seinem charakteristischen, slawisch melodiösen Universalsprachen-Englisch mit einer Erörterung der politisch problematischen Züge der Weimarer Heroen fortzufahren. Schillers „Glocke“ ein protofaschistischer Text: „Die Französische Revolution erscheint als hysterisches Weib, wie eine Hyäne, der die treu sorgende Gattin, Hausfrau und Mutter gegenübersteht. Zurück an den Herd, dann wird alles gut, und die Volksgemeinschaft bildet eine große Glocke. Absolut schrecklich.“

Žižek spricht in Gleichnissen

Žižek bestellt eine Cola light oder eine Cola Zero. Egal. Praktisch sind beide gleich, beginnt er zu referieren, so dass man zunächst nicht weiß, Schiller und Goethe oder die beiden Colas? „Ein interessanter Fall von Ideologie“, fährt er fort. Cola light habe ein eher feminines, softes Image, weshalb man dem gleichen Getränk ein männliches Erscheinungsbild verpasst habe. In vielen slowenischen Geschäften habe Cola Zero alle anderen Versionen verdrängt.

Wie Jesus spricht Žižek in Gleichnissen. Nur eben anders. Was wollte er noch einmal am Beispiel des laut dem Urteil eines zeitgenössischen Arztes ungewöhnlich kleinen Penis von Friedrich Nietzsche veranschaulichen? Vielleicht die Koinzidenz des Geringfügigen mit dem Großartigen, die spekulative Identität des Höchsten und des Niedrigsten, die der ebenfalls in Gleichnissen denkende Hegel in den Satz gefasst habe, dass das Sein des Geistes ein Knochen sei?

Mit Blick auf seinen Humor, darf man Žižek, ohne ihm zu nahe zu treten, wohl als groben Knochen bezeichnen. Von politischer Korrektheit hält er wenig. Sie ändere nichts an den Ungerechtigkeiten des Lebens, sondern glaube, sich mit einfachen Sprachregelungen um den fälligen revolutionären Wandel herummogeln zu können. Seine skeptische Haltung gegenüber Flüchtlingen und dem Islam provoziert viele Linke, und man fragt sich zuweilen, wie rechts links eigentlich sein kann?

Er hält sich nicht für einen postmodernen Denker

Žižek signiert seine Aussagen mit einem aparten Sprachfehler, einem sanften Zischlaut. „For example“, leitet er jeweils seine Assoziationsattacken ein. Diesmal wird man auf den Siebenmeilenstiefeln flüchtiger Gedanken nach China getragen. Denn der Kommunismus funktioniert doch, allerdings nur als kapitalistisches Wirtschaftswunder. Der größte Sieg des Marxismus falle realpolitisch mit seiner größten Niederlage zusammen. Währenddessen zersetze im Westen der Kapitalismus die Demokratie: „Populisten wie Trump sind nicht die Gegenspieler des Liberalismus, sondern sein konsequentes Ergebnis“, sagt Žižek und fasst sich an die Nase, ein Tick, der seine Suada gestisch rhythmisiert.

Doch büßt man an den universalen Wahrheitsverzerrungen, an Fake-News und wuchernden Verschwörungstheorien nicht auch für die postmoderne Feier der Lüge? Er sei kein postmoderner Denker, verwahrt sich Žižek. Nebenbei bemerkt hätten sich die schlimmsten Faktenverdreher wie der Holocaustleugner David Irving seines Wissens nie auf postmodernen Relativismus berufen, sondern im Gegenteil auf angeblich objektive Daten. „Fakten gewinnen ihre Wahrheit immer nur innerhalb eines bestimmten Verstehenhorizonts“, sagt Žižek. „For example . . .“ – und weiter geht die Reise: von antisemitischen Historikern, deren zutreffende Aussagen über die dominante Stellung der Juden im gesellschaftlichen Leben der zwanziger Jahre dennoch im Dienst der Lüge standen, zu Hitchcocks Film „Vertigo“ und dem Wirklichwerden der Fantasie. Dazwischen treibt eine Inszenierungsidee zu Wagners „Parsifal“ auf dem reißenden Strom der Rede – ein Bandenkrieg zwischen dem Bordellkönig Klingsor und dem Drogensyndikat der Gralsritter.

Gut gelaunt und ohne Hoffnung

Vielleicht rede er deshalb so manisch, um damit die Unstimmigkeiten seiner Urteile zu überdecken, sagt Žižek einmal in sympathischer Selbstironie. Längst ist die Stunde verstrichen. Seine Frau werde toben, „for example . . .“ Das Ende ist erst der eigentliche Anfang. Die Philosophie beginnt mit der einbrechenden Dämmerung, heißt es bei Hegel. „Wir leben in schwierigen Zeiten, und es gibt keinen Ausweg“, verabschiedet sich Slavoj Žižek gut gelaunt.

Die Unstimmigkeiten unserer Tage werden seine philosophische Praxis mit Sicherheit weiter beschäftigen – in Form einer fortlaufenden öffentlichen Redekur mit der Welt.