Die Ghettofaust ist eine beliebte Begrüßung unter Rappern. Foto: Brock, Sandra

Ghettofaust statt Handschlag: Ein Stadtrat in Marbach will das Begrüßungsritual ändern – aus hygienischen Gründen. Unser Kolumnist denkt weiter: Etwas mehr HipHop-Attitüde würde den Gemeinderat wieder attraktiver machen.

Marbach - Der Handschlag ist eine in unserer Zivilisation tief verwurzelte Geste der Begrüßung. Er bekundet Respekt vor dem Gegenüber und vermittelt diesem gleichzeitig, dass man keine Waffe trägt – was in früheren Zeiten durchaus eine wichtige Information war. Und dennoch ist der Handschlag gefährlich. Denn er überträgt ansteckende Bakterien. In den USA gibt es eine Bewegung, die den Handschlag abschaffen will: „Stop Hand-shaking“. Deren Anliegen ist nun offenbar bis Marbach am Neckar vorgedrungen.

Denn dort schlug jüngst ein Stadtrat der Fraktion Puls (Parteiunabhängige Liste Solidarität) vor, dass die Mitglieder des Gemeinderats sich künftig nicht mehr per Handschlag begrüßen sollen, sondern mit der Faust. Das sei hygienischer.

Die Bakterien werden einfach zermalmt

Nun ist Puls keine Spaßpartei à la Die Partei. Der Vorschlag ist also ernst zu nehmen. Und er ist sogar angemessen: Eine Studie der Universität Aberystwyth in Wales hat herausgefunden, dass bei einer „Ghettofaust“, so nennt man das spielerische Aneinanderschlagen zweier Fäuste zur Begrüßung, bis zu 90 Prozent weniger Bakterien übertragen werden als bei einem Handschlag. Eine mögliche – bislang nicht nachgewiesene – Erklärung könnte sein, dass die Bakterien von den Fäusten einfach zermalmt werden. Die Studie der Universität in der walisischen Stadt, deren Name selbst schon wie eine Infektion klingt, hat übrigens auch noch herausgefunden, dass ein Abklatschen – auch „High Five“ genannt – immerhin 50 Prozent weniger Bakterien überträgt als das Händeschütteln. Die Ghettofaust ist dennoch besser.

War Obama jemals krank?

Denn sie würde nicht nur ein Hygiene-Problem im Gemeinderat (Amtsschimmel!) lösen, sie würde das Gremium auch wieder attraktiver machen. Oder anders gesagt: Make Gemeinderat great again. Der „Fist Bump“ – wie der Faustgruß auch heißt – kommt aus der Hip-Hop-Szene der USA und steht für Lässigkeit und Coolness. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama hat ihn gerne bei seinen Mitarbeitern eingesetzt – das hat ihn beliebt gemacht. Und wann war Barack Obama in seiner Amtszeit bitte jemals krank?

Ein bisschen Street-Credibility könnte dem Gremium Gemeinderat nicht schaden. Oft kommt ja der Vorwurf, die Politiker hätten den Bezug zum Alltag der hart arbeitenden Normalverbraucher verloren. Hinzu kommt, dass immer weniger junge Leute sich für dieses Ehrenamt interessieren. Dem könnte man entgegen wirken. Warum also nicht mal die Ghettofaust geben? Macht man ja sonst auch überall so.

Jürgen Kessing, der Goldketten-OB

Wie muss man sich das dann vorstellen, wenn ein Gemeinderat plötzlich einen auf cool macht? Nehmen wir einfach mal an, der Bürgermeister würde bei jeder Sitzung seine voluminöse goldene Stadtkette tragen. Die Traditionsklunker machen ordentlich was her, da wird manch amerikanischer Rapper neidisch.

Nehmen wir weiterhin an, der Bietigheimer Rapper Shindy säße im Gemeinderat. Er fährt in seinem weißen AMG zu den Sitzungen vor, seine attraktiven jungen Begleiterinnen (immer mindestens zwei) nehmen auf den Publikumsrängen Platz, während er sich bei den Abstimmungen gelegentlich aus der Champagnerflasche im Eiseimer vor sich bedient. Seine Repliken auf Vorredner werden als Punchline ins Mikrofon gerappt und wenn jemand zu sehr disst, bekommt er oder sie Beef mit dem Sitzungsleiter, dem Goldketten-OB Jürgen Kessing. So etwas würden sich doch bestimmt viele Bürger anschauen, gerade auch junge Leute. Wenn das alles den Stadträten von heute zu blöd ist, haben sie immer noch eine Alternative: Händewaschen.

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