Lebende Ikone: Mitsuko Uchida kommt nach Stuttgart Foto: Decca/Justin Pumfrey

Die Südwestdeutsche Konzertdirektion Russ hat ihre Stuttgarter Klassik-Konzerte in der Saison 2019/20 vorgestellt.

Stuttgart - Eine solche Saisoneröffnung gab es schon lange nicht mehr. „Ich bin so glücklich“, freut sich Michaela Russ, Geschäftsführerin der Südwestdeutschen Konzertdirektion Stuttgart Erwin Russ (SKS Russ). Glücklich ist die Thronerbin der Stuttgarter Konzertveranstalter-Dynastie Russ ohnehin oft, wenn sie von der Loge aus hören, sehen und spüren kann, wie Stars der Klassik-Szene das Publikum im Beethovensaal begeistern. Besonders glücklich ist sie jetzt aber vor allem darüber, dass nach einer Pause von gut vier Jahren endlich wieder das Gewandhausorchester Leipzig in Stuttgart zu Gast sein wird – jetzt mit seinem Chefdirigenten Andris Nelsons, der am 24. Oktober beim ersten Abend der „Meisterkonzerte“ unter anderem Mendelssohns „Schottische“ Sinfonie und Schumanns Cellokonzert (mit Gautier Capuçon) dirigieren wird.

Den teuren Saisonauftakt macht auch die Firma Porsche möglich – was allerdings eine Ausnahme ist, und immer wieder betont die Frau, die man früher eine Impresaria genannt hätte, wie sehr die SKS Russ als privater, nicht subventionierter Konzertveranstalter bei der Gestaltung ihrer vier Abonnementsreihen auf eine passable Balance von Einnahmen und Ausgaben achten muss. Ein schwieriges Unterfangen: Das Publikum, das man hat, will man halten, gleichzeitig aber auch neue Zuhörer gewinnen; interessant sollen die Konzerte sein, aber wer zu viel wagt, verliert Publikum.

Im Zentrum stehen Klassik und Romantik

So kommt es, dass auch in der kommenden Saison zumal in den von sinkenden Besucherzahlen betroffenen Orchesterreihen bekannte Werke des klassischen und romantischen Repertoires im Mittelpunkt stehen – einerseits. Andererseits aber gibt es auch behutsame Experimente: Philippe Herreweghe und sein mit historischem Instrumentarium bestücktes Orchestre des Champs-Elysées werden im November nicht wieder Beethoven spielen, sondern Dvoráks achte Sinfonie und (gemeinsam mit der Geigerin Isabelle Faust) Brahms’ Violinkonzert. Als Solistin wird Sol Gabetta mit der Tschechischen Philharmonie unter Jakub Hrusa nicht Barockes darbieten, sondern Dvoráks Cellokonzert. Und beim Konzert des SWR-Symphonieorchesters (Michaela Russ: „Vom Hype um Teodor Currentzis würde ich gerne profitieren!“) unter Roger Norrington wird vor allem Romantisches (inklusive Edward Elgars „Enigma-Variationen“) auf dem Programm stehen.

Viele große und/oder zurzeit hoch gehandelte Namen der Szene sind außerdem in den zwei Orchesterreihen „Meisterkonzerte“ und „Faszination Klassik“ dabei, darunter der hochinteressante koreanische Chopin-Preisträger Seong-Jin Cho, der auch alleine in der Reihe „Meisterpianisten“ auftritt, seine Klavier-Kollegen Fazil Say, Khatja Buniatishvili und Lucas Debargue, die Geigerinnen Janine Jansen und Tanja Becker-Bender, der Trompeter Sergej Nakariakov, die Klarinettisten Sabine Meyer und Sebastian Manz und der Hornist Felix Klieser. Außerdem können sich viele Fans des ehemaligen Generalmusikdirektors Manfred Honeck auf ein Wiedersehen mit dem Dirigenten am Pult des Gstaad Festival Orchestra freuen.

Ivo Pogorelich ist wieder da!

Auch die Reihe „Meisterpianisten“ beginnt mit einem Paukenschlag: Die große alte Dame des Klaviers, Mitsuko Uchida, die zuletzt vor dreizehn Jahren in Stuttgart gastierte (damals mit einem Beethoven-Programm), kommt endlich wieder – diesmal mit Schubert pur. Lauter späte Sonaten werden an diesem Abend zu hören sein; von der Frau mit dem wunderbar wandelbaren Anschlag ist ein sehr besonderer Auftritt zu erwarten. Die Klavierreihe bringt außerdem neben einem Konzert mit dem immer wieder unglaublichen Grigory Sokolov Wiederbegegnungen unter anderen mit Marc-André Hamelin, Mikhail Pletnev – und, ja, wirklich! – Ivo Pogorelich, der nach langer Auszeit (in Stuttgart war er zuletzt 2003!) zurzeit eine Art zweiten Tastenfrühling erlebt. Nach Stuttgart kommt Pogorelich mit Werken von Bach, Beethoven, Chopin und Ravel.

Am wenigsten Sorgen macht Michaela Russ die gut besuchte Kammermusikreihe. Dort findet sich immer wieder auch jüngeres Publikum ein – mit gutem Grund, denn auch unter den auftretenden Ensembles sind etliche der nachwachsenden Generation. So geben 2019/20 das Diotima-Quartett, das Novus String Quartet und das englische Busch Trio ihre Stuttgart-Debüts, außerdem werden die Publikumsmagneten Quatuor Ebène, Quatuor Modigliani und Vision String Quartet in den Mozartsaal zurückkehren.

Unter den Sonderkonzerten findet sich das Stuttgart-Debüt des Organisten Cameron Carpenter (am 2. Dezember im Theaterhaus), das traditionelle Jahresschlusskonzert mit Beethovens neunter Sinfonie, gespielt von den diesmal von Dan Ettinger geleiteten Stuttgarter Philharmonikern, sowie Schuberts Dauerbrenner in Stuttgart, das „Forellenquintett“, serviert vom Trio Opus 8, ergänzt durch Susanne von Gutzeit und Mini Schulz.

Und sonst? Die Preise für die Abonnements bleiben gleich, für Abonnenten gibt es am 30. Juni ein exklusives „Treue-Konzert“. Mit Beginn der kommenden Saison bringt die SKS Russ auf ihrer Homepage Fahrgemeinschaften zu den Konzerten zusammen. Die zuletzt kaum mehr besuchte Vorverkaufsstelle der SKS Russ schließt am 30. Juni, das Abonnementbüro bleibt bestehen, und nach der Übernahme der Konzertagentur Esslinger zum 1. Juli will die SKS Russ auch „als Agentur wieder aktiver werden“. Es gibt viel zu tun – und vieles, auf das sich nicht nur Michaela Russ freuen kann.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: